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Diana Palmer: Wilde, ungezähmte Liebe

Originaltitel: The Savage Heart

Inhalt:
Erfüllt von Liebe und Frieden war die Zeit, die Tess Meredith und Raven Following zusammen in Montana verbrachten, und Tess hatte geglaubt, dass ihr Glück niemals enden würde – bis Raven sie verlassen musste. Er baute sich in Chicago ein neues Leben auf und nahm einen neuen Namen an. Aber Tess war nicht bereit, seine Flucht einfach so hinzunehmen. Mühsam folgte sie seinen Spuren, die er so sorgfältig verwischt hatte, und als sie ihn endlich gefunden hatte, begann sie, um den Mann zu kämpfen, der ihr alle bedeutete. Da musste Raven schließlich erkennen, dass er machtlos war gegen die Waffe, die diese Frau gegen ihn einsetzte: ihre leidenschaftliche Liebe …

Kommentar (mit unzähligen Spoilern!):
Für diejenigen, die nach dem mitreißenden Klappentext noch ganz von Sinnen vor Begeisterung sind, hab ich eine schlechte Nachricht: Obwohl die Zusammenfassung nicht falsch ist, beschreibt der Text das Buch nur sehr unzureichend. Die wundervollen Zeiten in Montana werden nämlich nur im Prolog beschreiben, und die aufgebauschte Suche nach dem untergetauchten Raven wird nur mal kurz erwähnt, als Tess direkt in Kapitel 1 in Boston aufschlägt, wo sie ihren Jugendfreund findet. Der Rest des Buches, bei dem ganz nebenbei ein ziemlich durchschaubarer Mordfall aufgeklärt wird, läuft nach dem äußerst ermüdenden Motto »Wir lieben uns zwar, aber sie ist viel zu gut für mich, es darf nicht sein« ab.

Raven ist nämlich ein reinrassiger Sioux, der ein echtes Identitätsproblem hat und so tut, als sei er ein Weißer unter Weißen. Da er akzentfreies, astreines Amerikanisch spricht und seine langen schwarzen Haare zusammengebunden unter der Kleidung verbirgt, kommt auch keiner drauf, dass er in Wahrheit ein Indianer ist. Man hält ihn für einen Italiener oder Russen (!). Offenbar haben die Einwohner Bostons im frühen 20. Jh. noch keinen Indianer zu Gesicht bekommen und wissen daher nicht, wie Angehörige dieses Volks aussehen, schließlich liegt Boston ja auch im Osten, während die armen Ureinwohner in Reservaten im Westen festgehalten werden und sich betrinken müssen vor lauter Verzweiflung. Nicht, dass das sachlich falsch wäre, aber die Art der Aufarbeitung dieses Themas bei der Autorin geht ziemlich in die Hose (wie so vieles andere auch)! Wie auch immer, Raven liebt Tess jedenfalls, will ihr aber das Leben mit einem Indianer wegen der Schmähungen nicht zumuten – und noch viel weniger seinen Kindern.

Tess wär das eigentlich völlig egal, sie ist nämlich ausgesprochen liberal und überhaupt ganz couragiert. Sie reitet wie der Wind, ist die weltbeste Pfeil-und-Bogen-Schützin und knockt auch schon mal eben gestandene Männer mit nem Leberhaken aus. Natürlich hat sie aber auch eine zarte, hingebungsvolle Seite, deshalb arbeitet sie als Krankenschwester und gibt ihren Patienten in dieser Funktion neuen Lebensmut. Zudem engagiert sie sich bei den Suffragetten; sie kämpft folglich für die Rechte der Frauen und redet frei von der Leber weg über Sex, Kinderkriegen und alles, was damit zusammenhängt. Folgerichtig hat sie dann auch schlaue Ratschläge für jedermann zur Hand, beispielsweise für ihre nicht minder naive Freundin Nan, die wissen will: »Werden denn nicht alle Frauen von Männern verprügelt?« und der sie daraufhin erklärt: »Da hättest du dich schon wehren müssen und ihm mit der Eisenpfanne eins über den Kopf geben.« Komischerweise ist sie dennoch vollkommen naiv und hat keine Ahnung, was eigentlich zwischen Mann und Frau vor sich geht, als es drauf ankommt. Die Darstellung ihrer Unwissenheit ist vor dem Hintergrund ihrer Worte dermaßen unglaubwürdig, dass man wirklich nur noch die Augen rollen kann.

Gott sei Dank erkärt und zeigt Matt/Raven ihr eingehend, was es so zu wissen gibt. Das ist zunächst nicht ganz einfach, weil er ja eigentlich gar nicht so wirklich was mit ihr anfangen will – schließlich haben sie wegen des Rassenunterschieds keine gemeinsame Zukunft, wie er nicht müde wird zu betonen. Die Leidenschaft und Liebe rafft ihn bzw. seinen Verstand allerdings ziemlich schnell dahin, und es dauert nicht lange, bis er sie in einer grandiosen Szene irgendwo in der Pampa mit dem Finger entjungfert. Eine sehr probate Methode, um eine Frau in der damaligen Zeit zu ruinieren – könnte man meinen. Aber da ist man schief gewickelt, denn es ist ja gar nix passiert: Als Tess nämlich nachfragt, ob sie jetzt also keine Jungfrau mehr sei, antwortet ihr rücksichtsvoller mehr-oder-weniger-Liebhaber: »Doch, das bist du in gewissem Sinne immer noch. Ich bin ja nicht in dich eingedrungen. Aber trotzdem habe ich deine Jungfernschaft.« Weia!!! Man beachte: in gewissem Sinne! Das nenn ich ja mal richtig gekonnte Schönrednerei! Eindringen ist also nicht gleich eindringen, je nachdem, mit welchem Körperteil man es tut. Und was heißt eigentlich »Ich hab deine Jungfernschaft«? Will ich das überhaupt wissen? Ich glaub nicht!

Wie wir im weiteren Verlauf in langwierigen Dialogen erfahren, sind die beiden in der Folge ein »Liebespaar, aber nicht mehr«. Das soll wohl bedeuten, dass sie eine Affäre haben, obwohl sie ja gar keinen Sex hatten. Und sie werden auch keinen Sex haben, zumindest nicht mit diesem anderen gewissen Körperteil, mit dem Matt/Raven bislang noch nicht in sie eingedrungen ist, denn er will immer noch tunlichst vermeiden, ein Mischlingskind in die Welt zu setzen. Obwohl total ahnungslos in Sachen Sex, kann die weltgewandte Tess zum Thema Geburtenkontrolle dann doch wieder was beitragen, sie hat da nämlich das eine oder andere von ihren Suffragetten-Freundinnen gehört. Matt/Raven ist von diesen Methoden nicht begeistert, und konsequenterweise lassen sie dann Schwangerschaftsverhütung auch Schwangerschaftsverhütung sein, als sie nicht viel später einmal mehr von ihrer Libido übermannt werden und übereinander herfallen. Die nach einmal Fast-Sex inzwischen schon recht gewandte Tess will jetzt endlich mal mehr erleben und sie nimmt sich im wahrsten Sinne des Wortes, was sie möchte. So ganz wohl ist dem Überwältigten dabei nicht, doch ehe er sich versieht, ist es zu spät, denn »so erregt wie er war, könnte er sie jetzt schon geschwängert haben. Ein Samentropfen genügte ja schon. Also gab es jetzt keinen Grund mehr, sich zurückzuhalten.« Ähm, ja – Wahrscheinlichkeitsrechnung ade! Ich kenn diese Denkweise von diversen Diätversünden nach dem Motto: Wenn man schon 1 Rippchen Schokolade isst, kann man auch gleich die ganze Tafel verschlingen, ist dann ja eh schon alles zu spät.

Apropos zu spät: Man hört ja öfter, dass Männer während und direkt nach dem Sex Dinge sagen, die sie gar nicht sagen wollen – so auch hier! Matt/Raven offenbart der sich wohlig räkelnden Tess nämlich, dass sie bereits damals vor 14 Jahren im Wilden Westen von einem Medizinmann getraut wurden. Nach diesem Geständnis und dem Sex gibt es kein Zurück mehr und Matt/Raven muss der Realität ins Auge sehen: Er entkommt der Ehefalle inkl. Mischlingskindern nicht mehr! Aber immerhin leben sie glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer Tage, und weil Tess so einen guten Einfluss auf Matt hat, legt er seinen Minderwertigkeitskomplex ab, wird wieder Raven und tritt in der Show von Buffalo Bill auf. Im Epilog erfahren wir übrigens noch, dass die Tochter der beiden 35 Jahre später als erste Frau in den Staatsdienst des Bundesstaates Illinois eintreten darf – hoffentlich gibts über die nicht auch noch ein Buch!

Fazit:
3/15 – Erwartet nach dieser Beschreibung ernsthaft jemand ein Fazit? Na gut! Das Buch war lange nicht so schlimm wie Amelia, aber dennoch bodenlos blöd!

[Rezension] Isabel Abedi: Lucian

Inhalt:
»Becky, hast du dir eigentlich mal überlegt, dass Lucian vielleicht … kein … Mensch ist?«
Ich senkte den Kopf. »Nein«, flüsterte ich. Aber was ich dachte, war: Ja.

Immer wieder taucht er in Rebeccas Umgebung auf, der geheimnisvolle Junge Lucian, der keine Vergangenheit hat und keine Erinnerungen. Sein einziger Halt ist Rebecca, von der er jede Nacht träumt. Und auch Rebecca spürt vom ersten Moment an eine Anziehung, die sie sich nicht erklären kann. So verzweifelt die beiden es auch versuchen, sie kommen nicht voneinander los. Aber bevor sie noch erfahren können, was ihr gemeinsames Geheimnis ist, werden sie getrennt. Mit Folgen, die für beide grausam sind. Denn das, was sie verbindet, ist weit mehr als Liebe.

Kommentar:
Der düstere Auftakt des Buches zieht einen sofort in den Bann: Ein unvermitteltes, seltsames Gefühl in Rebeccas Brust, ihr unheimlicher Albtraum und Lucians Auftauchen vor ihrem Fenster mitten in der Nacht versprechen mysteriöse Unterhaltung der Extraklasse. In der Folge verliert das Buch aber erst mal etwas an Faszination. Das hängt vor allem damit zusammen, dass man lange Zeit nicht weiß, worum es eigentlich geht und wo das alles hinführen soll – weshalb das Buch zunächst fast wie eine herkömmliche Teeniestory wirkt, in der sich ein Mädchen in einen seltsamen Jungen verliebt, und die das Leben einer Sechzehnjährigen mit all ihren Sorgen und Nöten widerspiegelt. Es geht um Probleme mit den Eltern, Stress mit dem Lehrer, Ärger, Freund und Leid mit der besten Freundin sowie um die erste Liebe und die Frage, wie schnell man wie weit gehen sollte. Zwar kreisen Rebeccas Gedanken in dieser Phase ständig um Lucian, der immer wieder in ihrer Nähe auftaucht, ihr Kontakt zu ihm ist aber eher sporadisch und auf ein paar Sätze beschränkt. Die wenigen Gespräche sind dafür umso intensiver, zumal sich herauskristallisiert, dass Lucian Ereignisse aus Rebeccas Leben und Zukunft träumt und Dinge aus ihrer Vergangenheit weiß, die er eigentlich nicht wissen kann. Das macht vor allem ihm selbst Angst, nicht zuletzt weil er fürchtet, in der Vergangenheit etwas Schreckliches getan und deshalb seine Erinnerung verloren zu haben. Geradezu verzweifelt versucht er, sich von ihr fernzuhalten, um sie nicht in Gefahr zu bringen, doch er kann der magischen Anziehungskraft ebenso wenig widerstehen wie Rebecca; das Schicksal scheint die beiden immer wieder zusammenzuführen. Als Lucian aber zumindest im Ansatz klar wird, in welcher Gefahr das Mädchen schwebt, tut er aus Unwissenheit das Schlimmste, was er tun kann: Um Rebecca zu schützen, spricht er mit ihrer Mutter, die ihre Tochter daraufhin wegschickt.

Rebecca durchlebt in der Folge eine schmerzhafte Leidenszeit, während der sie weder spricht noch isst, und die ausschließlich durch die knapp dreißig E-Mails ihrer Freunde und Verwandten transportiert wird – ein sehr eleganter Kniff der Autorin, zumal die Sorge der Freunde und ihre Versuche, Rebecca ins Leben zurückzuholen, teils ziemlich anrührend sind. Nach einem mehrwöchigen Klinikaufenthalt geht es dem Mädchen schließlich etwas besser, doch die Erinnerungen holen es schnell wieder ein und stürzen es in ein neues Tief. Dann treten allerdings zwei Menschen in ihr Leben, die Rebecca helfen, die Geschehnisse in der Vergangenheit und ihre Gefühle für den mysteriösen Jungen zu verstehen, und die Erklärungen sind nicht nur für Rebecca überraschend, sondern auch für Lucian, der schließlich wieder auftaucht und endlich erfährt, wer er ist. Die Verdichtung der Handlung bis zu diesem Punkt mit dem Umweg über die Tyger-Lovell-Reed-Verbindung ist hervorragend gelungen, und die Idee hinter der Geschichte erweist sich als richtig klasse; zwar haben sich – zumindest mir – ein paar Kleinigkeiten nicht ganz erschlossen bzw. blieben im Dunklen, das ist aber in Anbetracht des Genres zu verzeihen. Lucians Handeln am Ende ist konsequent und erscheint – obwohl bittersüß – einfach richtig. Es ist ein würdiger Abschluss für das Buch, das Hoffnung macht, zeigt es doch, dass man vor seinem Schicksal nicht davonlaufen, aber es verändern kann – zumal, wenn man nicht alleine ist.

Die Figuren sind allesamt nicht besonders facettenreich, aber dafür glaubwürdig; gleiches gilt für die Beziehungskonstellationen der Figuren zueinander. Schön ist außerdem, dass sich fast alle am Ende deutlich weiterentwickelt und ein Stück erwachsener geworden sind – zum Teil auch die Erwachsenen. Lucian ist allein schon aufgrund seiner mysteriösen Aura ein faszinierender Held, und Rebecca ist eine sympathische und alles in allem recht vernünftig wirkende Heldin. Auch die Nebenfiguren sind gut gelungen, vor allem Rebeccas begeisterungsfähige überschwängliche Freundin Suse, zu der Rebeccas ausgeglichener, beständiger und geduldiger Ex-Freund Sebastian einen deutlichen Kontrast bildet. Der ominöse, geheimnisvolle Lehrer Tyger, der Rebecca von Beginn das Leben schwer macht, erweist sich als eine der interessantesten Figuren der Geschichte, während ausgerechnet Rebeccas Mutter aufgrund ihres teils irrationalen Verhaltens zu den am wenigsten sympathischen zählt. Dass ihre Handlungsweise aus Sorge und Mutterliebe entspringt, steht außer Zweifel; ob eine Psychologin aber jegliches professionelles Wissen und völlig den Kopf verliert, wenn es um ihr eigenes Kind geht, wage ich zu bezweifeln. Noch unsympathischer als Rebeccas Mutter ist eigentlich nur ihre Stiefmutter, deren Hass allerdings nachvollziehbar wird und die am Ende trotz aller Aversionen das Richtige tut und entscheidend zum Ausgang der Geschichte beiträgt.

»Lucian« liest sich angenehm und flüssig, und es gibt einige wunderschöne, sehr gefühlvolle Beschreibungen von Szenen und Empfindungen. Die Gespräche der Jugendlichen erschienen mir allerdings zum Teil nicht besonders authentisch, d.h. Sprache und Ausdrücke kamen mir an manchen Stellen ziemlich gekünstelt und aufgesetzt vor – eher so, wie sich Erwachsene Jugendsprache vorstellen.

Fazit:
12/15 – Eine Geschichte, hinter der eine tolle Idee steckt, deren Umsetzung im ersten Drittel allerdings etwas schwer in die Gänge kommt, und in der durchaus sympathischen Protagonistin dennoch der ganz besondere Kick fehlt. Dennoch: Mein erstes Buch von Isabel Abedi wird ganz bestimmt nicht das letzte sein!

Laura Lee Guhrke: With Seduction in Mind

4. Teil der Girls-Bachelors-Serie

Inhalt:
Daisy Merrick hat zum wiederholten Male ihren Job verloren, weil sie ihr Herz auf der Zunge trägt. In ihrer Verzweiflung beschließt sie versuchen, ihren Lebenstraum zu verwirklichen und Schriftstellerin zu werden. Doch der Verleger, dem sie ihr Manuskript anbietet, attestiert ihrem Roman zwar gute Ansätze, hält ihn aber für noch nicht veröffentlichungsreif. Da Marlowe allerdings von Daisys analytischem Verstand, ihrer Willensstärke und ihrer Ehrlichkeit überzeugt ist, betraut er sie mit einer anderen Aufgabe: Sie soll dem Autor Sebastian Grant, Earl of Avermore, zur Seite stehen, der sich in einer Schaffenskrise befindet. Dumm nur, dass sie gerade eine verherende Kritik über sein neuestes Stück geschrieben hat, und dass Sebastian ohnehin überhaupt nicht mehr Schreiben will …

Kommentar:
Der vierte Teil der Girls-Bachelor-Serie startet richtig gut: Daisys Schilderung der Umstände ihrer Entlassungen, Sebastians empörte Reaktion auf den Verriss seines Stücks, die stoische Reaktion von Sebastians Angestellten auf seine üble Laune, das erste Zusammentreffen zwischen Kritikerin und Autor und Marlowes Idee zur Kooperation der beiden – das alles ist typisch Guhrke, macht Spaß und fesselt von der ersten Seite an. Nachdem der Verleger Marlowe allerdings seinen Willen durchgesetzt und Sebastian zur Zusammenarbeit mit Daisy erpresst hat, weil er glaubt, dass beide davon profitieren können, verzettelt sich die Autorin ziemlich. Offenbar ist ihr ihr Fachwissen ein bisschen zum Verhängnis geworden, denn sie ergeht sich in endlosen, sich stetig wiederholenden Ausführungen zu Figurenanlage, Handlungsaufbau und Schreibtechnik, die ganz schön ermüdend sind. Grundsätzlich ist ein Einblick ins Leben bzw. die Arbeit eines Schriftstellers (und seinem Umgang mit Kritik) sicherlich interessant, leider bringt es in diesem Fall die Handlung so gut wie gar nicht voran und mutet in dieser Ausführlichkeit fast wie ein Schriftsteller-/Schreibschnellkurs an. Die Szenen, die sich nicht um die Schriftstellerei drehen und in denen sich Daisy und Sebastian besser kennenlernen und näher kommen, machen das zum Teil wieder wett, aber eben nicht komplett.

Gut gelungen sind die Figuren. Daisy stellt bereits auf den ersten Seiten unter Beweis, dass sie kein Blatt vor den Mund nimmt. Das Angebot eines bedeutenden Londoner Geschäftsmannes, sie zu seiner Mätresse zu machen, lehnt sie spontan mit den offenen Worten: »Aber Sie sind doch so alt!« ab, und der Verriss des Theaterstücks von Sebastian sowie ihr erstes Zusammentreffen mit ihm machen deutlich, dass sie willensstark, ehrlich, schlagfertig, optimistisch und nicht so leicht einzuschüchtern ist. Genau wegen dieser Eigenschaften ist sie prädestiniert dafür, Sebastian wieder zum Schreiben zu bewegen, obwohl sie selbst noch kein eigenes Werk veröffentlicht hat. Selbstzweifel beschleichen Daisy im Wesentlichen wegen ihres Aussehens, sie hat nämlich rote Haare und jede Menge Sommersprossen – was Sebastian ausnehmend gut gefällt, wie die Autorin nicht müde wird zu versichern.

Sebastian ist das genaue Gegenteil von Daisy – und ein ganz typischer außergewöhnlicher Guhrke-Held mit Ecken und Kanten. Oberflächlich betrachtet ist er ein leicht arroganter Adliger, der trotz seines hin und wieder aufblitzenden Spotts über eine Menge Charme verfügt. Tatsächlich ist er aber ein ausgesprochener Zyniker und Pessimist, der sich in sein Schicksal ergeben und mit der Schriftstellerei abgeschlossen hat. Sein Problem ist, dass er mehrere Jahre lang unter dem Einfluss von Kokain geschrieben hat und davon überzeugt ist, er habe mit dem Entzug auch seine Kreativität verloren. Er glaubt nicht mehr an sich und seine Fähigkeiten, und hätte Marlowe ihn nicht erpresst, hätte er niemals wieder an einem Buch gearbeitet. So aber hat er keine Wahl, und er macht sich äußerst halbherzig an die Überarbeitung seines Manuskripts. Dann allerdings küsst ihn im wahrsten Sinne des Wortes die Muse – in Gestalt von Daisy nämlich, die zu seiner neuen Droge und Inspiration wird. Seine Antriebslosigkeit und seine Schreibblockade lösen sich in Luft auf, aber die Angst vor einer neuen Abhängigkeit lässt nicht zu, dass er sein Glück greift, als es vor ihm liegt. Da er am Ende – natürlich! – das Richtige tut, verzeiht man ihm das alles ebenso wie seine leichte Egozentrik und die Ansätze von Selbstmitleid, denn es sind gerade seine Schwächen, die ihn aus der Masse der uniformen Liebesromanhelden herausheben. Und ich finde es wirklich mutig von der Autorin, in diese Genre einen so tief gesunkenen Helden zu präsentieren – der erst mal fast an seinem eigenen Erbrochenen ersticken muss, um seine starke Kokainabhängigkeit zu bekämpfen.

Wie fast immer bei Guhrke kann man die Figuren an einer Hand abzählen; die Autorin konzentriert sich fast ausschließlich auf die Protagonisten. Dennoch schade, dass die Hauptpersonen der vorherigen Bücher der Serie zwar hin und wieder erwähnt werden, aber nicht selbst in Erscheinung treten – abgesehen von Verleger Marlowe aus »And Then he Kissed Her« und einem Kurzauftritt von Maria aus »The Secret Desires of a Gentleman«.

Fazit:
8/15 – Ich bin eigentlich ein Freund von ruhigen Geschichten und brauche keine große Action, Kriminebenplots oder künstliche Missverständnisse, doch hier wurde eine gute Grundidee aufgrund der überbordenden Ausbreitung von unwichtigen Details zur Schriftstellerei teils ziemlich langatmig umgesetzt.

Jennifer Rardin: Ein Vampir ist nicht genug

Originaltitel: Once Bitten, Twice Shy
1. Teil der Jaz-Parks-Serie

Inhalt:
»Hi, ich bin Jaz Parks. Mein Boss ist Vayl. Er wurde 1744 in Rumänien geboren. Dort ist er auch gestorben – umgebracht von seiner Vampirbraut Liliana. Doch das alles ist finstere Vergangenheit. Jetzt arbeitet Vayl für die CIA und macht das, was er am besten kann: Er legt Vampire um. Und ich helfe ihm dabei. Man könnte sagen, ich bin ein Hilfskiller. Aber sagen Sie das ja nicht zu laut …«

Jaz Parks, CIA-Agentin, hat bei einer Mission ihr gesamtes Team verloren. Seitdem arbeitet sie allein – und ist nicht besonders begeistert, als ihr ein neuer Partner zugewiesen wird. Vor allem da dieser Partner dreihundert Jahre alt ist.
Vayl alias Vasil Nicu Brancoveanu, geboren 1713 in Rumänien, ist ein Vampir. Allerdings einer, der sich auf die Seite der Guten geschlagen hat. Zusammen mit Jaz soll er den Schönheitschirurgen Dr. Assan, Geldgeber der Extremistengruppe »Söhne des Paradieses« aus dem Verkehr ziehen. Doch hinter Dr. Assan steht der mächtige Vampir Raptor, der dem Kult um Tor-al-Degan, die Göttin des Chaos, huldigt und auch einen Senator auf der Lohnliste hat.
Der Versuch, an den Strippenzieher heranzukommen, läuft aus dem Ruder. Vayl und Jaz müssen entdecken, dass der Vampirzirkel um Raptor ein tödliches Virus entwickelt hat, das den Jüngern des Kults das Tor zu weltweitem Terror öffnet. Und Jaz soll der Göttin in einer makabren Zeremonie geopfert werden …

Kommentar:
Inhalt klingt verworren? Ist er auch! Und als wär das Geschehen nicht schon schlimm genug, nervt die Ich-Erzählerin auch noch mit doofen Sprüchen am laufenden Band. Beim Epilog dachte ich noch, das sei mal ein Humor, der meinen Geschmack trifft, aber bereits in Kapitel 1 wurde es mir zu viel: Eine blödsinniger bildhafter Vergleich jagt den nächsten, ein dummer Witz den anderen, und es muss immer noch eine weitere schnoddrige Bemerkung draufgesetzt werden. In dieser Intensität ist das einfach nur unerträglich. Und in Kombination mit den inhaltlichen Schwächen hat dieser höchst holzhammerhumorige Stil schließlich dazu geführt, dass ich auf S. 150 endgültig beschlossen habe, nicht weiter meine Zeit zu verschwenden und das Buch abzubrechen. Kommt ja auch dem Bücherberg-Abbau zugute!

Fazit:
Einmal mehr muss ich feststellen, dass »amüsante« Vampirbücher mit Kick-Ass-Heldinnen nicht mein Ding sind. Ich sollte die Finger davon lassen!

Sarah Mayberry: She’s Got it Bad

Inhalt:
Im Alter von 15 hat Zoe Ford versucht, Liam Masters zu verführen, doch er hat sie abblitzen lassen und ist verschwunden. Zwölf Jahre später taucht er wie aus dem Nichts wieder auf, und es knistert sofort beträchtlich zwischen den beiden. Zoe ist entschlossen, sich nicht nochmal das Herz von Liam brechen zu lassen, aber auf Sex mit ihm möchte sie nicht verzichten …

Kommentar:
Da ist sie also, meine erste vollkommen von AAR abweichende Meinung. Ich hab »She’s Got it Bad« gekauft, weil es dort ein A bekommen hat – der uneingeschränkten Begeisterung kann ich mich aber nicht anschließen, im Gegenteil.

Das Buch fängt eigentlich interessant an: Der Prolog beschreibt die Nacht, in der Zoe Ford versucht, Liam zu verführen. Da Liam aber das Vertrauen der Familie Ford, die ihn nach dem Tod seiner Mutter bei sich aufgenommen hat, nicht missbrauchen will, entsagt er dem Mädchen schweren Herzens und verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Zwölf Jahre später nimmt das Unheil seinen Lauf: Liam stößt rein zufällig in einer Galerie auf ein aufregendes Aktgemälde, das niemand anderen als Zoe zeigt, und bereits in dieser Szene wird klar, dass Liam nicht ganz richtig tickt. Er reißt das Bild von der Wand, damit niemand anders es sieht, und beschließt, seine Jugendliebe zu retten. Es steht für Liam nämlich außer Zweifel, dass Zoe dringend Geld braucht und sich nur deshalb »verkauft« und malen hat lassen; den Hinweis der Galeristin, dass das Gemälde keine Pornografie, sondern Kunst ist, schlägt er in den Wind. Nachdem er ihre Adresse ausgekundschaftet hat, ereilt ihn der nächste Schock: Er muss entgeistert feststellen, dass Zoe als Tätowiererin arbeitet. Und als wäre das alles nicht schlimm genug, tritt sie abends auch noch als »Vixen« halbnackt in einem Nachtclub als Sängerin auf und heizt fremden Männern ein.

Zwar hat es Liam zwölf Jahre lang nicht gekümmert, was das Mädchen treibt, dem er das Herz gebrochen hat, aber da das Schicksal sie nun wieder zusammengeführt hat, fühlt er sich dringend berufen, ihr Leben in Ordnung zu bringen. Überfüssig zu erwähnen, dass ihr das nicht besonders gut passt, wenngleich sie ihn nach wie vor ziemlich sexy findet und deshalb so lange heiß macht, bis er ihr nicht mehr widerstehen kann und sie noch in der Garderobe des Clubs flachlegt. Da er das ja gar nicht wollte, kommt er hinterher fast um vor schlechtem Gewissen, und alle sind genervt. Damit ist auch schon das wichtigste zur Handlung gesagt, denn diese wiederholt sich im Folgenden stetig: Zoe verführt Liam, Liam ist sauer. Auf sich selbst und irgendwie auch auf Zoe, weil sie so ist, wie sie ist. Varianten davon sind: Liam spioniert Zoe nach, Zoe ist sauer. Liam greift ungefragt in Zoes Leben ein, Zoe ist sauer. Liam nörgelt an Zoe rum, Zoe ist sauer. Liam lässt Zoe mal wieder Abblitzen, Zoe ist sauer.

Ehrlich gesagt, ich bin auch sauer. Auf die Autorin, die uns einen dermaßen bescheuerten Chauvi als Helden vorsetzt – und Liam ist wirklich von der ersten Szene an unerträglich. Sein persönlicher Hintergrund ist fraglos tragisch, rechtfertigt aber nicht, dass er sich unaufgefordert ins Leben anderer Leute drängt – schon gar nicht, nachdem er zwölf Jahre nichts von sich hat hören lassen und sich nicht die Bohne dafür interessiert hat, was Zoe macht. Jetzt kommt er daher, glaubt, sie besser zu kennen als sie sich selbst kennt, und weiß deshalb ganz genau, was sie will, was sie braucht und was gut oder schlecht für sie ist. Die Penetranz, die er dabei an den Tag legt, ist schlicht unfassbar, und seine spießigen Nörgeleien und Anklagen sind kaum auszuhalten und reichen von »Dein Shirt ist zu eng!«, »Deine Jeans ist ne Nummer zu klein!«, »Dein Rock ist zu kurz!« bis zu »Deine Augen sind zu schwarz geschminkt!«, »Du sollst meine Mitarbeiter nicht anmachen!« und »Du willst mehr als Sex von mir, auch wenn du es dir nicht eingestehst!« Besonders impertinent ist aber die über allem schwebende Gesamtbeurteilung von Zoes Situation: »Du lässt dich nackt malen, machst Kerle heiß, arbeitest als Tätowiererin und singst in nem Nachtclub – dein Leben ist scheiße. Du musst ein Problem haben.«

Ich verkneife mir schweren Herzens die Bemerkung, dass Zoes vordringliches Problem m.E. Liam selbst ist, denn sie hat wirklich ein Problem. Dieses in einem tragischen Vorfall in der Vergangenheit begründet und hängt unmittelbar mit Liams Abgang vor zwölf Jahren zusammen; ob Zoe aber deshalb wirklich ihr gesamtes Leben als schlecht empfindet, wird nicht ganz klar. Im Prinzip ist die Protagonistin jedenfalls in Ordnung, abgesehen davon, dass sie sich am Ende tatsächlich von Liam retten lässt. Vielleicht, weil der Sex mit ihm so gut ist – die Sexszenen jedenfalls sind zahlreich und ziemlich heiß!

Fazit:
5/15 – Die Idee wäre gar nicht so schlecht, aber die Umsetzung ist mangelhaft und strotzt nur so vor antiquierten Klischees. Aufgrund des unerträglichen Protagonisten und der dünnen Geschichte gerade so ein Ausreichend.

Jean-Christophe Grangé: Der Flug der Störche

Lübbe Audio, 6 CDs
Gekürzte Lesung von Joachim Kerzel

Inhalt:
Jedes Jahr im Spätsommer versammeln sich die Störche und brechen nach Süden auf. Und jedes Jahr im Frühling kehren sie zurück in ihre alten Nester. Doch diesmal bleibt die Rückkehr der Zugvögel aus. Ein Schweizer Ornithologe schlägt Alarm. Er erteilt Louis Antioche den Auftrag, den Weg der Störche von Europa nach Zentralafrika zu verfolgen. Seine Nachforschungen werden zu einer Reise ins Grauen.

Kommentar:
Da mir »Der Flug der Störche« auf dem Flohmarkt über den Weg gelaufen ist, dachte ich, ich versuch’s doch auch mal mit diesem Hörbuch; die Grangé-Stoffe haben ja eigentlich immer was, wie man spätestens seit »Die purpurnen Flüsse« oder »Das Imperium der Wölfe« weiß, also kann man da nicht viel falsch machen …

Und man macht auch nichts falsch – es sei denn, man erwartet infolge des Klappentexts einen Umweltthriller wie Schätzings »Der Schwarm«. Den kriegt man nämlich nicht. Stattdessen kriegt man einen beklemmenden, komplexen, spannenden, teilweise sehr blutigen und detailreich-ekelhaften Thriller, der aber trotzdem nicht nur um der Effekthascherei willen grausam ist. Viele Hintergründe und Details der Geschichte sind zwar – zumindest in Ansätzen – zu durchschauen, die Auflösung geht aber fast immer noch ein Stück weiter und tiefer, als man es für möglich gehalten hätte. Man wird von Beginn an in die Geschichte hineingezogen, wobei der Spannungsbogen mit Auflösung des Handlungsstranges um die verschwundenen Störche zwischenzeitlich ein wenig verloren geht; so hat »Der Flug der Störche« im Mittelteil – mit Beginn der Ermittlungen in Afrika – ein paar Längen, als nämlich die beiden Haupthandlungsstränge verbunden werden bzw. der zweite wesentliche Handlungsstrang richtig aufgenommen wird. Hier hätte man m.E. noch ein wenig kürzen können, wenn man die Story ohnehin strafft, angesichts der sonst spannenden und dichten Handlung fällt das aber nicht besonders negativ ins Gewicht.

Joachim Kerzel – Synchronsprecher von Jean Reno, der in diversen Grangé-Verfilmungen die Hauptrolle spielt – klingt eigentlich zu alt für den 32-Jährigen, der die Geschichte in Ich-Form erzählt, macht seine Sache aber so grandios, dass man darüber hinwegsehen kann. Er verzichtet auf eine Lesung mit verteilten Rollen und liest den Stoff stattdessen gänzlich unaufgeregt, aber sehr eindringlich, was das beklemmende Gefühl beim Hörer nur verstärkt und den Stoff perfekt unterstreicht – ebenso wie die punktuell und sehr gezielt eingesetzten Geräusche und Musiken.

Wertung:
14/15 – Eine fast perfekte Vertonung eines tollen Buchs, bei der nahezu alles stimmt – nicht zuletzt der Preis, der mit 10,95 Euro UVP für 6 CDs unschlagbar ist!

Lisa Kleypas: Against the Odds

Inhalt:
Lydia Craven ist eine begabte Mathematikerin und hat errechnet, dass die Wahrscheinlichkeit, die große Liebe zu finden, äußerst gering ist. Deshalb hat sie sich entschieden, eine Vernunftehe mit Lord Wray einzugehen – er teilt ihre Interessen und sie kann sich vorstellen, ein zufriedenes Leben an seiner Seite zu führen. Doch kurz vor der Hochzeit tritt der Jake Linley auf den Plan und stürzt die sonst so vernünftige Lydia mit einem Liebesgeständnis in heillose Verwirrung …

Kommentar:
»Against the Odds«, veröffentlicht in der Anthologie »Where’s my Hero?«, dreht sich um Lydia Craven, Tochter des Geschäftsmannes Derek Craven aus »Roulette des Herzens« (»Dreaming of you«), und den Arzt Jake Linley, bekannt aus der Bowstreet-Runner-Serie. Die Geschichte ist nur knapp 100 groß gedruckte Seiten lang und umfasst eine Handlung von wenigen Stunden, in denen sich die sympathischen Protagonisten ihrer Gefühle füreinander gewahr werden, entsprechend oberflächlich ist sie natürlich. Das ändert jedoch nichts daran, dass sie gute, kurzweilige Unterhaltung für eine halbe Stunde auf der Couch bietet, zumal das Wiedersehen mit Sara und Derek Craven großen Spaß macht.

Fazit:
10/15 – Nette Unterhaltung, aber natürlich schon aufgrund des begrenzten Platzes innerhalb der Anthologie ohne jeden Tiefgang.

Lisa Kleypas: Roulette des Herzens

Originaltitel: Dreaming of you
2. Teil einer Serie

Inhalt:
Die erfolgreiche Jungschriftstellerin Sara Rose Fielding rettet im Zuge ihrer Milieustudien für ein neues Buch den berühmt-berüchtigten Spielhöllenbesitzer Derek Craven. Als Gegenleistung erbittet sie, in Dereks Club Recherchen betreiben und seine Angestellten befragen zu dürfen, und weil er in ihrer Schuld steht, willigt er nach langem Zögern schließlich ein. Schon bald herrscht eine ständig wachsende Spannung zwischen den beiden, doch obwohl Derek Sara so sehr will wie keine Frau zuvor, schickt er sie schließlich zurück in ihre Heimat auf dem Land und versucht, sie zu vergessen …

Kommentar:
Der zweite Band der Serie aus dem Umfeld von Derek Craven dreht sich um den Spielhöllenbesitzer selbst und geht schon gut los: Craven wird in den düsteren Gassen des East Ends überfallen und von Sara gerettet. Es mutet etwas befremdlich an, dass die harmlose Schriftstellerin vom Land eine Pistole bei sich trägt und mal so nebenbei einen Gangster erschießt, ohne dass das weitere Konsequenzen oder wenigstens ernsthafte Schuldgefühle nach sich zieht, aber das ist schnell vergessen. Die Liebesgeschichte zieht einen so in ihren Bann, dass man sich an den kleinen Unwahrscheinlichkeiten nicht ernsthaft stört. Gegen Ende wirkt die Handlung dann allerdings ziemlich überstürzt und und diverse Zeitsprünge lassen keinen Raum, um die Entwicklung Dereks und der Beziehung des Paares nachvollziehen zu können. Dafür werden noch einige eigentlich überflüssige hochdramatische Ereignisse eingebaut, die das Happy-End unnötig hinauszögern.

Im Gegensatz zum Vorgängerbuch »Jägerin des Herzens« begegnet man hier zwei absolut überzeugenden Protagonisten, die die Geschichte zum Leben erwecken. Die beiden könnten gegensätzlicher kaum sein: Sara ist warmherzig, liberal, loyal, mutig und intelligent, dabei aber bisweilen auch ziemlich naiv. Ihre Fähigkeit, gefährliche Menschen und heikle Situationen als solche zu erkennen, tendiert – trotz des Mitführens einer Pistole – gegen Null; sie glaubt zu jeder Zeit ans Gute in den Menschen. Das ist stimmig und passt hier, denn dieser Charakterzug ist Grundvoraussetzung dafür, dass sich sich auf Derek einlässt. Eine vernünftigere, weniger idealistische Frau würde Derek Cravens Handeln in der Vergangenheit und seinen daraus resultierenden schwierigen Charakter nicht einfach hinnehmen und ihn bedingungslos akzeptieren wie er ist. Doch Sara hat die Größe, ihm so viel Zeit, Freiheit und Raum zu geben, wie er braucht, um Vertrauen zu ihr zu fassen und ihre Liebe zu erwidern.

Derek ist ein »tortured hero« wie er im Buche steht. Der Gossenjunge, Sohn einer Prostituierten und aufgezogen von Huren und Gesindel, hat sich im Laufe seiner illustren Vergangenheit als Kaminjunge, Hafenarbeiter, Stallbursche, Dieb, Erpresser, Leichenräuber, männlicher Prostituierter, Betrüger und wahrscheinlich auch Mörder (das wird angedeutet, es bleibt aber offen) durchgeschlagen. Mit Ehrgeiz und Verbissenheit hat er es schließlich zum Clubbesitzer gebracht und ein riesiges Vermögen angehäuft; er hat sich alles erkauft, was man mit Geld erkaufen kann, aber inneren Frieden hat er nicht gefunden. Er hadert mit seiner Vergangenheit, ist zerrissen und weiß nicht, wo er hingehört; sein Konkurrent Ivo Kenner bemerkt sehr treffened, dass er mit einem Fuß in Mayfair und mit dem anderen im East End steht. Dass er sich vom ersten Moment an zur lebenslustigen, herzlichen Sara hingezogen fühlt, versteht er selbst nicht – und es gefällt ihm auch nicht. Er kann und will sich nicht auf sie einlassen, weil er Angst vor Bindungen hat, nicht an die Liebe glaubt und Sara schützen will. Nicht zu Unrecht ist er der Meinung, dass sie aus einer anderen Welt kommt und nicht zu ihm passt. Sein Handeln und sein Wehren bis zum letzten Moment ist im Kontext durchgehend glaubwürdig – auch wenn die die Ereignisse, die ihn schließlich dazu bringen, sich doch auf Sara einzulassen, dann etwas konstruiert wirken. Dafür punktet er am Ende mit einem wunderschönen Liebesgeständnis!

Diverse gute Nebenfiguren bereichern das Buch, etwa das Clubfaktotum Worthy und Saras Verlobter, ein weichgespültes Muttersöhnchen par excellence, nebst seiner herrischen Erzeugerin, die Sara das Leben zur Hölle macht. Mehrfach begegnet man auch Lily Lawson und Alex Raiford wieder, von denen es wenig Neues gibt (außer dass sie inzwischen einen Sohn haben): Lily ist und bleibt eine ordinäre, enervierende Figur, die sich unter dem Deckmäntelchen des Helfenwollens in alles einmischt, während Alex ihr immer noch alles mehr oder weniger kommentarlos nachsieht.

Abschließend noch ein Kritikpunkt, der aber nicht in die Wertung einfließt: Die Übersetzung wirkt ziemlich antiquiert und liest sich teilweise recht holprig, allein schon, weil offenbar sämtliche Possessivpronomen aus dem Text verbannt wurden: »die Gattin« schmiedet Pläne, »der Ehemann« ergreift das Wort und »man« sucht die Eltern auf. Daneben scheint mir die Übersetzung teilweise außerdem ziemlich sinnentstellend zu sein. Es würde mich nicht wundern, wenn hier mal wieder sprachlich und inhaltlich in die Handlung eingegriffen worden wäre, aber da mir das englische Original (noch) nicht vorliegt, kann ich es nicht mit Gewissheit sagen.

Fazit:
14/15 – Abgesehen davon, dass die Geschichte im Zeitraffer zuende erzählt wird, ein wunderschöner Liebesroman mit hinreißenden Protagonisten.

Lisa Kleypas: Jägerin des Herzens

Originaltitel: Then Came You
1. Teil einer Serie

Inhalt:
Die kapriziöse Lily Lawson gefällt sich darin, die noble Londoner Gesellschaft zu schockieren. Aber hinter der Fassade übertriebener Fröhlichkeit vergirbt sie ihre Enttäuschung über die Männerwelt. Deshalb lässt sie sich schnell überreden, die unwillkommene Verheiratung ihrer Schwester mit dem arroganten Lord Alex Raiford, Earl of Wolverton, mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln zu hintertreiben. Lord Alex beschließt bald, sie für diese Einmischung teuer bezahlen zu lassen …

Kommentar:
Lisa Kleypas zählt ja eigentlich zu meinen liebsten Liebesromanautorinnen, aber dieses (vielfach gerühmte) Frühwerk von 1993 trifft leider nicht wirklich Geschmack. Die Geschichte an sich ist »Was sich liebt, das neckt sich«-Standardkost: Die Protagonisten können sich anfänglich nicht leiden, streiten, beschimpfen und kabbeln sich, entdecken aber im Laufe ihrer Handlung ihre Liebe zueinander. Nichts Neues also, aber als Basis für einen Liebesroman völlig ausreichend. Daneben gibt es ganz am Rande noch eine Art Krimihandlung, denn Lilys Tochter ist entführt worden, und Lily wird von den Entführern erpresst. Dieser Handlungsstrang ist zwar nicht übermäßig glaubwürdig, geht aber in Ordnung.

Das eigentliche Problem sind hier die Figuren. Alex Raiford ist nach zwei Jahren immer noch zutiefst mitgenommen vom Unfalltod seiner Verlobten Caroline und lässt sich aus Angst vor weiteren Verlusten und Verletzungen nicht mehr auf andere Menschen ein. Dass er sich entschieden hat, Lilys Schwester Penelope zu heiraten, hat rein praktische Gründe: Er will einen Erben und hält die hübsche, stille Penelope für genau die richtige Frau, weil er nichts für sie empfindet und davon ausgeht, dass sie fügsam ihren Aufgaben nachkommen wird. Unglücklicherweise weckt aber ausgerechnet das Auftauchen von Lily in ihm heftiges Begehren und stürzt ihn in ein Gefühlschaos. Da ist es fast praktisch, dass seine Verlobte Penelope – angespornt und gedeckt von ihrer verrufenen Schwester – mit ihrer großen Liebe durchbrennt, denn somit ist der Weg frei für eine Hochzeit mit Lily. Spätestens hier wurde mir der Protagonist zu unglaubwürdig: Dass er Lily trotz all ihrer unfassbaren Eskapaden heiraten will, ist mir ebenso ein Rätsel wie seine Hingabe, Selbstlosigkeit und sein grenzenloses Verständnis für Lilys unüberlegte und gefährliche Aktionen; eigentlich gehört diese Frau mal ordentlich auf den Pott gesetzt, damit sie wieder zu Verstand kommt. Alex ist also zwar ein hingebungsvoller Held, er steckt für meinen Geschmack aber zu viel ein und verzeiht zu viel; mir ist er eindeutig zu weichgespült.

Im Vergleich zu Lily ist er aber trotzdem das kleinere Übel. Lily ist zwar schlagfertig und selbstständig, ansonsten aber genau so, wie ich eine Heldin nicht haben will. Ihr Handeln zeugt während der ganzen Geschichte (den Epilog ausgenommen) von ihrem Egoismus und ihrer Berechnung, zudem ist sie vollkommen übertrieben dargestellt – zu vulgär, zu hysterisch, zu laut, zu egoistsch, zu impulsiv, zu verrucht. Sie wirft mit Gegenständen, kreischt und entführt zu allem Übel auch noch Alex‘ kleinen Bruder. Gerade sie, deren eigenes Kind entführt wurde und die jeden Tag Todesängste aussteht und jede Nacht Alpträume deshalb hat, dürfte niemals einen anderen Menschen dieses Leid antun und diesen Ängsten aussetzen, auch nicht, wenn der Fall zugegebenermaßen anders gelagert ist. Ihr Schicksal entschuldigt das weder, noch ist es eine gute Begründung – ganz im Gegenteil! Mit bedingungsloser Mutterliebe und der Bereitschaft, alles für das Wohl ihres Kindes zu tun (von dem sie allerdings zunächst gar nicht weiß, ob es überhaupt noch lebt), ist aber ihr gesamtes Verhalten nicht hinreichend zu rechtfertigen. Und dass erst ihr Verlober und später ihr Liebhaber sie verraten haben, erklärt auch nicht, warum sie sich nicht helfen lässt von dem Mann, den sie liebt und der ihr ja ganz offensichtlich sein eigenes Leben zu Füßen legen würde. Stattdessen bringt sie sich ständig selbst in Gefahr bringt, und zwar ganz offensichtlich ohne zu überlegen, was aus ihrem Kind würde, wenn ihr etwas zustoßen sollte. Wenig glaubwürdig!

In Sachen Nebenfiguren hat Kleypas aber immerhin einen Volltreffer gelandet, mit Lilys Freund Derek Craven nämlich, der aus der Gosse stammt und sich zum berühmt-berüchtigten Clubbesitzer hochgearbeitet hat. Auch wenn seine Vergangenheit und die Umstände seines Aufstiegs noch Dunkeln liegen, ist schon jetzt klar, dass er für seinen Reichtum und Erfolg über Leichen gegangen ist; entsprechend hart und unnachgiebig verhält er sich Lily, vor allem aber sich selbst gegenüber. Auf seine Geschichte bin ich wirklich gespannt, sie wird in »Roulette des Herzens« (Originaltitel: »Dreaming of you«) erzählt.

Fazit:
7/15 – Mehr Punkte kann ich dem Frühwerk vom Kleypas beim besten Willen nicht geben, dafür sind die Protagonisten, vor allem Lily, einfach zu misslungen.

Bill Napier: Der 77. Grad

Originaltitel: Shattered Icon

Inhalt:
Der britische Buchhändler Harry Blake wird von einem reichen Lord gebeten, ein verschlüsseltes, 400 Jahre altes Manuskript zu enträtseln. Es scheint sich um ein Tagebuch zu handeln, verfasst von einem Schiffsjungen. 1585 begleitete dieser den Abenteurer Sir Walter Raleigh auf einer Expedition in die Karibik. Ihr Ziel: der 77. Grad, der Längengrad Gottes. Als sein Auftraggeber ermordet wird, begreift Blake, dass in dem mysteriösen Journal aus der Zeit von Königin Elisabeth I. ein dunkles Geheimnis verborgen sein muss. Gemeinsam mit der Historikerin Zola Khan deckt Blake eine unglaubliche Verschwörung auf …

Kommentar:
»Pageturner« bezeichnet ja eigentlich ein Buch, das so super und spannend ist, dass man gar nicht aufhören kann weiterzublättern resp. -lesen. Bei »Der 77. Grad« allerdings, von der Edinburgh Times angepriesen als »Ein Pageturner, bei dem man sich die Finger wundblättert« bekommt das Wort eine neue Bedeutungsebene. Das Problem mit den wunden Fingern kommt nämlich eher daher, dass man die langweiligen, sich stetig wiederholenden und zu allem Übel zum Teil auch noch völlig zusammenhanglos aneinandergereihten Ausführungen möglichst schnell hinter sich bringen will.

Fazit:
Abgebrochen wegen Unerträglichkeit. Will man sich gähnende Langeweile und wunde Finger vom Pageturnen ersparen, feuert man das Buch am besten gleich in die Ecke und nicht erst – wie ich – nach 100 Seiten quälender Langeweile.