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[Hörspiel] Oscar Wilde: Das Bildnis der Dorian Gray

Originaltitel: The Picture of Dorian Gray
Gruselkabinett, Teil 36/37

Inhalt:
London in den 1890er Jahren: Basil Hallward, ein talentierter Maler, verliebt sich in den jungen Dorian Gray und will seine faszinierende Jugend und Schönheit in einem Portrait festhalten. Dorian, durch den Anblick seiner selbst hingerissen, äußert den kühnen Wunsch, dass er nie altern, sondern das Bild dieses Schicksal auf sich nehmen solle. Dafür wäre er sogar bereit, seine Seele zu opfern…
Verführt durch den charismatischen Lord Henry Wotton, gibt sich Dorian Gray schließlich ganz den sinnlichen Gelüsten eines zügellosen Lebens hin und verfällt in einen Strudel der Leidenschaften. Doch weder die Zeit noch die Exzesse zeigen Spuren auf seinem jugendlichen Antlitz. Einzig sein Portrait verändert sich auf eigentümliche Weise…

Kommentar:
Titania legt mit Oscar Wildes »Das Bildnis des Dorian Gray« einmal mehr eine Adaption mit Top-Sprechern vor, die dem Klassiker der Weltliteratur alles in allem durchaus gerecht wird und die sich recht eng an der Vorlage hält. Das heißt aber gleichzeitig, dass man es hier mitnichten mit einem schaurigen Gruselstoff zu tun hat, sondern mit einer Moralkritik gegen übertriebenen Ästhetizismus und Hedonismus. Entsprechend anstrengend sind die ausufernden theoretischen Dialoge, angereichert mit all den mehr oder weniger geistreichen Sinnsprüchen zu Schönheit, Moral und dem Leben an sich. Nicht falsch verstehen, ich liebe Oscar Wildes Aphorismen und hab ein ganzes Buch damit, aber in heutigen Zeiten wirken sie im Kontext des Romans weniger originell als bemüht und überzogen – zumindest in dieser Intensität. Zunächst machen die Ausführungen noch Spaß, doch mit der Zeit kommt stellenweise doch arge Langeweile auf, zumal sonst sehr, sehr wenig passiert.

Wer den Roman kennt, weiß natürlich von vornherein sehr genau, worauf er sich einlässt. Wer hingegen einen Gruselstoff erwartet – was ja irgendwie nicht zu verdenken wäre beim Kauf eines Gruselkabinett-Hörspiels –, der dürfte bitter enttäuscht werden. Man versucht zwar zum Teil, dem ungruseligen Stoff ein wenig entgegenzuwirken, indem man Lord Henry stellenweise recht teuflische Züge gibt (weit teuflischer, als ich ihn beim Lesen des Buchs empfunden habe) und sich in den Szenen mit dem Portrait um eine schaurige Stimmung bemüht. Das reicht aber noch lange nicht, um aus »Das Bildnis des Dorian Gray« ein Gruselhörspiel zu machen!

Ich habe keine Ahnung, was Titania bewegt, Stoffe wie diesen in ihr Gruselkabinett aufzunehmen, die da thematisch einfach nichts zu suchen haben; das dürfte im Wesentlich zu enttäuschten Erwartungen und entsprechenden Kritiken führen – wie es ja zuvor auch schon bei »Der Glöckner von Notre Dame« der Fall war. Ich bin gespannt auf die ausstehende Adaption von Austens »Northanger Abbey«, ein Buch, das ja außer ein Liebesroman wenigstens eine Satire auf den Schauerroman der damaligen Zeit ist.

Fazit:
Als werksgetreue Literaturadaption ziemlich gut gelungen, letztendlich aber ein ganz schön anstrengender und fürs Gruselkabinett ein vollkommen deplatzierter Stoff.

Jane Feather: Die perfekte Braut

Originaltitel: The Bride Hunt
Duncan Sisters, Book 2

Inhalt:
Die drei adligen Schwestern Prudence, Constance und Chastity, Herausgeberinnen des Suffragettenmagazins »The Mayfair Lady«, bezichtigen in ihrem Blatt Lord Barcley des sexuellen Missbrauchs seiner weiblichen Angestellten sowie betrügerischer finanzieller Machenschaften. Als ihnen daraufhin eine Verleumdungsklage ins Haus flattert, ist die Sorge groß, denn hieb- und stichfeste Beweise für ihre Anschuldigungen haben sie nicht. In ihrer Verzweiflung wenden sie sich an den Anwalt Sir Gideon Malvern, der für seine außerordentlichen Fähigkeiten im Gerichtssaal gerühmt wird und im Ruf steht, auch schwierige Fälle gewinnen zu können. Obwohl er den Fall der Schwestern für ziemlich aussichtslos hält, lässt er sich von Prudence überzeugen, ihn trotzdem anzunehmen, denn die rothaarige Schönheit hat auch sein privates Interesse geweckt …

Kommentar:
»Die perfekte Braut« ist zwar der zweite Teil einer Trilogie um drei Schwestern, kann aber problemlos ohne Kenntnis des ersten Bandes gelesen werden, in dem die älteste Schwester Constance unter die Haube kommt. Diesmal wird die vernünftige Prudence an den Mann gebracht: an den reichen Anwalt Sir Gideon, der die Verleumdungsklage abschmettern soll. Doch die Vorzeichen stehen alles andere als gut, denn Gideon hält die Lord Barcleys Klage für gerechtfertigt und empört sich in typisch männlicher Manier über die vermeintlich haltlosen Anschuldigungen. Nur weil Prudence sein privates Interesse weckt und es außerdem schafft, ihn bei seiner Ehre zu packen, übernimmt er schließlich den Fall mit dem Ziel, nicht nur die Verleumdungsklage abzuwenden, sondern darüber hinaus eine Schadensersatzklage gegen Lord Barclay anzustrengen. Als Honorar dafür verlangt er die Anwaltskosten und sowie 80 Prozent der Schadensersatzsumme. Die praktisch veranlagte Prudence, die auf jeden Cent angewiesen ist, um den Lebensunterhalt der verarmten Familie zu bestreiten, ist von der 80:20-Regelung alles andere als begeistert und setzt nach einigen Diskussionen ihren Gegenvorschlag durch: Die Schwestern, die ganz nebenbei eine Kontaktservice betreiben, dürfen versuchen, eine Frau für den geschiedenen Anwalt zu finden. Gelingt ihnen dies, erhalten sie die komplette Schadensersatzsumme; haben sie keinen Erfolg, erhält der Anwalt seine 80 Prozent. Obwohl der Anwalt gar keine Frau sucht, lässt er sich auf diesen absurden Vorschlag ein.

Kaum sind damit die Rahmenbedingungen für den Roman geschaffen, macht sich Langeweile breit. Der Fall wird in allen möglichen Gesprächskonstellationen immer wieder durchgekaut (Prudence mit Gideon, Prudence mit der jüngeren Schwester Chastity, Prudence mit der älteren Schwester Constanze, Prudence mit beiden Schwestern, Prudence mit beiden Schwestern und dem Schwager usw.), darüber hinaus verbringt Prudence natürlich jede Menge Zeit damit, in jedem passenden und unpassenden Moment Gideon mit trampeligen Fragen bzgl. Ex- sowie seiner Wunschgattin zur Weißglut zu bringen; nicht mal nach einer gemeinsam verbrachten heißen Nacht kann sie es lassen. Warum sollte sie auch, sie beharrt ja darauf, kein Interesse an Gideon zu haben – außer vielleicht sexuell. Komischerweise gefällt es ihr dennoch nicht besonders, als die Ex-Frau ihres Liebhabers unvermittelt ins Haus schneit. Überhaupt wird es an dieser Stelle ziemlich abstrus, denn zunächst überredet Prudence den unwilligen Gideon, seiner armen Ex-Frau Quartier zu gewähren; kaum hat sie ihn davon überzeugt, beendet sie die Affäre aber mit der Begründung, dass man ja nun nicht einfach so weitermachen könne wie bisher, wo seine Ex-Frau im Haus lebt. Dieser Kniff soll wohl die Spannung und Dramatik kurz vor Ende noch mal anheben!

Jane Feather erzählt extrem weitschweifig und detailverliebt. Man wird den Eindruck nicht los, dass sie sich wahnsinnig viel Wissen über die spätviktorianische Zeit angelesen hat, dieses aber auch unbedingt loswerden muss. Da werden gerne auch mal gleich drei für ein Rendezvous zur Auswahl stehende Kleider hinsichtlich Farbe, Material, Schnitt, Spitze, Knöpfe bis ins letzte Detail beschrieben, ebenso wie Speisen und deren Geschmack, Menüs und Zubereitungen. Banalitäten wie z.B. dem Tranchiervorgang oder dem sorgfältigen Entkorken einer Weinflasche wird dabei ausreichend – um nicht zu sagen: mehr als genug! – Platz eingeräumt. Hinzu kommt sinnloses ausuferndes Namedropping berühmter zeitgenössischer Autoren (inklusive zahlreicher Zitate, die unsere schlaue Heldin selbstverständlich aus dem FF kennt) sowie einer Vielzahl von Weinensorten, von denen ich noch nie gehört habe.
Ganz ehrlich: Ich finde es toll und wichtig und richtig, dass sich auch Autorinnen »seichter« historischer Liebesromane mit der Zeit, über die sie schreiben, ernsthaft auseinandersetzen, aber dieses Hintergrundwissen sollte eher dazu dienen, den Zeitgeist zu verstehen und einzufangen – und nicht auf Teufel komm raus weitervermittelt werden. Feathers Vorgehen wirkt einfach wahnsinnnig bemüht. Im Zusammenhang mit dem korrekten historischen Kontext frage ich mich außerdem, wie wahrscheinlich es ist, dass Prudence ohne »Not« und nicht mal aus Liebe, sondern aus reiner sexueller Neugierde ihre Jungfräulichkeit geopfert hat. Frauenrechtlerin hin oder her, sie ist eine Adlige im ausgehenden 19. Jahrhundert; ein potentieller Ehemann hätte das in dieser Zeit kaum mit Begeisterung aufgenommen.

Die Übersetzung von Anke Koerten wirkt teils holprig, etwas antiquiert und hat mich mehrfach stutzen und so manch einen Satz zweimal lesen lassen. Für die blumig-metaphorische Vergleiche bei den Liebesszenen muss man aber wohl die Autorin selbst verantwortlich machen – einmal mehr begegnet uns z.B. die immer wieder bemühte Woge der Lust, die im Innern unserer liberalen Heldin zu einem Brecher (!) anschwillt, sich überschlägt und schließlich ausläuft. Fällt denen nicht mal was Neues ein?

Fazit:
5/15 – Ein sehr durchschnittliches Buch, das so austauschbar und unbedeutend ist, dass ich bereits nach zwei Tagen nicht mehr wusste, was eigentlich passiert ist und fürs Schreiben des Kommentars noch mal reinlesen musste.

Catherine Coulter: Lord Deverills Erbe

Originaltitel: Lord Deverill’s Heir

Inhalt:
1810. Der Tod ihres Vaters, des Earl of Stafford, wird für Arabella zum Beginn einer unglücklichen Ehe. Um ihren Landsitz zu behalten, muss sie den arroganten Justin heiraten, der ihr gleich in der Hochzeitsnacht zu erkennen gibt, dass ihr unbeschwertes Leben ein Ende hat. Sie muss sich dem rücksichtslosen Mann unterwerfen und ihm bedingungslos gehorchen. Dann gerät Justin in tödliche Gefahr, und sie muss sich entscheiden: zwischen Gehorsam und der Liebe zu einem anderen Mann …

Kommentar:
Dass sich hinter »Lord Deverills Erbe« ein typischer 1980er-Jahre-Liebesroman verbirgt, macht schon der Klappentext ziemlich deutlich – auch wenn er vorne und hinten nicht stimmt. Vor allem gibt es keinen zweiten Mann in Arabellas Leben, auch wenn ihr ein solcher von ihrem Gatten angedichtet wird. Aber von vorn.

Arabellas Vater verfügt in seinem Testament, dass seine Tochter und der neue Lord, ihr Cousin zweiten Grades, heiraten sollen. Nach kurzem Zögern willigen die beiden ein, denn sonst würden sie auf Besitz und Geld verzichten müssen; zudem fühlen sich die beiden durchaus zueinander hingezogen, das Opfer ist also nicht allzu groß. Doch kurz vor der Hochzeit taucht ein charmanter französischer Cousin auf, Comté Gervaise, der die Damen des Hauses – Arabella, ihre Mutter und ihre Halbschwester Elsbeth – mühelos zu bezirzen vermag. Justin rast vor Eifersucht, und als er nicht viel später beobachtet, wie der suspekte Franzose an seiner Hose nestelnd den Heuschober verlässt und Arabella Minuten später folgt, ist für ihn klar: seine zukünftige Frau betrügt ihn.

Natürlich bläst er aber nicht etwa die Hochzeit ab, sondern heiratet die 18-Jährige trotzdem und vergewaltigt sie in der Hochzeitsnacht – was übrigens fast schon ein Kunststück ist, denn sie ist eigentlich durchaus willens und kommt voller Vorfreude in sein Gemach, um eine wundervolle Entjungferungsnacht mit ihm zu verbringen. Sie verliert allerdings verständlicherweise die Lust, als er ihr die Kleider vom Leib reißt und sich brutal in sie rammt – obwohl es ihm keinen Spaß macht, wie er später betont! Ausgerechnet er beklagt sich hinterher auch noch bei ihr: »Vielen Dank, liebe Arabella, für diese Farce einer Hochzeitsnacht« (S. 104). Dass seine frisch Angetraute – wie er mit einiger Verwunderung feststellen muss – wider Erwarten Jungfrau ist, erklärt er mit ihrer Durchtriebenheit und unterstellt ihr, mit Cousin Gervaise »Sodomie« betrieben zu haben. Während sich der Leser noch fragt, was die Anklage der Sodomie jetzt hier verloren hat und ob Gervaise vielleicht ein wilder Hengst ist, wird die durch und durch unschuldige Arabella auch schon von ihrem weltgewandten Ehemann aufgeklärt: »Unter Sodomie versteht man gewisse Formen unnatürlichen Geschlechtsverkehrs. (…) Falls du nicht verstehen solltest, was man unter einem Akt unnatürlichen Geschlechtsverkehrs versteht, meine Liebe, brauchst du nur an dein schön gerundetes Hinterteil zu denken« (S. 113). Aha.

Arabella ist verständlicherweise vollkommen fassungslos über Justins schwachsinnige Vorwürfe, weshalb sie – vor lauter Entgeisterung – dazu schweigt. Klar, dass Justin ihr Schweigen als Schuldeingeständnis deutet. Ebenso klar, dass der Karren damit endgültig im Dreck feststeckt, sodass auch Arabellas spätere halbherzige Versuche, ihren Mann aufzuklären, natürlich fehlschlagen. Also hassen die beiden einander, obwohl sie sich ja eigentlich lieben. Immerhin kommt es zu keinen weiteren Übergriffen irgendeiner Art.

Arabellas Halbschwester hat auch nicht mehr Glück in der Liebe, denn sie fällt derweil auf den bösen Comté rein, der sie rücksichtslos zur Verwirklichung seiner durchtriebenen Pläne benutzt. Immerhin Arabellas Mutter findet den Mann ihres Lebens, während der böse Gervaise seine finsteren Intrigen spinnt. Und selbstverständlich kriegt am Ende auch Arabella noch eine Chance auf ein Happy-End, denn Justin wird infolge diverser dramatischer Entwicklungen klar, dass er die Situation damals irgendwie ein bisschen falsch eingeschätzt hat.

Na ja, was soll man dazu noch sagen?! Ein Buch, das um ein strunzdoofes Missverständnis herum konstruiert wird, in dem die Frau von ihrem Mann vergewaltigt wird und das sich trotzdem Liebesroman nennt – das ist wirklich so typisch für den 1980er-Jahre-Geschmack, dass sich jeder Kommentar erübrigt. Man kann diesen Schwachsinn heute einfach überhaupt nicht mehr ertragen, sodass man eigentlich relativ bedenkenlos sämtliche Romane aus dieser Ära entsorgen könnte.

Andererseits muss man aber auch einräumen, dass man aus diesen Büchern fürs Leben lernen kann. Nicht nur konnte ich endlich meinen offenbar falschen Sodomie-Begriff korrigieren, sondern ich weiß jetzt darüber hinaus, dass Pferde offenbar auch auf dreieinhalb Beinen ganz gut durch die Welt kommen (»Lucifer hat seinen Huf verloren«). Außerdem konnte ich meinen Wortschatz um viele neue Schimpfwörter bereichern, die ich bald mal zur Anwendung bringen werde. Besonders beeindruckend neben so langweiligen und mehrfach wiederholten Beschimpfungen wie »du dreckiger Hurensohn« und »liderliche Hure« sind meine Favoriten »skurriler Spitzbube« (S. 22) und »unmanierlicher Zankteufel« (S. 190).

Fazit:
2/15 – Warum nicht null? Weil es tatsächlich noch schlimmere Liebesromane gibt, weil Justin sein Verhalten am Ende immerhin bereut (das ist wahrlich nicht selbstverständlich bei Romanen aus dieser Ära!) und natürlich, weil ich so tolle Sachen gelernt habe!

Kate Langdon: Abgeblitzt

Originaltitel: Famous

Inhalt:
Samantha Steele ist 33, angehende Teilhaberin einer Werbeagentur und tummelt sich auf jeder angesagten Party. Statt Beziehungsprobleme zu wälzen, genießt sie das großstädtische Singleleben in vollen Zügen. Doch als Sam eines Morgens das Haus verlässt, prasseltein Blitzlichtgewitter auf sie nieder: Der schöne Unbekannte der letzten Nacht entpuppt sich als glücklich verheirateter Ehemann. Und außerdem ist er Kapitän der nationalen Fußballmannschaft. Da die Paparazzi sich einfach nicht abschütteln lassen, immer neue Fotos und Schlagzeilen die Zeitungen füllen, bleibt Sam nur die Flucht in die neuseeländische Wildnis. Und dort nimmt ihr Leben eine ganz unerwartete Wendung …

Kommentar:
Klang ja eigentlich ganz lustig, ist es aber nicht – zumindest trifft es überhaupt nicht meinen Humor. Die Heldin ist eine neurotische, arrogante Yuppie-Zicke, der es so sehr auf Äußerlichkeiten ankommt, dass sie ihre Möbel bzw. das Design ihrer Wohnung über ihre Beziehung bzw. die Bedürfnisse ihres Partners stellt. Bücher über solche Leute will ich nicht lesen – auch dann nicht, wenn sie sich vielleicht im Laufe des Buches wandeln. Die Notwendigkeit, die direkten Gedanken der Protagonistin kursiv zu drucken, passt zum grauenvollen Eindruck, den ich nach 150 Seiten von dem Buch hatte.

Fazit:
Abgebrochen, unerträglich! Gut, dass ich das Buch ertauscht habe, statt Geld dafür auszugeben.

Maggie Stiefvater: Lamento. Im Bann der Feenkönigin

Originaltitel: Lament. The Faerie Queen’s Deception
The Books of Faerie, Teil 1

Inhalt:
Immer wieder träumt die 16-jährige Deirdre von einem geheimnisvollen Jungen namens Luke. Doch das sind nur Träume, oder? Das Mädchen kann es kaum glauben, als ihr Luke bei einer Schulaufführung plötzlich leibhaftig gegenübersteht. Noch seltsamer wird es, als ihre Großmutter sie eindringlich vor dem Jungen warnt und sie bittet, sich von ihm fernzuhalten. Das ist längst unmöglich für Deirdre: Sie hat sich unsterblich verliebt. Doch Luke ist nicht der, für den sie ihn hält. Als er plötzlich spurlos verschwindet und Deirdre sich auf die Suche nach ihm macht, gerät sie mitten hinein in einen magischen Krieg, der seit Jahrhunderten währt. Und sie erfährt, dass der Junge, den sie liebt, von der rachsüchtigen Feenkönigin mit einem ganz bestimmten Auftrag zu ihr geschickt wurde: Um sie zu töten …

Kommentar:
Diese Geschichte hat (fast) alles, was ein klassisches Märchen ausmacht: einen Kampf zwischen Gut und Böse, einen Helden mit tragischem Schicksal, der gerettet werden muss, übernatürliche Wesen, aufopferungsvolle Helfer und eine große Liebe. Die märchenhaften Züge manifestieren sich aber auch in einem Umgang mit dem Übernatürlichen, der von Beginn an äußerst befremdlich wirkt.

Hauptperson Deirdre – wohlgemerkt im 21. Jh. lebend! – nimmt mit stoischer Gelassenheit die seltsamen Vorgänge und das absonderliche Verhalten ihrer Umgebung zur Kenntnis: Sie wundert sich weder über das Auftauchen eines Jungen aus ihren Träumen noch über voyeuristische sprechende Kaninchen, geschweige denn über ihre eigenen plötzlich aufkeimenden übernatürlichen Fähigkeiten. Auch dass ihre Großmutter undurchsichtige Gespräche mit dem eigentlich fremden Jungen führt und sich überhaupt ihre ganze Familie auf einmal vollkommen merkwürdig verhält, hinterfragt sie ebenso wenig wie die ständigen rätselhaften Bemerkungen ihres neuen Freundes Luke, mit dem sie sich seltsam verbunden fühlt. Sie hat ja schließlich mit ihrer frisch entflammten Liebe wahrlich genug zu tun, da kann sie sich nicht zusätzlich um derartige Abstrusitäten kümmern! Sporadisch aufkeimende Zweifel und Fragen werden von Luke ganz easy zerstreut, etwa mit dem Vorschlag: »Schmoll nicht, sing lieber!« (118). Sorgen wegmuszieren bzw. -singen – wer wollte sich in Anbetracht von Deirdres Ignoranz und Verdrängungstalent darüber noch ernsthaft aufregen?!

Es wird besser, als Deirdre an einem gewissen Punkt der Handlung nicht mehr länger ignorieren kann, was um sie herum vorgeht, und wenigstens in groben Zügen über die Lage aufgeklärt wird. Doch selbst dann ist Mangel an Neugier und ihr nicht vorhandener Drang, näheres zu erfahren und alles verstehen zu wollen, noch vorhanden und nicht nachvollziehbar. Sie scheint ganz nach dem Motto zu handeln: Was ich nicht weiß, betrifft mich auch nicht – ich stolper einfach weiter blauäugig durch die Welt und hoffe drauf, dass meine Freunde, Glück und der Zufall es schon richten werden. Märchenhaft, eben. Vielleicht aber auch einfach Ausdruck des (missglückten) Versuchs der Autorin, die Spannung zu steigern, indem sie den Leser so lange wie möglich im Dunklen tappen lässt.

Da Deirdre so erfolgreich die Realität verdrängt, der Leser das Geschehen aber aus ihrer Perspektive erlebt, erfährt man über das Opfer ihrer Begierde zunächst herzlich wenig. Luke ist gutaussehend, blond, fürsorglich, spielt hinreißend Flöte und schreckt ganz offensichtlich nicht vor kotzenden Mädchen zurück. Da er gerne mal vor sich hinorakelt, mit rätselhaften Bemerkungen verblüfft und immer wieder unvermittelt aus dem Nichts auftaucht, um Deirdre zu retten, wirkt er zwar einigermaßen mysteriös, ist dabei aber nicht wirklich überzeugend. Ansonsten ist er vor allem sprachlich auffällig, wenn er Sätze wie »Weine nicht, hübsches Mädchen« (S. 64) oder »Nun, komm denn, meine frostige Königin« (S. 60) äußert. (Muss ich erwähnen, dass Deirdre sich nicht daran stört, geschweige denn verwundert ist?) Wie man später erfährt, hat Luke einen durchaus interessanten Hintergrund, der auch seine antiquierte Sprache erklärt, leider hat die Autorin aber verpasst, sein Schicksal gut genug auszuarbeiten, sodass auch er letztendlich blass bleibt.

Eine weitere wichtige Person ist James, Deirdres bester Freund. Er ist das genaue Gegenteil von Luke, Typ Klassenkasper, immer nen lässigen Spruch auf den Lippen (der oft nicht wirklich lustig ist). Er wirkt zunächst normal, zuverlässig und bodenständig, offenbart dann aber unvermittelt hellsichtige Fähigkeiten, streckt heroisch böse mächtige Feen nieder und wundert sich ebenso wenig über die seltsamen Vorgänge wie Deirdre selbst. Warum er am Ende in dieser Form mit in die Geschichte gezogen werden muss, erklärt sich mit dem just erschienenen Buch, in dem James zum Protagonisten mutiert.

Die Grundidee von Lament ist nicht sensationell neu, aber so einfach wie gut. Die Geschichte an sich ist faszinierend und hat großes Potenzial, sie ist aber schlicht und ergreifend nicht gut, sondern vollkommen oberflächlich umgesetzt – und zwar nicht nur wegen Deirdres befremdlicher und unglaubwürdiger Ignoranz, sondern auch wegen des Handlungsaufbaus insgesamt. Vieles bleibt im Dunklen, vieles ist nur angedeutet, verworren dargestellt und/oder nicht konsequent zuende gebracht. Regelmäßig sorgen überflüssige Kursivierungen für Verärgerung und Szenen, in denen Deirdre Situationen mit den Augen anderer sieht, für Verwirrung, weil sie so übergangslos ins Geschehen integriert wurden. Zudem spielen sich immer wieder für die Handlung elementare Ding so nebenbei ab, dass sie völlig untergehen; erst später fällt einem auf, dass man offenbar irgendwas verpasst haben muss, das in einem Nebensatz abgehandelt wurde. Ich hab wirklich selten so oft zurückgeblättert und Passagen mehrfach gelesen – und stand am Ende dennoch mit so vielen unbeantworteten Fragen da.

Fazit:
5/15 – Aus der Idee hätte man ein wunderbares Buch machen können, leider ist die Umsetzung ziemlich misslungen. Es passiert zu viel zu schnell, ohne dass man den Sinn, geschweige denn den Gesamtzusammenhang erfassen könnte. Am Ende stehen jede Menge offene Fragen und eine Lösung, die auch nicht gerade dazu beiträgt, einen mit der Geschichte zu versöhnen.

Claudia Gray: Evernight

Originaltitel: Evernight
1. Teil der Evernight-Academy-Serie

Inhalt:
An jedem Ort wäre Bianca lieber als an diesem: Das Evernight-Internat ist eine Eliteschule, und die anderen Schüler sind einfach zu perfekt – zu clever, zu schön, zu rücksichtslos. Bianca weiß, dass sie niemals dazugehören wird, und reißt aus. Doch sie soll nicht weit kommen. Noch auf dem Gelände der Schule läuft sie Lucas in die Arme. Der junge Mann ist ebenso ein Einzelgänger wie sie, und er ist anscheinend fest entschlossen, das auch zu bleiben. Bianca merkt sehr schnell, dass es eine besondere Verbindung zwischen ihr und Lucas gibt, eine Anziehungskraft, die jedes normale Maß übersteigt. Doch sie muss auch erkennen, dass Lucas von dunklen Geheimnissen umgeben ist. Von Geheimnissen, die alles in Frage stellen, woran Bianca jemals geglaubt hat …

Kommentar:
Schwierig, »Evernight« zu kommentieren, ohne die zwei Wendungen zu verraten, von denen das Buch lebt, daher fass ich mich kurz. Das Buch erzählt einmal mehr eine Teenie-Geschichte mit Vampir, die auf einem Internat spielt. Die Schule wird – wie es scheint – im Wesentlichen von irgendwie privilegierten Jugendlichen besucht, die die weniger privilegierten Neuen nicht gerade mit Begeisterung aufnehmen. Die Handlung verläuft zunächst ziemlich zäh und man weiß nicht recht, worum es geht und was das alles soll, weil die Autorin vorrangig damit beschäftigt ist, ein Geheimnis daraus zu machen, was in der Evernight Academy los ist. Dass mit dieser Schule irgendwas nicht stimmt, ist offensichtlich, zumal Protagonistin Bianca und einige weitere neue Schüler das Internat mehrfach als unheimlich und einschüchternd bezeichnen. Weshalb dieses Gefühl sie umtreibt, wird leider zu keinem Zeitpunkt deutlich – und was Bianca angeht, macht das ungute Gefühl ohnehin keinen rechten Sinn, wie sich später herausstellt.

Spannung bezieht die Handlung aus der ersten echten Überraschung im Handlungsverlauf, die allerdings zeigt, dass der Leser die ganze Zeit von der Autorin bewusst in die Irre geführt wurde. Der eine oder andere mag das faszinierend und tricky finden, ich konnte solche Kniffe aber noch nie leiden – aber das ist wirklich eine Frage des persönlichen Geschmacks. Dass später eine zweite nicht vorhersehbare Wendung bemüht wird, macht die Sache für mich logischerweise nicht besser. Da das Buch aber wie angesprochen im Wesentlichen von diesen beiden sensationellen Enthüllungen lebt, bleibt für mich nicht mehr viel, was mich begeistern könnte. Probleme mit Eltern, Lehrern und Freunden, Beziehungssorgen und Liebesschwüre von Teenies sind ohnehin nicht (mehr) so wirklich mein Thema; wenn all das dann aber auch noch inhaltlich wie sprachlich oberflächlich und banal präsentiert wird wie hier geschehen, dann reicht das einfach nicht. Hinzu kommt, dass sich die Handlungsmotive der Figuren nicht erschlossen haben und dass ich die Geschichte teils als unlogisch und unausgegoren empfunden habe.

Ein weiteres Manko des Buchs sind die Hauptpersonen Bianca und Lucas. Nicht nur sind ihre Handlungsmotive nicht nachvollziehbar, sie sind auch noch beide ziemlich blass und alles andere als Sympathieträger. Bianca wirkt trotz ihrer 16 Jahre extrem naiv und ist entsprechend begeisterungsfähig; ihre augenblickliche völlige Fixierung auf Lucas ist einigermaßen anstrengend. Da wundert es schon nicht mehr, dass sie Pläne für eine goldene Zukunft schmiedet und Liebes- bzw. Zusammengehörigkeitsbeteuerungen äußert, die bei mir teilweise wirklich Fremdschämen auslösen. Lucas ist nicht ganz so anstrengend, aber leider nicht weniger farblos. Seine versuchte Darstellung als Schläger und Aufrührer einerseits und Biancas Beschützer andererseits ist nur bedingt glaubwürdig, und sein gesamtes Gebahren passt zum Teil überhaupt nicht zu den Enthüllungen des Buches.

Fazit:
6/15 – Nicht ganz so schlimm, wie es (vielleicht) klingt, aber einfach nicht so wirklich mein Thema, um mich gut zu unterhalten. Die Fortsetzung würde ich mir trotz des einigermaßen offenen Endes wohl eher nicht kaufen. Ich sollte vielleicht wirklich aufhören, Young-Adult-Bücher zu lesen. Andererseits: Twilight hat mir schließlich auch gefallen – die Bücher müssen einfach nur was haben!

Jason F. Wright: Die Mittwochsbriefe

OT: The Wednesday Letters

Inhalt:
Innerhalb einer einzigen schicksalsschweren Nacht sterben Jack und Laurel, die seit fast vierzig Jahren glücklich verheiratet waren. Schweren Herzens finden sich ihre drei Kinder zusammen, um die Begräbnisfeierlichkeiten zu organisieren. Jeder hat sein eigenes Problem im Gepäck: Matthews Ehe ist ungewollt kinderlos und entsprechend angespannt. Samantha wiederum ist bereits geschieden und muss sich als alleinerziehende Mutter durchkämpfen. Und Malcolm ist um seiner Jugendliebe willen mit dem Gesetz in Konflikt geraten und bereits vor Jahren in Brasilien untergetaucht.

Im Keller ihres Elternhauses stoßen die drei unvermutet auf einen Schatz: kistenweise Briefe des Vaters an die Mutter, die er ihr jahrzehntelang jeden Mittwoch geschrieben hat. Sie bieten wunderbar romantische Liebeserklärungen an seine Frau und zugleich eine rührende Geschichte der Familie. Die Lektüre ist zunächst enorm tröstlich. Doch dann taucht ein Brief auf, der die Familie in ihren Grundfesten erschüttert und eines der Kinder in den Abgrund zu stoßen droht.

Kommentar:
Dreh- und Angelpunkt der Geschichte sind die Briefe von Laurel und Jack Cooper, die ihre Kinder im Keller finden, als sie zur Beerdigung in der Frühstückspension ihrer Eltern zusammentreffen; sie sind Aufhänger, um die Familiengeschichte der Coopers zu erzählen. Die eigentlichen Briefe nehmen dabei allerdings weit weniger Raum ein als erwartet, denn die Aufarbeitung der Inhalte und der Vergangenheit findet naturgemäß in der Gegenwart statt; zudem liegt ein zweiter Schwerpunkt des Buches auf der Geschichte des Sohnes Malcolm.

Eine tolle Idee, den Kindern die eigene Lebensgeschichte in Briefform zu hinterlassen? Ja, eine wunderbare Idee, dachte ich zunächst, doch nach der Lektüre des Buches muss ich sagen: Nein, eine bescheuerte Idee – zumindest, wenn die Briefe wie in diesem Fall Enthüllungen enthalten, die so viele Fragen aufwerfen und Ungewissheiten verursachen und ein Leben verändern können. Es muss ein Albtraum für ein Kind sein, nach dem Tod der Eltern auf ein Familiengeheimnis dieser Tragweite gestoßen zu werden, zu dem einem niemand mehr Erkärungen liefern und Fragen beantworten kann, um den Schmerz und das Entsetzen zu lindern. Besser nimmt man Geheimnisse dieser Art mit ins Grab, als seine Kinder damit allein zu lassen.

Abgesehen von den Briefen, die sich um besagtes Familiengeheimnis drehen, gibt es natürlich noch eine Reihe weiterer Schreiben von Jack, die Liebeserklärungen in verschiedenster Gestalt enthalten, Erlebnisse mit den Kindern aufarbeiten, Berichte zum Zeitgeschehen liefern und gemeinsame Unternehmungen der Eheleute schildern. Diese sind teils humorvoll, teils sehr gefühlvoll, teils aber auch vollkommen belanglos. Dass nicht jeder von Jacks im Laufe vieler Jahre geschriebener Briefe gehaltvoll sein kann, ist nur natürlich – da sie aber ohnehin sehr selektiv gezeigt werden, ist die Auswahl solch unbedeutender Episoden unverständlich. Darüber hinaus ist es dem Aufbau der Geschichte nicht zuträglich, dass die Mittwochsbriefe, die einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten umfassen, unsortiert präsentiert werden und damit thematisch extrem springen. Dadurch löst sich die aufgebauten Spannung immer wieder in Nichts auf. Auch erzählerisch krankt es an manchen Stellen, etwa beim Bericht über Laurels und Jacks Einschleichen bei Elvis und Priscilla Presley in Graceland. Jack arbeitet diesen gemeinsamen Tag in einem seiner Briefe an seiner Frau auf, erklärt in allen Einzelheiten, wie sich alles abgespielt hat – als wäre sie nicht dabei gewesen. War sie aber, und Jacks vorweggeschickte Begründung, er schreibe diesen Brief so detailliert, damit sie später ihre Erinnerungslücken füllen können, ist alles andere als glaubwürdig und stimmig.

Die gegenwärtige Geschichte dreht sich zu weiten Teilen um Sohn Malcolm, der schwierig und aggressiv ist, immer noch seiner Jugendliebe Rain nachtrauert und alles andere als charakterlich gefestigt erscheint. Dass ausgerechnet der unsichere Malcolm von den Enthüllungen in den Briefen betroffen ist, ist nur logisch; seine Reaktion darauf erscheint dennoch überzogen. Überhaupt sind eigentlich die meisten aktuellen Entwicklungen rund um die ganze Familie inklusive der Auflösung des Familiengeheimnisses einfach eine Nummer zu dick aufgetragen: Da taucht der ehemals alkoholkrankte Bruder des Verstorbenen mit einer tränenrührenden Geschichte im Gepäck wieder auf und wird umgehend in die Familie integriert, ein Verschwörer und ein Hüter eines langjährigen Geheimnisses müssen endlich ihr Gewissen erleichtern und am Ende finden alle unvermittelt ihr Glück. Das war selbst mir als heilloser Romantikerin zu viel von »Alles ist gut«. Ebenfalls zu viel war mir die Bedeutsamkeit und Allgegenwärtigkeit Gottes: Gott hat es so gewollt, Gott gibt die Kraft, alles zu ertragen und verzeihen, Gott wird es schon richten, Gott schenkt uns das ewige Leben und im Himmel werden wir uns alle wiedersehen und für immer zusammen und glücklich sein. Mit dieser Art von Religiosität, mehr oder weniger deutlich vorgetragen, kann ich wenig anfangen.

Eine Erwähnung wert ist noch der zweite Epiolog: ein »handschriftlicher« Brief, der in einem hinten im Buch eingeklebten Kuvert steckt. Sehr hübsch und sehr passend – aber inhaltlich eine Enttäuschung. Der Brief von Malcolm an seine Frau ist kitschig, unnötig theatralisch, bringt nichts Neues oder Überraschendes und ist damit mehr als verzichtbar. Wieder einmal hat es der Autor verpasst, etwas Großes aus einer tollen Idee zu machen.

Fazit:
8/15 – Das Buch hat mich zwar von Beginn an in seinen Bann geschlagen, aber dennoch enttäuscht zurückgelassen. Es ist stellenweise sehr aufwühlend, rührend und trotz aller Kritikpunkte unterhaltsam, aber es fehlt ihm die Tiefe. Am Ende hatte ich das Gefühl, dass man die wunderbare Idee viel, viel besser hätte umsetzen können, und dass das große Potenzial zu weiten Teilen ungenutzt blieb, weil zu sehr auf Kitsch und überhöhte Dramatik gesetzt wurde.

Sophie Kinsella: Göttin in Gummistiefeln

Originaltitel: The Undomestic Goddess

Inhalt:
Samantha, eine junge, höchst erfolgreiche Londoner Anwältin, geht völlig in ihrer Arbeit auf. Bis sie eines Tages entdeckt, dass ihr ein folgenschwerer Fehler unterlaufen ist. In Panik verlässt sie das Büro und steigt in den nächstbesten Zug, der sie auf das platte englische Land bringt. Als sie nach dem Weg fragen will, kommt es zu einer folgenschweren Verwechslung: Man hält Samantha für die Bewerberin um einen Job als Haushaltshilfe. Völlig überrumpelt lässt Samantha sich einstellen, obwohl sie von Hausarbeit nicht die geringste Ahnung hat. Ein Glück, dass ein junger Gärtner bereit ist, ihr hilfreich zur Seite zu stehen …

Kommentar:
Wie konnte diese Autorin nur so lange quasi unbemerkt bzw. ungelesen an mir vorüber gehen? Ich hab keine Ahnung, bin aber sehr froh, dass die Zeiten jetzt vorbei sind! Schon auf der ersten Seite musste ich laut lachen, als die gestresste Anwältin einen Fragebogen zu ihrem Leben ausfüllt, der ihren angespannten Zustand offenbart. Doch nicht nur ein völlig missglückter Besuch im Beauty-Center, bei dem sich Sam nicht im geringsten entspannen kann, sondern auch diverse Szenen mit ihren Anwaltskollegen und ihrer Nachbarin machen ihre Gemütslage, ihre Familien- und Freundesituation und ihre hausfraulichen Fähigkeiten offenbar. Freizeit und Lebensfreude kennt Sam nicht; ihre Prioriäten liegen klar auf der Arbeit und der Erreichung ihres Ziels, Seniorpartnerin in der Kanzlei zu werden – und das ist auch völlig in Ordnung für sie, denn sie kennt es nicht anders und ist vom Ehrgeiz getrieben. Als ihr Leben aufgrund ihres fatalen Fehlers allerdings einstürzt wie ein Kartenhaus, steht sie vor dem Nichts – ihre kopflose Flucht aus der Stadt ist nachvollziehbar.

Ziemlich unwahrscheinlich sind natürlich die Umstände ihrer Einstellung als Hausmädchen und das Ausmaß ihrer Unfähigkeit. Selbst Leute, die nie gekocht, geputzt, gebügelt und genäht haben, dürften unter Aufbietung ihres gesunden Menschenverstands wenigstens ein gewisses Grundverständnis dieser Arbeiten an den Tag legen – zumal, wenn sie wie Samantha über einen IQ von 158 verfügen. Das stört aber nicht wirklich, denn die aberwitzigen Situationen, in denen sich Sams Improvisationstalent und Charme zeigen, sorgen für jede Menge Spaß – und manchmal auch für ein wenig sprachloses Entsetzen. Nachdem die ersten Katastophen überstanden sind und Samantha Haushalts- und Kochnachhilfe von der Mutter des attraktiven Gärtners erhält, setzt ihr eigentlicher Entwicklungsprozess ein: Sie beginnt, sich zu verändern, verliebt sich und lernt, die Freuden des Lebens und die Zeit zu genießen und zu schätzen. Doch kaum ist ihr klar geworden, was sie in den letzten Jahren alles verpasst hat, steht es ihr infolge einer mehr als überraschenden und schmerzhaften Entdeckung plötzlich offen, doch wieder in ihr altes Leben zurückzukehren und den Lohn für die Arbeit der letzten Jahre abzukassiern – eine Möglichkeit, aus der das Buch gegen Ende noch mal Spannung bezieht, weil Samantha die Freiheit der Wahl zwischen zwei sehr unterschiedlichen Leben hat.

Das Buch wimmelt von grandiosen Figuren, die trotz aller Überzeichnung und Klischees aus dem Leben gegriffen scheinen. Das gilt für die Protagonistin Samantha ebenso wie für den hinreißenden Gärtner Nathaniel, seine warmherzige, verständnisvolle Mutter und für alle Anwälte. Selbst die Geigers, bei denen Samantha als Haushälterin anfängt, sind genau so, wie man sich ein Ehepaar vorstellen würde, das aus der Unter- bzw. Arbeiterschicht kommt und sich mit den eigenen Händen großen Reichtum erarbeitet hat: Sie sind ein bisschen naiv, gutgläubig und trampelig, aber sehr liebenswert, hilfsbereit und loyal. Immer wieder wird deutlich, dass sie – was ihren Hintergrund angeht – eigentlich einfache Leute sind, die überhaupt nicht in die (zumeist) versnobte High Society passen, aber gerne dazu gehören würden. Die beiden haben großartige Auftritte und vor allem Mrs. Geiger liefert Samantha zahlreiche Stichworte für ihre trockenen Kommentare und ist mit ihren Forderungen und Fragen Auslöser für die eine oder andere Panikattacke der Protagonistin.

Natürlich ist das Buch nicht realistisch, sondern – zumindest zum Teil – hoffnungslos überzogen, doch bekanntermaßen ist Übertreibung ja ein effektives Stilmittel, insofern tut das dem Spaß keine Abbruch. Und Spaß hat man jede Menge, zumal die Ereignisse so viel Wahrheit und gleichzeitig Situationskomik bergen. Unterstützt wird der amüsante Inhalt durch die leichte, teils flapsige Sprache, die sich extrem gut und flüssig liest und erfreulicherweise nie ins Ordinäre abgleitet.

Fazit:
15/15 – Ein wundervolles Buch, das einen von der ersten bis zur letzten Seite bestens unterhält und das bei aller Komik auch sehr gefühlvolle Szenen und einen durchaus ernstzunehmenden Hintergrund hat.

Sarah Kuttner: Mängelexemplar

Inhalt:
Karo lebt schnell und flexibel. Sie ist das Musterexemplar unserer Zeit: intelligent, liebenswert und aggressiv, überdreht und traurig. Als sie ihren Job verliert, ein paar falsche Freunde aussortiert und ihre Beziehung (mehr oder weniger) beendet, verliert sie auf einmal den Boden unter den Füßen. Plötzlich ist die Angst da. Als auch die cleversten Selbsttäuschungen nicht mehr helfen, tritt sie verzweifelt und mit wütendem Humor ihrer Depression entgegen.

Kommentar:
Wie man sich doch täuschen kann! Dieses Buch, das mich zunächst nicht so recht zu packen vermochte, hat sich einem meiner absoluten Jahreshighlights entwickelt – zumal mir Karo gar nicht so fern ist, wie ich zunächst dachte; ganz im Gegenteil. Ich schätze, in uns allen steckt ein bisschen Karo.

Viele Worte mag ich zu »Mängelexemplar« gar nicht verlieren, da mich das Buch zu sehr gepackt hat, um es jetzt in seine Einzelteile zu zerpflücken. »Mackenkind« Karo auf ihrem holprigen Weg aus der Depression zu begleiten, ihre Lichtblicke, Hoffnungen und Rückschläge sowie den bedingungslosen und warmherzigen Beistand ihrer Freunde bzw. ihrer Mutter mitzuerleben, hat mich selbst in ein wahres Gefühlschaos gestürzt. Gepaart mit Karos trockenen Kommentaren und oft so treffenden Beobachtungen, den gelungenen Dialogen und dem Wortwitz inklusive der einer Vielzahl wundervoller Neologismen, haben mich die Schilderungen immer wieder zum Lachen und auch zum Weinen gebracht – und außerdem den Drang in mir hervorgerufen, jemandem laut aus diesem Buch vorzulesen. Ich hab den Gedanken verworfen, weil es einfach zu viel geworden wäre, und stattdessen weitergelesen und mitgelitten und am Ende die Nähe meines persönlichen Felsens in der Brandung gesucht (an den mich Max ganz frappierend erinnert hat!).

Fazit:
15/15 – Ein Buch am Zahn der Zeit, das ein ernstes, zunehmend aktuell werdendes Thema emotional, aber dennoch locker-flockig-amüsant und leicht konsumierbar in moderne Sprache verpackt. Ich halte es für absolut empfehlenswert, auch wenn ich glaube, dass es die Leserschaft spalten wird!

Nina Blazon: Totenbraut

Inhalt:
1731, in den Wäldern Serbiens: Für eine Handvoll Gold wird das Mädchen Jasna von ihrem Vater an einen reichen Gutsbesitzer verkauft. Der rätselhafte Fremde nimmt das Mädchen mit auf seinen Hof an der Grenze zum Osmanischen Reich. Dort wird Jasna mit seinem Sohn Danilo verheiratet. Schnell stellt die junge Braut fest, dass ein schrecklicher Fluch auf der Familie lastet. Gibt es in Danilos Familie wirklich einen Vampir, wie im Dorf gemunkelt wird? Während sich die mysteriösen Vorkommnisse häufen, gerät Jasna in den Bann des faszinierenden Duschan. Aber auch er hat ein dunkles Geheimnis …

Kommentar:
Wie das Nachwort offenbart, orientiert sich die Autorin hier an einer wahren Geschichte, die entsprechend an die Romanhandlung angepasst wurde. Insofern legt das Buch, das m.E. sehr sorgfältig recherchiert ist, ein wirklich interessantes Zeugnis über Leben und Tod, Glaube und Aberglaube, Sitten und Bräuche in (Süd-)Osteuropa im 18. Jahrhundert ab.

Bei aller Authentizität erzählt »Die Totenbraut« nur leider keine schöne und – was viel entscheidender ist – auch keine besonders fesselnde Geschichte. Es herrscht vom Anfang bis zum (überflüssig) fantastischen Ende einfach nur Düsternis und Trostlosigkeit, und die immer neuen Fragen und Rätsel, die im Verlauf der Handlung auftauchen und nach und nach geklärt werden – Gibt es einen Vampir und falls ja, wer ist er? Welche Rolle spielt Nema? Woran sterben die Menschen im Dorf? Wer befiehlt den Wolf? Welches Geheimnis verbirgt Dusan? –, sind für einen Unterhaltungsroman einfach zu distanziert und nüchtern aufbereitet. Wahrscheinlich wollte vor allem deshalb zu keiner Zeit eine gruselige Atmosphäre oder echte Spannung aufkommen. Hinzu kommt, dass »Totenbraut« über weite Strecken wie ein Bericht anmutet, denn abgesehen von einigen fast poetischen wirkenden Passagen ist auch die Sprache nüchtern und emotionslos und unterstreicht somit die relativ trockene Aufbereitung des Stoffes.

Die leblosen, in ihrem Schicksal erstarrt wirkenden und wenig sympathischen Figuren passen da zwar gut ins Bild, tragen aber natürlich nicht gerade dazu bei, den Leser an die Geschichte zu binden – zumal Jasna aufgrund ihrer Halsstarrigkeit und Naivität eine ziemlich anstrengende Protagonistin mit hohem Nervpotenzial ist. Doch auch abgesehen von Jasna taucht im gesamten Buch keine einzige Figur auf, der ich einen glücklichen Ausgang der Geschichte gewünscht hätte; ihrer aller Schicksal war mir vollkommen gleichgültig. Möglicherweise ist das von der Autorin so beabsichtigt, um die Distanz zu dieser im Kern wahren und unerfreulichen Geschichte mit all den Toten zu wahren – mir fehlt aber schlicht und ergreifend eine Art »Bezugsfigur«, die irgendwelche Emotionen in mir weckt – sei es positiver oder negativer Art.

Wertung:
7/15 – Die historischen Begebenheiten rund um den osteuropäischen Volksglauben sind wirklich interessant, allerdings ist mir die Geschichte als Unterhaltungsroman zu wenig fesselnd und mitreißend erzählt. Ehrlicherweise sollte ich aber erwähnen, dass ich ohnehin kein großer Fan von historischen Romanen bin und dass das Buch, das ich Anfang August bei strahlendem Sonnenschien gelesen habe, mit all seiner Düsternis und Trostlosigkeit vielleicht auch nicht gerade eine passende Hochsommerlektüre war.