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[Rezension] Elizabeth Hoyt: To Seduce a Sinner

The Legend of the Four Soldiers, Book 2

Inhalt:
Seit vielen Jahren ist Melisande Fleming heimlich in Jasper Renshaw, Lord Vale verliebt. Als er am Tag seiner Hochzeit von seiner Braut sitzengelassen wird, beschließt sie, dass ihre Zeit gekommen ist: Sie macht ihm einen Heiratsantrag und überzeugt ihn davon, dass eine Ehe nur vernünftig wäre; dass sie ihn liebt, bleibt ihr Geheimnis. Doch auch Lord Vale hat seine Geheimnisse: Er ist seit seiner Zeit als Kriegsgefangener schwer traumatisiert und besessen davon aufzuklären, wer das Regiment damals verraten hat. Eine Vernunftehe ist genau das, was er will – doch dann kommt alles anders als gedacht. Melisande ist nämlich mitnichten die verklemmte Ehefrau, die er erwartet hat, sondern erweist sich als verführerisch, scharfsinnig und verständnisvoll …

Kommentar:
Elizabeth Hoyts erste Serie, die Princes-Trilogy, hat damals eingeschlagen wie eine Bombe und Liebesromanleser und Rezensenten gleichermaßen begeistert. Entsprechend hoch waren auch die Erwartungen an ihre neue Four-Soldiers-Serie – die Hoyt mit dem ersten Band »To Taste Temptation« jedoch nicht erfüllen konnte. Ich hab dem Buch zwar immerhin acht von 15 Punkten gegeben, war aber angesichts des hohen Niveaus der vorherigen Bücher enttäuscht (wobei ich mich interessanterweise überhaupt nicht mehr an das Buch erinnern kann erinnern kann). In der Hoffnung auf einen einmaligen Ausrutscher hab ich nach längerer Pause jetzt zu Band 2 gegriffen, musste aber leider feststellen, dass er nicht besser ist, eher im Gegenteil.

Das Buch startet vielversprechend – mit der Szene, in der Jasper am Tag seiner Hochzeit von seiner Verlobten verlassen wird, die statt des Viscounts lieber einen Kurator heiraten will. Jasper nimmt die Trennung relativ gefasst auf, da er ohnehin nichts für das Mädchen empfunden hat; außerdem hat er eine gewisse Erfahrung mit solchen Situationen, denn sie ist bereits die zweite Verlobte, die ihn verlässt (Ex-Verlobte Nr. 1 ist die Protagonistin in Band 1 der Serie). Zeit, sich zu grämen, bliebe ihm ohnehin nicht, denn nicht viel später tritt auch schon Melisande auf den Plan und macht ihm ihrerseits einen Antrag. Da ihr Vorschlag recht vernünftig klingt und Jasper außerdem einen Erben braucht, nimmt er an. Nicht viel später sind die beiden verheiratet, haben unerwartet guten Sex und versuchen, ihr Zusammenleben zu arrangieren, ihre Geheimnisse voreinander zu wahren und den anderen gleichzeitig zu durchschauen sowie Melisandes eifersüchtigen Hund zu erziehen. Darüber hinaus lebt Jasper sein Kriegsgefangenschaftstrauma aus und jagt den Verräter, der dafür verantwortlich ist.

Eigentlich mag ich ja die sog. »character driven novels« und brauche keine große Action, aber was hier geboten wird, ist einfach langweilig. Es passiert eigentlich überhaupt nichts von Bedeutung, stattdessen hält sich die Autorin mit der Erzählung von kleinen Episoden – etwa Hundeerziehungsmaßnahmen oder einem Kutschenüberfall auf –, die die Handlung in keinster Weise voranbringen. Es findet auch keine nachvollziehbare Entwicklung der Personen und ihrer Beziehung zueinander statt, und Gefühl kommt auch kaum rüber. Melisande mit ihrer überhöhten Liebe, ihrem ewigen Verständnis und ihrer stetigen Sanftheit war mir viel nett und zu eindimensional, wobei der Grund, warum Jasper partout nicht wissen darf, dass sie ihn liebt, nicht nachvollziehbar ist. Jasper ist aufgrund seiner grausamen Kriegserlebnisse ein klassischer »tortured hero«; seine Besessenheit ist einigermaßen plausibel. Dennoch ist er in vielen Situationen unverständlich kopflos und sein Verhalten überzeichnet. Was er in der Hochzeitsnacht abliefert und dass er jedesmal nach dem (fantastischen!) Sex fluchtartig den Raum verlässt, ist unsympathisch, unbegründet und extrem rücksichtslos gegenüber seiner Frau – die aber natürlich zwar ein bisschen enttäuscht ist, ihm sein Verhalten jedoch nicht übel nimmt.

Eine kleine Enttäuschung ist auch das parabolische Märchen vom »Laughing Jack«, von dem immer zu Anfang eines Kapitels ein Stück erzählt wird und das eine eigene kleine Geschichte bildet. Ich will eigentlich nicht ständig auf der Prinzen-Trilogie herumreiten, aber ich muss einfach: Die dort implizierten Märchen vom Raven Prince, Lepoard Prince bzw. Serpent Prince, die den Büchern ihre Namen gegeben haben, waren etwas ganz besonderes und so klasse, dass ich sie vorweg am Stück gelesen habe. »Lauging Jack« ist langweilig und wirkt wie ein Mix aus verschiedenen klassischen Volksmärchen; die Geschichte bietet keinerlei Überraschungen.

Es sei noch erwähnt, dass die Four-Soldier-Serie nicht durchgehend schlechter als die Princes-Trilogy bewertet wird, sondern durchaus auch eine Vielzahl guter Kritiken erhalten hat, etwa bei den von mir sehr geschätzten Kritikern von AAR (A-, A-, A, B+). Ich für meinen Teil setze in die beiden noch ausstehenden Teile, die natürlich beide bereits hier im Regal ihr Dasein fristen, keine großen Hoffnungen mehr – wobei Elizabeth Hoyt es aber trotzdem geschafft hat, auf den letzten Seiten des Buches ein so großes Interesse am folgenden Band zu wecken, dass ich ernsthaft überlege, diesen direkt im Anschluss zu lesen.

Fazit:
7/15 – Eine sehr durchschnittliche, handlungsarme Geschichte über das Zusammenfinden zweier wenig mitreißender Helden.

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Serieninfo:

01 To Taste Temptation
02 To Seduce a Sinner
03 To Beguile a Beast
04 To Desire a Devil

[Rezension] Megan Hart: Hot Summer

Originaltitel: Tempted

Inhalt:
Sex zu dritt? Anne und James führen eine glückliche Ehe. Doch dann kommt plötzlich ein Jugendfreund zu Besuch. Und plötzlich ist nichts mehr, wie es einmal war. Denn Alex sieht nicht nur gut aus, er ist auch klug, sexy und einfach unwiderstehlich. Mehr und mehr fühlt Anne sich zu ihm hingezogen, es knistert ganz gewaltig. Bis sie nach einer heißen Nacht in einem angesagten Club endgültig seiner Faszination erliegt. Trotzdem darf ihr Ehemann natürlich nicht fehlen. Und so kommt Anne unverhofft in den Genuss, von zwei Männern gleichzeitig verwöhnt zu werden. Die leidenschaftliche Ménage à trois nimmt ihren erregenden Verlauf. Bis Anne beginnt, sich zu verlieben, und Alex ihr ein Geheimnis ihres Mannes verrät …

Kommentar:
Obwohl ich im Gegensatz zum Rest der Welt nicht allzu überzeugt von Megan Harts »Dirty« war – das Buch hat von mir 7 Punkte erhalten –, hab ich mich aufgrund von Evis Begeisterung an »Hot Summer« gewagt, als ich es überraschend in meinem Regal gefunden habe. (Sagte ich schon mal, dass ich den Überblick über meine Bestände völlig verloren habe?!) Um es vorweg zu nehmen: Das war definitiv eine gute Entscheidung.

Das Buch hat mich von der ersten Seite an gefesselt – nicht zuletzt, weil es wirklich gut aufgebaut ist: Es zeigt zunächst Szenen der augenscheinlich guten und sexuell befriedigenden Ehe zwischen Anne und ihren Mann James, bevor ein Anruf von James‘ altem Freund Alex Kennedy, der seinen Besuch bei den beiden ankündigt, zum Störfaktor wird. Anne muss mit einigem Befremden feststellen, dass ihr Mann sich ein bisschen zu sehr über Alex‘ Kommen freut und dass die beiden nach einem Streit, dessen Grund Anne nicht kennt, offenbar doch wieder regelmäßigen Kontakt hatten – was James ihr nie erzählt hat. Insofern blickt sie dem Besuch mit gemischten Gefühlen entgegen; zurecht, wie sich herausstellt. Denn nicht nur erkennt sie ihren Mann nicht wieder, wenn er mit seinem alten Freund zusammen ist, sondern sie selbst fühlt sich vom ersten Moment an unwiderstehlich zu Alex hingezogen. Da die Anziehung auf Gegenseitigkeit beruht und James die Sache eher forciert als unterbindet, ist es schon bald keine Frage mehr, ob, sondern wann es passiert – und Megan Hart versteht es wirklich vortrefflich, die steigende sexuelle Spannung zwischen den dreien zu vermitteln.

Die Konflikte, die die Menage für jeden der Beteiligten mit sich bringt, sind absolut nachvollziehbar, und es ist eine logische Folge davon, dass aus der Affäre mehr entsteht als vorgesehen. Anne verliebt sich in Alex und muss gleichzeitig erkennen, dass die Beziehung zwischen James und Alex durchaus eine sexuelle Komponente hat, auch wenn die beiden es im Bett tunlichst vermeiden, sich zu berühren – das verbindende Glied zwischen den Männern ist Anne selbst, und diese Rolle behagt ihr nicht recht. Sie kommt mit der ganzen Situation zunehmend weniger klar, und am Ende des Sommers muss sie eine Entscheidung treffen, mit der sie zwar nur bedingt leben kann, die aber konsequent ist und zur Figur passt.

Anne, die Ich-Erzählerin der Geschichte, ist nicht gerade eine aufsehenserregende Heldin, aber sie ist sympathisch und stimmig angelegt. Trotz ihres schwierigen familiären Hintergrunds ist sie ausgeglichen, loyal, zuverlässig und führt ein beschauliches Leben mit James. Das große, himmelhochjauchzende Glück ist ihr in ihrer Ehe nicht vergönnt, aber sie ist alles in allem zufrieden mit dem, was sie hat – bis der aufregende Alex kommt, der ihr vor Augen führt, was ihr fehlt, und in dessen Gegenwart sie sich fühlt wie ein anderer Mensch. Ein klares Bild von den beiden Männern konnte mir Megan Hart allerdings nicht vermitteln; sie bleiben relativ blass. Alex wirkt flatterhaft, geheimnisvoll, ein wenig düster und aus Gründen, die ich nicht nennen kann, extrem attraktiv, während der vielbeschäftigte, hart arbeitende James den eher langweiligen Ehemann gibt, der Konflikten aus dem Weg geht. Den beiden gemeinsam ist ihr vulgärer Sprachschatz, sie verzichten beinahe komplett auf eine Vornamensnennung und reden sich grundsätzlich mit »Arschloch«, »Alter« o.ä. an – das irritiert nicht nur Anne, sondern hat auch mich zum Teil ganz schön genervt.

Durchzogen von Vulgärsprache sind auch die Sexzenen, das dürfte aber größtenteils der Übersetzung geschuldet sein (die auch an anderen Stellen nicht gerade glücklich ist). Davon abgesehen sind die Bettszenen zwar durchaus explizit, aber nicht übermäßig detailliert oder obszön beschrieben; sie sind zudem gut in die Handlung integriert. Meinetwegen hätte es in Anbetracht der Tatsache, dass es sich bei »Hot Summer« um einen erotischen Roman handelt, durchaus ausschweifender zugehen dürfen. Um genau zu sein: Von einem erotischen Roman erwarte ich eigentlich mehr.

Schade ist auch, dass Megan Hart immer wieder Spannung aus dem Buch nimmt, indem sie den Fokus auf Annes Familienangelegenheiten legt, als da wären: die Planungen einer Familienfeier bei ihr zuhause, Differenzen mit der Schwiegermutter und mangelnder Rückhalt durch James, das schwierige Verhältnis zu ihrem alkoholkranken Vater, zwei Familiengeheimnisse aus der Vergangenheit, die aufgedeckt werden, sowie die Probleme ihrer drei Schwestern, die alle ihr Päckchen zu tragen haben. In der Summe waren mir die ganzen Nebenkriegsschauplätze zu viel – und zu unbedeutend für das eigentliche Thema des Buches, die Menage.

Fazit:
12/15 – Ein wirklich gutes und unterhaltsames Buch, das für mich aber eher ein Roman mit hohem Sexanteil als ein »richtiger« Erotikroman ist.

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Serieninfo:

01 Tempted | Hot Summer
02 Naked (August 2010)

[Rezension] Sophie Kinsella: Charleston Girl

Inhalt:
Lara Lington, eine junge Londonerin, hat gerade die Trennung von ihrem Freund hinter sich, und auch im Job könnte es besser laufen. Gegen ein paar Veränderungen hätte sie also nichts einzuwenden. Aber dass ihre Großtante Sadie ihr Leben auf den Kopf stellt, hätte Lara nun wirklich nicht erwartet. Sadie Lancaster ist im stolzen Alter von 105 Jahren in einem Altersheim verstorben, doch das würde man dem quirligen 23jährigen Mädchen nicht ansehen, das Lara erscheint und von ihr verlangt, eine Halskette zu finden, an der ihr ganzes Herz hängt. Außerdem will die kapriziöse, lebenslustige Sadie noch einmal richtig Spaß haben, tanzen, flirten und Champagner trinken. Und auch dazu braucht sie Laras Hilfe. Ehe sie sich’s versieht hat Lara ein Date mit einem ihr völlig unbekannten Mann, den Sadie ausgesucht hat, da er sie an Rudolph Valentino erinnert. Mit ihm soll Lara ausgehen, die unsichtbare Sadie im Schlepptau. Dass Lara eigentlich ihren Exfreund Josh zurückerobern möchte, ist Sadie herzlich egal. Im Charlestonkleid und mit ondulierten Haaren muss Lara einen Abend mit Ed verbringen – und das ist erst der Anfang ihrer Probleme …

Kommentar:
Auf die Gefahr hin, dass ich mich jetzt bei den treuen Lesern meines Blogs furchtbar unbeliebt mache: Ich bin enttäuscht von diesem Buch. Die Protagonistin Lara Leigton ist lange Zeit über eine ziemlich unerträgliche, weltfremde, lebensunfähige, fremdgesteuerte, unfähige Nervensäge, die ihren Ex-Freund stalkt. Nicht viel besser ist Sadie, die Großtante in Geistergestalt, die ihrer lahmen Nichte zwar Beine macht, aber nicht minder unausstehlich ist, denn sie verhält sich über weite Strecken wie eine egozentrische, sture, bornierte Tyrannin.

Das Chaos ist vorprogrammiert, als diese beiden Unsympathen sich zusammen auf die Suche nach einer Kette machen, die Sadie aus zunächst unbekannten Gründen ganz dringend braucht, um ihren Frieden zu finden. Die Szenen zwischen den beiden sind über weitere Strecken eher anstrengend, gleiches gilt für die zahlreichen Szenen, in denen Lara sich dazu hinreißen lässt, auf die Bemerkungen der für andere unsichtbaren Sadie zu reagieren und sich so zum Affen zu machen. Das ist zwar nicht so schlimm, weil die meisten Figuren, mit denen Lara interagiert, ohnehin doof sind und es ihr folglich egal sein kann, wenn die sie für verrückt halten, aber bei mir setzt trotzdem gehöriges Fremdschämen ein. Außerdem passiert nicht wirklich was, sodass ich mich stellenweise ganz schön gelangweilt habe. Hätte es nicht immer wieder mal ein paar nette, humorvolle Momente gegeben und wäre der Schreibstil nicht so flüssig gewesen – ich hatte »Charleston Girl« wohl nicht beendet.

Im letzten Drittel des Buches wandelt sich das Bild dann aber. Vor allem Sadie, deren Vergangenheit beleuchtet bzw. aufgedeckt wird, gewinnt deutlich an Profi, und beide Figuren emanzipieren sich. Sie verhalten sich – zumindest weitestgehend – endlich einigermaßen normal und finden zu einer erträglichen Umgangsformen miteinander. Die Handlung nimmt eine überraschende Wendung und wird noch richtig spannend, mitreißend und rührend – und macht vieles wieder wett, was zuvor schiefgelaufen ist.

Fazit:
9/15 – Vor allem die teils nervigen, wenig sympathische Figuren – die beiden Protagonistinnen Lara und Sadie eingeschlossen – trüben zunächst den Spaß am Buch, doch im letzten Drittel entwickelt »Charleston Girl« dann endlich den Charme, den man von Kinsella kennt.

[Rezension] Michael Rosentritt: Sebastian Deisler. Zurück ins Leben

Inhalt:
Die Geschichte Sebastian Deislers ist die eines jungen Mannes, der als fußballerisches Jahrhundert-Talent gilt, mit 21 Jahren Spielmacher der deutschen Nationalmannschaft wird und dessen Ja-Wort dem FC Bayern München ein Handgeld von 20 Millionen D-Mark wert ist. Es ist auch die Geschichte eines unfertigen jungen Mannes, der zum Heilsbringer des deutschen Fußballs stilisiert wird, von dem die Öffentlichkeit Besitz ergreift, der zahlreiche körperliche und seelische Verletzungen bis hin zu einer Depressionserkrankung erleidet und der sich immer weiter in sich selbst zurückzieht. Wenige Tage nach seinem 27. Geburtstag gibt er in einem beispiellosen Schritt seinen Ausstieg aus dem Profigeschäft bekannt – entkräftet, entnervt, gebrochen.

Michael Rosentritt, den eine langjährige Freundschaft mit Sebastian Deisler verbindet, hat sich zwei Jahre intensiv mit dem »Fall Deisler« beschäftigt. In langen Gesprächen erzählt ihm Deisler seine Geschichte. Entstanden ist daraus ein Buch über Begeisterung und Liebe zum Fußball, aber auch über Ängste, Qualen, Selbstzweifel, Depressionen und den mühsamen Weg zurück in ein normales Leben.


Kommentar:

Der Fußball, der mir fehlt, ist ein anderer als der, den ich verlassen habe. Ich bin zu der Erkenntnis gelangt, dass ich so, wie alles gelaufen ist, nicht geschaffen war für dieses Geschäft. Am Ende war ich leer, ich war alt, ich war müde. Ich bin so weit gelaufen, wie mich meine Beine getragen haben, mehr ging nicht.«

Sebastian Deisler im Tagesspiegel vom 30.9.2007

Nach seinem Rückzug aus dem Fußballgeschäft im Januar 2007 verschwand der erst 27-jährige Sebastian Deisler für knapp drei Jahre fast vollkommen aus der Öffentlichkeit und ließ festhalten, keine Person des öffentlichen Rechts mehr zu sein (Quelle: Welt). Ebenso überraschend wie er zurücktrat, tauchte er im Herbst 2009 für einige handverlesene Interviews wieder auf der Bildfläche auf – mit seiner Biografie im Gepäck. Sie basiert auf Gesprächen mit dem Berliner Journalisten Michael Rosentritt und zeigt Deisler abwechselnd auf zwei Ebenen: während und nach seiner Fußballkarriere.

Die Rückschau beschränkt sich im Wesentlichen auf die Ereignisse in Deislers Vergangenheit als Profifußballer, von denen anzunehmen ist, dass sie letztendlich zu seinem frühen Karriereende geführt haben. Über ungetrübte Glücksmomente im sportlichen oder gar privaten Bereich erfährt man so gut wie nichts; die wenigen positive Erlebnisse, die erwähnt werden, sind durchgehend mit negativen Aspekten, Auswirkungen und Wertungen verbunden. Nicht zuletzt deshalb vermittelt das Buch den Eindruck, dass sich Deisler bis heute irgendwo zwischen Schuldabschiebung für sein Scheitern und Selbstzweifeln bewegt; von Lebensfreude und der Liebe zum Fußball, die doch so lange seine Antriebsfeder gewesen sein sollen, ist zu keiner Zeit etwas zu spüren, dafür von Frustration und Überforderung in jeder Hinsicht. Dass Deislers hohe Verletzungsanfälligkeit ebenso eine Reaktion auf den ständig steigenden Druck waren wie die Depression selbst, wird wohl kaum jemand ernsthaft bestreiten wollen.

Wer auf Skandale, Kabinengeflüster oder sonstige Interna aus der bunten Welt des Profifußballs hofft, ist mit diesem Buch schlecht bedient, und obwohl Deisler an einigen Stellen mangelndes Verständnis für seine Situation beklagt und in einigen Fällen auch deutliche Kritik an den Verantwortlichen übt – insbesondere an Dieter Hoeneß, aber auch an Felix Magath –, kann man das Buch nicht wirklich als Abrechnung bezeichnen. Es zeigt vielmehr, wie überfordert alle Beteiligten mit dem »Fall Deisler« waren, insbesondere nach seiner Depressionserkrankung. Dass Edmund Stoiber, wie üblich kein Fettnäpfchen auslassend, sich zu der Äußerung hinreißen lässt, Deisler sei Bayerns »größtes Verlustgeschäft«, ist da nur die Spitze des Eisbergs. Deislers Biografie wirft eigentlich ein schlechtes Bild auf (fast) alle: Fans, Vereine, Medien – und auch auf ihn selbst. Nüchtern betrachtet kommt der Presse, vor allem der Boulevardpresse, die in sein Privatleben eingedrungen ist und überzogene sportliche Erwartungen an ihn gestellt bzw. geschürt hat, dennoch eine Sonderstellung zu. Denn auch wenn es natürlich blauäugig ist anzunehmen, als »Star« könne man der Presse entgehen, muss man doch wertneutral festhalten, dass Deisler, der vermeintliche Heilsbringer der deutschen Nation, von den Medien gehypt und ausgeschlachtet wurde wie kein Fußballer vor ihm.

Wie bedenklich Deislers Zustand gewesen sein muss, versucht Rosentritt anhand der Schilderung der Gespräche mit Deisler während der Entstehung des Buches zwischen 2007 und 2009 zu verdeutlichen. Er beschreibt dabei das Bild eines restlos ausgebrannten Menschen, der – wie so viele Male zuvor – darum kämpft, sich wieder hochzuziehen und sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Doch obwohl es zweifellos tragisch ist zu sehen, was der Fußball aus Deisler gemacht hat, mutet die Darstellung melodramatisch an. Ob wahrheitsgemäß oder nicht, es ist zu viel – und vor allem komplett unnötig, denn auch ohne diese Inszenierung hat Deislers Geschichte alles, was eine Tragödie ausmacht.

Überhaupt gibt die Aufbereitung von Deislers Geschichte Anlass zu Kritik. Würde Deisler seine Geschichte aus der Ich-Perspektive erzählen (mit Rosentritt oder wem auch immer als Ghostwriter), wäre es in Ordnung, ihn einfach bruchstückhaft und subjektiv seine Sicht der Dinge erzählen zu lassen, die er erzählen will. Der Erzähler von Deislers Geschichte ist aber ein anderer, der Journalist Michael Rosentritt nämlich, der eigentlich in der Rolle des Beobachters auftritt. Als solcher erwartet man von ihm aber auch, dass er die Dinge kritisch hinterfragt und differenziert(er) darstellt, vielleicht an manchen Stellen neutralisiert und an anderen bewertet und ein umfassenderes Bild liefert, als das der Fall ist. Ihm fehlt offensichtlich jede gebotene Distanz zu Deisler und seiner Geschichte; darüber kann auch nicht hinwegtäuschen, dass er in den wiedergegebenen Gesprächen eine handvoll kritische Fragen stellt bzw. einige wenige Einwände gegen Deislers Sichtweise vorbringt.

Hinzu kommt: Das Buch ist phasenweise überladen mit Emotionen, was sich nicht zuletzt sprachlich in der Verwendung unzähliger überflüssiger Adjektive widerspiegelt. So schreibt Rosentritt nicht einfach neutral über »die Erkrankung«, sondern über »die schlimme Erkrankung«, und die letzten »Jahre« müssen natürlich »bewegende Jahre« (S. 15) sein. Überzogen dramatisch und plakativ sind auch eingestreute Formulierungen wie »Das Knie wird später die Nation in Atem halten, an ihm werden zwei Weltmeisterschaftsteilnahmen zerschellen« (S. 43). Einen solchen Stil kennt man sonst eher aus der meinungsbildenden Boulevardpresse, weshalb er dem Buch erst recht unangemessen erscheint und deshalb zum Teil ziemlich nervt.

Einige wenige Schwarz-Weiß-Fotos im Text sowie vierfarbige Bildtafeln, zu denen man Datum und – in den meisten Fällen recht dürftige – Bildunterschriften im Anhang findet, runden die Biografie ab. Was dem Buch definitiv fehlt, ist eine Timeline mit den wichtigsten Fakten zu Deislers Karriere und Verletzungen; eine solche wäre an manchen Stellen durchaus hilfreich zur Einordnung von Ereignissen gewesen, zumal diesbezügliche Informationen im Internet rar gesät sind bzw. in aufgeblasenen Artikeln verloren gehen.


Fazit:

7/15 – Obwohl die Aufbereitung letztlich nicht überzeugen kann, ist das Buch für Leute, die sich für Deislers Geschichte interessieren und sich nicht an der einseitigen Sicht der Dinge stören, dennoch lesenswert. Zumindest mich hat diese Biografie trotz aller Kritikpunkte sehr nachdenklich gemacht und tagelang beschäftigt; geblieben ist Respekt vor Deislers Kampfgeist und seinem Überlebenswillen, der manch anderem abgeht.


Anmerkung: Zurück im Leben?

Angesichts seiner Kritik an den Massenmedien, die ihn vereinnahmt und verschlungen haben, kann man als Leser nicht umhin sich zu fragen, warum der introvertierte Deisler nun mit diesem Buch den Schritt zurück an die Öffentlichkeit macht. Eine zufriedenstellende Antwort darauf gibt es nicht. Deisler selbst sagt in einem Interview, die Leute sollen die Wahrheit erfahren; es ist darüber hinaus anzunehmen, dass die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit Teil seiner Auf- bzw. Verarbeitungsstrategie ist. Ob es der richtige Weg ist für jemanden, der die Publicity so verabscheut, kann er nur selbst entscheiden – meine persönliche Meinung ist, dass für jemanden in seiner Situation alles erlaubt ist, was ihm hilft.

Tatsächlich vermittelt das Buch am Ende den Eindruck, Deisler habe inzwischen zurück ins Leben gefunden; sein Auftritt bei Stern-TV spricht allerdings eine andere Sprache. Dort wirkt Deisler nämlich alles andere als gefestigt, sondern fahrig, nervös, verkrampft und extrem emotional, und es ist nicht zu übersehen, dass ihm das Verhalten von Dieter Hoeneß im Zusammenhang mit der »Handgeld-Affäre« nach wie vor immens auf der Seele brennt. Man kann Deisler wirklich nur wünschen, dass er irgendwann zurück in ein »normales« Leben findet.


Weiterführende Links:

– Interview in Stern-TV am 11.11.2009
– Bewertung des TV-Auftritts in der Zeit vom 17.11.2009
– Interview im Tagesspiegel vom 30.9.2007
– Interview in der Zeit vom 5.10.2009
– Interview im »11 Freunde«-Magazin vom 8.3.2006
– Rummel gefährdet die Entwicklung des Talents. Artikel in der »Welt« vom 17.8.1999

[Rezension] Patricia Briggs: Zeit der Jäger

Originaltitel: Bone Crossed
4. Teil der Mercy-Thompson-Serie

Inhalt:
Mercy Thompson ist stolze Besitzerin einer kleinen Autowerkstatt. Und sie ist eine Walkerin – sie kann sich in einen Kojoten verwandeln. Doch Mercys Welt ist dunkel und gefährlich. Für den Tod eines Vampirs, an dem sie nicht ganz unschuldig ist, sinnt die Vampirkönigin Marsilia auf Rache. Da bleibt Mercy kaum noch Zeit für ihre Beziehung mit dem umwerfenden Werwolf Adam …

Kommentar:
Mercy hat sich noch nicht von den traumatischen Ereignissen aus »Spur der Nacht« erholt, als auch schon die Vampire von Tri-Cities die Jagd auf sie eröffnen. Stefan, Mercys vampirischer Freund, taucht in üblem Zustand bei der Walkerin auf und warnt sie davor, dass Marsilia, die Führerin der örtlichen Vampir-Sidhe, Mercy wegen ihrer Verwicklung in den Tod eines Vampirs zur Verantwortung ziehen will. Auch, weil sie ihren Werwolf-Gefährten Adam, das Rudel und ihre anderen Bekannten nicht in Gefahr bringen will, beschließt Mercy, die Stadt für eine Weile zu verlassen. Sie kommt dem Hilferuf einer alten Bekannten nach, die sie wegen eines Hausgeists um Hilfe gebeten hat, doch bei Amber trifft die Walkerin nicht nur auf einen Geist, sondern darüber hinaus auf einen mächtigen Vampir, der großes Interesse an ihr hat. Steckt er mit Marsilia unter einer Decke?

»Zeit der Jäger« knüpft unmittelbar an »Spur der Nacht« an und greift außerdem den Handlungsfaden aus »Bann des Blutes« auf. Die Zusammenhänge und Motive werden zwar erklärt, sodass es nicht zu Verständnisproblemen kommen dürfte, es macht aber sicher dennoch Sinn, die Vorgängerbände gelesen zu haben. Die Geschichte um die Vampire, die Mercy diesmal an den Kragen wollen, ist prinzipiell gut aufgebaut, aber nicht übermäßig spannend und darüber hinaus ein wenig verworren bzw. konstruiert. Das ist aber nicht weiter schlimm, denn der Fokus liegt ohnehin auf Mercys Person – und Mercy ist und bleibt eine der besten Heldinnen überhaupt. Sie ist tought, geradlinig, mutig und loyal, zeigt diesmal aber auch ihre verletzliche Seite, denn sie leidet noch unter den Geschehnissen in »Spur der Nacht«. Dass Mercy trotzdem nicht in Selbstmitleid versinkt, sondern versucht, in einen normalen Alltag zurückzufinden, passt zur Figur; ihr innerer Konflikt ist einfühlsam geschildert, ihre Zerrissenheit zwischen dem Wunsch nach Geborgenheit und der Angst vor zu viel Nähe glaubwürdig. Die Beziehung zu Adam erreicht in diesem Band eine neue Tiefe und ist ebenfalls sehr gefühlvoll und stimmig dargestellt, ohne Adams dominante Werwolfnatur und Mercys Bestehen auf Unabhängigkeit aus dem Blick zu verlieren. Die Begegnungen mit zahlreichen bereits bekannten Nebenfiguren aus den Reihen der Werwölfe, Vampire und Feen unterstreichen den Serieneffekt und sorgen beim Leser für ein Gefühl der Vertrautheit; dabei werden zumindest einige der Nebenfiguren weiterentwickelt und ihre Beziehung zu Mercy ändert oder vertieft sich, während andere – etwa Zee und Onkel Mike – immer eine zuvelässige Konstante sind. Im Aufbau der Figuren und ihrer Beziehung untereinander liegt ganz klar Briggs Stärke, sie verliert nie Faden, sondern behält immer den Überblick und schafft ein absolut glaubwürdiges Gefüge.

Dennoch gibt es ein Manko bei diesem Buch: die holprige Sprache. Die frühere Übersetzerin Regina Winter wurde abgelöst von Vanessa Lamatsch, doch ob das eine echte Verbesserung ist, steht zu bezweifeln. Man stößt immer wieder auf furchbar verschachtelte Sätze, sperrige Formulierungen (»Stefan konnte Zeichensprache; irgendwie schien mir das nicht etwas zu sein, was Vampire üblicherweise taten.«, S. 203) und unpassende Wörter (»Seine Stimme war rumpelig vom Schlaf.«, S. 307), die zum Teil ziemlich sinnentstellend bzw. sinnfrei sind (»Werde nicht wütend, sondern quitt«, S. 325). Noch schlimmer ist allerdings die Tatsache, dass es immer wieder Sätze und Abschnitte gibt, die in keinerlei Zusammenhang mit dem vorher und/oder nachher Gesagten zu stehen scheinen und deren Sinn sich einem vollkommen entzieht. Da das schon in den vorherigen Bänden ein Problem war, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, ob das im Original auch so ist oder einfach in Briggs‘ Formulierungen begründet liegt, die den Übersetzerinnen Schwierigkeiten bereitet. Tatsache ist: Es ließ mich immer wieder Stocken, Sätze mehrfach lesen und den Sinn suchen – leseflussfördernd ist das nicht gerade.

Fazit:
13/15 – Ein Buch, das eine solide Geschichte erzählt, im Wesentlichen aber von der wunderbaren Protagonistin lebt – für Fans von glaubwürdigen starken Heldinnen ein Muss.

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Serieninfo:

01 Moon Called | Ruf des Mondes
02 Blood Bound | Bann des Blutes
03 Iron Kissed | Spur der Nacht
04 Bone Crossed | Zeit der Jäger
05 Silver Borne

[Rezension] Chris Priestley: Onkel Montagues Schauergeschichten

Originaltitel: Uncle Montague’s Tales of Terror

Inhalt:
Onkel Montague lebt allein mit seinem mysteriösen Diener Franz in einem düsteren alten Haus. Obwohl der Weg zu ihm durch einen unheimlichen Wald führt, besucht Edgar ihn sehr gerne, denn Onkel Montague scheint über einen unerschöpflichen Vorrat an Schauergeschichten zu verfügen. Doch je mehr von diesen Geschichten Edgar hört, desto unbehaglicher ist ihm zumute. Draußen wird der Nebel immer dichter, im Haus wird es immer kälter, und seltsame Geräusche sind zu hören. Was hat es mit diesen Geschichten auf sich? Woher kennt Onkel Montague sie und warum bewahrt er Gegenstände, die in den Geschichten vor kommen, in seinem Haus auf?

Kommentar:

»Ich bin ein Sammler des nicht Gewollten, Edgar; des Verwunschenen, des Verfluchten – des Verdammten.« (S. 126)

»Onkel Montagues Schauergeschichten« ist das erste übersetzte Schauergeschichten-Buch aus der Feder des Engländers Chris Priestley; im englischen Original gibt es darüber hinaus noch »Tales of Terror from the Black Ship« und »Tales of Terror from the Tunnel’s Mouth«.

Die Rahmenhandlung des Buches für Kinder ab 10 Jahren bildet Edgars Besuch bei seinem eigenartigen Onkel Montague, der ihm immer so faszinierende Geschichten erzählt. Allerdings lehren die Erzählungen den Jungen an diesem bestimmten Tag, von dem erzählt wird, auch zunehmend das Fürchten, obwohl der Junge natürlich steif und fest behauptet, völlig unbeeindruckt zu sein und nicht an die Geschichten zu glauben, die ihm da aufgetischt werden. Die unheimliche, beklemmende Atmosphäre des Hauses trägt ein Übriges dazu bei, Edgar und den Lesern Schauer über den Rücken zu jagen – es wird alles geboten, was klassischen Grusel ausmacht: dichte Nebelschwaden, klappernde Fensterläden, Kerzenlicht, ominöse Gegenstände, schlurfende Schritte unbekannten Ursprungs sowie ein »unsichtbarer« Diener.

Eingebettet in die Haupthandlung sind insgesamt neun jeweils abgeschlossene Kurzgeschichten, deren Aufhänger jeweils ein Gegenstand ist, der sich in Onkel Montagues Besitz befindet. Die dazugehörigen Erzählungen sind schauerlich bis grausam, in allen spielen Kinder die Hauptrolle, und sie handeln alle von Besessenheit, Mord und Tod. Sie sind prinzipiell gut und spannend aufgebaut, aus unerfindlichen Gründen fehlt aber bei mindestens der Hälfte »die Moral von der Geschicht«: Die einzelnen Storys enden teils irritierend abrupt, offen und sind deshalb ziemlich unbefriedigend.

Die sonderbaren Erzählungen machen aber nicht nur Edgar, sondern auch dem Leser nach und nach klar, dass mit Onkel Montague irgendwas ganz und gar nicht stimmt – und am Ende liefert eine letzte Geschichte, die von Onkel Montague selbst, eine ebenso gruselige wie einleuchtende Erklärung, die mindestens so unheimlich ist wie alle Kurzgeschichten zusammen.

Bemerkenswert sind die Zeichnungen von David Roberts, der u.a. auch die Bücher von Philip Ardagh illustriert hat: Sie zeigen Szenen aus den Kurzgeschichten und unterstreichen die gespenstische Atmosphäre vortrefflich.

Fazit:
9/15 – Das Buch besticht durch seine schaurig-schöne Gruselatmosphäre, hat aber bei den Geschichten, die Montague erzählt, einige Schwächen, die das Vergnügen trüben.

[Rezension] Nalini Singh: Engelskuss

Originaltitel: Angel’s Blood
Gilde der Jäger, Teil 1

Inhalt:
Die Vampirjägerin Elena Deveraux wird von dem ebenso charismatischen wie gefährlichen Erzengel Raphael angeheuert. Diesmal ist es jedoch kein entflohener Vampir, den sie aufspüren soll, sondern ein abtrünniger Erzengel. Um den Auftrag erfüllen zu können, muss Elena bis an die Grenzen ihrer Fähigkeiten gehen und darüber hinaus! Zugleich weckt der übermenschliche Raphael eine ungeahnte Leidenschaft in ihr. Doch seine Berührung könnte für Elena den Tod bedeuten, denn im Spiel der Erzengel zahlen die Sterblichen den Preis!

Kommentar:
Mit ihrer neuen Serie schickt Nalini Singh ihre Leser in ganz neue Gefilde: in eine von Erzengeln beherrschte Welt. Gott spielt dabei keine Rolle, und Singhs Engel haben auch herzlich wenig mit den liebenswerten, pausbäckigen und auf Wolken musizierenden himmlischen Wesen zu tun, sondern sind intrigante, teils brutale Herrscher, denen es einerseits um ihre persönliche Macht geht, die andererseits aber auch die Welt im Gleichgewicht halten. Den Menschen ist ihre Existenz bekannt, nicht wenige streben danach, sich von den Engeln in Vampire verwandeln zu lassen, um unsterblich zu sein; als Gegenleistung dienen sie ihren Erschaffern einhundert Jahre lang. Es gibt jedoch immer wieder Vampire, die abtrünnig werden und versuchen zu fliehen – dann kommt die Gilde der Jäger ins Spiel, um die Ausreißer zu ihren Herren zurückzubringen. Bezüglich des Settings beschreitet Nalini Singh wie schon mit ihrer Psy-Changeling-Serie neue Wege und überzeugt mit einer innovativen, stimmigen Fantasiewelt, die nicht allzu komplex ist, auf deren Beschreibung bzw. Ausarbeitung die Autorin allerdings dennoch ein bisschen mehr Augenmerk hätte legen können.

Die Geschichte handelt von der Jagd nach Uram, einen wahnsinnig gewordenen Erzengel, den die Gildenjägerin Elena aufspüren soll. Er ist das personifizierte Böse und hinterlässt eine blutige Spur der Verwüstung in New York. Die ekligen, detaillierten Beschreibungen seiner Opfer sind nichts für Zartbesaitete und zeigen sehr deutlich das Ausmaß seiner Brutalität und seines Irrsinns. Richtig spannend ist die Jagd nach dem Erzengel nicht, das fällt aber kaum ins Gewicht, denn sie bildet ohnehin nur den Handlungsrahmen für die Liebesgeschichte zwischen Elena und ihrem Auftraggeber, dem Erzengel Raphael. Zwischen den beiden herrscht vom ersten Aufeinandertreffen an eine große sexuelle Anziehungkraft, und es gibt eine Vielzahl prickelnder Szenen, die später zwangsläufig zum Sex führen. Die Entwicklung ihrer Gefühle füreinander bleibt dabei etwas auf der Strecke, und generell herrscht in dem Buch trotz der sexgeschwängerten Stimmung eine eher kühle Atmosphäre.

Elena ist eine überzeugende Heldin, die manchmal zwar eine Spur zu tough und aufmüpfig, aber trotzdem sympathisch ist. Sie erweist sich als geradlinig, loyal und unprätentiös, hat jedoch ein traumatisches Erlebnis hinter sich, das im Dunklen bleibt. Obwohl sie eine durchweg positive Figur ist, wirkt sie relativ kühl und weckt daher auch keine großen Emotionen beim Leser. Gleiches gilt für Raphael, dessen überirdische Schönheit immer wieder betont wird – insbesondere im Zusammenhang mit seinen wundervollen, mehrfach detailliert beschriebenen Flügeln. Er ist deutlich ambivalenter angelegt als Elena: einerseits besonnen, fürsorglich und rücksichtsvoll, andererseits gewalttätig, herrisch und arrogant; seine negativen Züge werden allerdings plausibel erklärt, sodass sie kein allzu schlechtes Licht auf ihn werfen. Zudem verändert sich Raphael, der – passenderweise – ziemlich unnahbar wirkt, im Laufe des Buches durch Elena zum Positiven und wird menschlicher, was überzeugend beschrieben ist, wenngleich der Konflikt in ihm besser hätte herausgearbeitet werden können. Trotzdem fehlt auch ihm der letzte Kick, um den Leser richtig mitzureißen.

Die Übersetzung scheint solide und liest sich ganz flüssig, wenn man davon absieht, dass einer der Vampire in der ersten Hälfte des Buches »Schlangengift« genannt wird und in der zweiten Hälfte »Venom« (=Schlangengift). Zudem ist die Sprache bei Dialogen, in denen es sich um Sex dreht, zum Teil relativ ordinär und passt nicht recht zum Rest des Buches sowie nur bedingt zu den Figuren; ob das auf die Kappe der Übersetzerin geht oder schon im Original schon so ist, wage ich nicht zu beurteilen.

Ich bin gespannt, wie sich die Serie weiter entwickeln wird: Da im zweiten Teil Raphael und Elena wieder die Protagonisten sind, gehe ich im Moment fast davon aus, dass die Bücher weg von der Romantasy- und hin in die Urban-Fantasy-Richtung entwickeln. Ich bin in jedem Fall mit von der Partie!

Fazit:
12/15 – Ein guter Serienauftakt, der Lust auf mehr macht, dem allerdings die Spannung ein wenig abgeht und der bezüglich der Figuren und der Atmosphäre etwas zu kühl wirkt.

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Serieninfo:

01 Angel’s Blood | Engelskuss
02 Archangel’s Kiss

Außerdem zwei Novellas: »Angels‘ Pawn« und »Angel’s Judgment« (in der Anthologie »Must Love Hellhounds«).

[Rezension] Caitlin Kittredge: Nocturne City 01 – Schattenwölfe

Inhalt:
Luna Wilder ist eine toughe Polizistin, die in ihrer Heimatstadt für Ruhe und Ordnung sorgt. Als Insoli-Werwölfin gehört Luna keinem Rudel an und muss sich deshalb allein auf ihren Instinkt verlassen. Bei der Suche nach einem Serienmörder, der eine Reihe von Ritualmorden begangen hat, kristallisiert sich bald ein Hauptverdächtiger heraus: der Werwolf Dmitri Sandovsky. Doch es fällt Luna schwer, sich seinem wölfischen Charme zu entziehen. Der raubeinige Dmitri weckt ihre animalischen Triebe und gefährdet zugleich ihre Unabhängigkeit. Aber Luna und Dmitri müssen zusammenarbeiten, um dem wahren Mörder das Handwerk zu legen.

Kommentar:
Als begeisterte Leserin der Night-Creatures-Serie von Lori Handeland, habe ich den ersten Teil von Kittredges Werwolf-Krimis mit großer Spannung erwartet. Die Autorin führt die Leser mit ihrer Urban-Fantasy-Serie in die fiktive Stadt Nocturne City, wo außer Menschen auch Hexen und Werwölfe leben. Für die bessere Übersicht gibt es eine Stadtkarte am Anfang des Buches, darüber hinaus ist das Setting aber nicht besonders intensiv ausgearbeitet – man erfährt relativ wenig über Leben und Fähigkeiten von Werwölfen und Hexen.

Die Story an sich bietet nichts sensationell Neues, ist aber prinzipiell durchaus ansprechend: Die Werwolf-Polizistin Luna Wilder wird zu einem grauenhaften Mord an einer Werwolf-Prostituierten gerufen. Die Spuren an Tatort und Leiche deuten auf einen Artgenossen als Täter hin, und schon bald ist mit Dmitri Sandovsky ein Verdächtiger gefunden. Dann allerdings tauchen zwei weitere Leichen junger Werwölfinnen auf und alles deutet darauf hin, dass Luna es mit schwarzmagischen Ritualmorden zu tun hat. Sie muss feststellen, dass die Sache viel komplizierter ist als angenommen und gerät bald selbst ins Visier des Mörders.

Unglücklicherweise ist die Umsetzung der Geschichte nur bedingt gelungen. Hinter dem Kriminalfall steckt eine gute Grundidee, die Aufklärung hat aber zum Teil arge Längen, und der überraschend verlaufende Showdown lässt einen verwundert zurück. Die Irritation wird nicht zuletzt dadurch verstärkt, dass es trotz der Lösung des Falles einige offene Enden gibt, die wohl in den Folgebänden aufgegriffen werden. Das Hauptproblem des Buches ist aber ein anderes, nämlich die fast ausnahmslos unsympathischen Figuren, allen voran Luna selbst.

Die Werwolf-Polizistin ist eine der schrecklichsten Heldinnen, die mir in letzter Zeit untergekommen sind. Sie gibt sich zu jeder Zeit megalässig und hat selbst in lebensbedrohlichen Situationen immer einen flotten Spruch auf den Lippen. Wenn sie dabei so cool wäre wie Anita Blake, würde ich mich ja nicht beschweren – ist sie aber nicht, denn ihr Zynismus wirkt in den meisten Fällen aufgesetzt, bemüht und ist nicht lustig. Zudem verhält sich Luna gegenüber Kollegen, Vorgesetzten, Verdächtigen und Zeugen ignorant, unverschämt, respektlos und arrogant, und da ihr darüber hinaus jegliche Diplomatie, Vernunft und Klarsicht abgehen, ist sie alles andere als eine gute Polizistin – da helfen auch die geschärften Werwolfsinne nichts. Dafür hat sie aber offenbar einen beeindruckendes Gespür für Mode – der Leser ist zu jeder Zeit bestens darüber informiert, welche Klamotten sie trägt.

Das Objekt ihrer Begierde, Dmitri, ist auch nicht sympathischer als Luna und passt insofern natürlich ganz gut zu ihr, auch wenn nicht ganz klar ist, wann, wie und warum sie sich in ihn verliebt. Dmitri jedenfalls ist ein Rudelführer und ehemaliger Zuhälter, der beruflich umgesattelt hat und sich nun lieber als Drogendealer verdingt. Locker, wie er ist, fährt er Motorrad, trägt u.a. Black-Sabbath-T-Shirts, hat einen ausgeprägten Beschützerinstinkt und gerne auch mal einen cholerischen Anfall, in dessen Verlauf er Sachen durch die Gegend schmeißt. Wenn ihn nicht gerade die Trauer um ein getötetes Rudelmitglied ereilt, ist er entweder ziemlich ätzend oder versucht, Luna in Sachen Coolness mit Sprüchen wie »Dass Sie meine Zündkerzen ein wenig zum Glühen bringen, hat noch lange nichts zu bedeuten« den Rang abzulaufen. Dass die beiden gemeinsam eine komplett unerotische Sexzene fabrizieren, passt irgendwie.

Immerhin ist die Übersetzung gelungen und das Buch liest sich flüssig – wenn man davon absieht, dass der Ausruf »Hex noch mal!«, der mit enervierender Häufigkeit verwendet wird, mich immer wieder aufs Neue irritiert hat. Die Notwendigkeit, gebräuchliche englische Wörter wie »underdressed«, Schimpfwörter wie »Mist« sowie Lunas Gedanken zumindest teilweise zu kursivieren, erschließt sich mir allerdings nicht – ich empfinde das eher als störend. Gleiches gilt für die Großschreibung einzelner Wörter und Sätze zur Betonung der Wichtigkeit.

Fazit:
5/15 – Eine prinzipiell solide Geschichte, die aber Längen hat und durch eine Ansammlung unsympathischer Figuren – allen voran die Protagonistin – zunichte gemacht wird. Wenn man diese Art von Heldin allerdings mag, kann man an dem Buch vermutlich dennoch seine Freude haben.

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Serieninfo:

01 Night Life | Schattenwölfe
02 Pure Blood
03 Second Skin
04 Witch Craft
05 Daemon’s Mark

[Rezension] Nina Blazon: Schattenauge

Inhalt:
Auf dem Nachhauseweg von einem Club wird Zoë auf der Straße angegriffen. Von wem, weiß sie nicht – ein Blackout hat ihr Gedächtnis gelöscht. Doch an ihren Händen klebt fremdes Blut. Der gut aussehende Gil, den sie aus der Szene kennt, ahnt, dass etwas Unheimliches mit ihr vorgeht: In Zoë schlummert das Erbe der Panthera, eines uralten Volkes, das unerkannt unter den Menschen lebt. Aber sie ist nicht die Einzige ihrer Art, die von ihrer Raubtiernatur getrieben die Straßen der nächtlichen Metropole durchstreift …

Kommentar:
Als Gil die junge Zoë beim Tanzen in einem Club beobachtet, ist ihm sofort klar, dass sie eine von ihnen ist: eine Angehörige des Volks der Katzenmenschen. Er ahnt, dass sie in Gefahr schwebt, und weil er sich sehr zu ihr hingezogen fühlt, geleitet er sie unbemerkt nach Hause. Tatsächlich verhindert er einen Angriff auf sie und bezieht eine böse Tracht Prügel. Nicht viel später ist Zoës Angreifer tot – und er soll nicht der einzige tote Katzenmensch bleiben: In der Stadt geht ein Mörder um, der es auf die Panthera abgesehen zu haben scheint. Gil versucht verzweifelt, Zoë zu beschützen, doch dann gerät das Mädchen selbst unter Verdacht. 

Der Grundgedanke des Buches ist klasse, die Umsetzung aber nur zum Teil überzeugend. Gut gelungen sind die Ideen zu den Panthera, die Jagd nach dem Mörder und die Auflösung der Krimihandlung, die einige unvorhersehbare Überraschungen bietet. Problematisch hingegen ist der Aufbau der Geschichte: Zunächst ist vollkommen unklar, worum es eigentlich geht, denn man erhält nur sporadische Informationen über das Volk der Panthera, die im Mittelpunkt des Buches stehen. Einen entscheidenden Teil der Handlung macht die sukzessive und teils bemüht rätselhaft wirkende Aufdeckung der Lebensweise und Geschichte der Art aus, und bis das Bild der Katzenmenschen einigermaßen klare Konturen annimmt, kann man vielfach weder Vorgänge, Dialoginhalte noch Verhaltensweisen einordnen. Der eine oder andere mag gerne im Dunklen tappen, eigene Theorien entwickeln und Spannung daraus beziehen; mich persönlich langweilt und nervt ein Buch schnell, wenn ich den Gesamtzusammenhang nicht wenigstens einigermaßen erfassen und Ereignisse verstehen kann.

Hinzu kommt, dass ich – wie schon bei der Totenbraut – mit Blazons Figuren nicht recht warm werde: Sie wirken sehr nüchtern und irgendwie leblos. Besonders Gil blieb mir fremd und war mir schlicht zu weinerlich. Was ihm an Stärke fehlt, hat Zoë im Übermaß. Sie wirkt geradezu unbesiegbar, akzeptiert ihre Zugehörigkeit zur Art der Panthera völlig selbstverständlich und hat natürlich auch noch außergewöhnliche Begabungen. Die Liebesbeziehung zwischen den beiden Protagonisten, die im Backcovertext so prominent betont wird, verläuft ziemlich unspektakulär, es mangelt an Emotionaltät. Spannung in die Beziehung zwischen Zoë und Gil bringt am ehesten noch der etwas undurchsichtige Irves, ebenfalls ein Panthera, denn auch er fühlt sich zu dem Mädchen hingezogen – und ist darüber hinaus die interessanteste Figur des Buches.

Atmosphärisch ist der Roman ausgesprochen gut gelungen, ebenso ist Blazons Schreibstil wirklich sehr ansprechend. Ungewöhnlich ist, dass Zoë und Gil die Geschichte abwechselnd aus der Ich-Perspektive erzählen – man findet sich aber dennoch problemlos zurecht, da jeweils eine andere Typografie für die unterschiedlichen Sichtweisen gewählt wurde.

Fazit:
9/15 – Trotz aller guten Ansätze kann das Buch nicht restlos überzeugen. Der Aufbau, der einen lange im Dunklen tappen lässt, und die wenig mitreißenden, etwas hölzern wirkenden Hauptfiguren können die tollen Ideen zum Volk der Panthera nicht aufwiegen.

[Rezension] Michelle Raven: Die Spur der Katze

1. Teil der Ghostwalker-Serie

Inhalt:
Die Journalistin Marisa Pérèz lebt nach einem Skandal zurückgezogen in den Bergen Kaliforniens. Eines Nachts findet sie einen verletzten nackten Mann auf ihrer Veranda. Sie nimmt sich seiner an und versorgt seine Wunden. Am nächsten Morgen steht die Polizei vor der Tür – in der Nachbarschaft wurde ein Mord verübt. Marisa ahnt nicht, dass der faszinierende Fremde ein Geheimnis hütet, das ihre Welt erschüttern wird …

Kommentar:
Die zufällige Rettung eines attraktiven Fremden verändert Marisas Leben, denn dadurch gerät sie in tödliche Gefahr und muss gemeinsam mit ihm flüchten. Als sie nach einigen Schwierigkeiten schließlich das Lager von Coyles Leuten erreichen, gerät ihre Weltvorstellung ins Wanken: Sie erfährt, dass Coyle und seine Leute Gestaltwandler sind – halb Mensch, halb Berglöwe (Puma) –, die von einem Unbekannten gejagt werden. Ein Junge namens Bowen wurde bereits entführt, und die Gestaltwandler setzen alles daran, ihn zu befreien. Dabei geraten Coyle und Marisa aber auch selbst ins Visier der skrupellosen Verbrecher.

Mit einigem Interesse habe ich dem ersten Teil der Ghostwalker-Serie entgegengeblickt, denn mit Michelle Raven wendet sich eine relativ bekannte deutsche Romantic-Suspense-Autorin dem Genre der paranormalen Liebesromane zu. Im Zentrum stehen Gestaltwandler, bei denen es sich allerdings ausnahmsweise mal nicht um Werwölfe handelt, sondern – vorwiegend – um Raubkatzen. Davon abgesehen bleibt sie aber ihrer Linie treu: Das Buch trägt sehr deutliche Romantic-Suspense-Züge – und bestätigt meinen früheren Eindruck, dass ich mit diesem Liebesroman-Sub-Genre herzlich wenig anfangen kann.

Ich erwarte von einem Liebesroman keine realisische Handlung, aber was hier geboten wird, ist mir einfach zu arg. Da schleppt die verschreckte Marisa, die ja keinem Menschen auf der ganzen Welt mehr trauen kann, einen verletzten Fremden in ihre Hütte, versorgt ihn und lässt ihn im Haus übernachten, statt Polizei und/oder Ambulanz zu rufen. Nicht viel später begibt sie sich mit ihm auf die Flucht, nur weil er ihr verkündet, sie befinde sich in Lebensgefahr. Dann müssen sie sich während der Flucht trennen, doch dank eines obskuren Adlers, der Marisa durch sein Verhalten zum Autodiebstahl anstiftet, kann sie Coyle nicht viel später doch wieder aufsammeln. Ein leerer Benzintank ist ein weiterer Stolperstein auf dem Weg zum Lager von Coyles Leuten, ebenso wie die jeden Überlebensinstinkt überlagernde ständige und überwältigende Lust aufeinander. Zwar lauern überall Feinde, doch das hindert die beiden, die schon die ganze Zeit nervtötend heiß aufeinander sind, nicht daran, mitten in der Pampa übereinander herzufallen. Zwar schlafen die beiden nicht miteinander, aber immerhin Marisa kommt voll und ganz auf ihre Kosten.

Noch unglaublicher wird es, als die beiden schließlich das Lager erreicht haben, und sie schließlich erfährt, dass Coyle ein Gestaltwandler ist. Er hält sich nicht mit großartigen Erklärungen auf, sondern führt es ihr mit dem Hinweis, sie brauche keine Angst zu haben, einfach vor, indem er sich mal eben in einen Berglöwen verwandelt. Marisa ist für ein paar Sekunden schon ein wenig erschrocken, dann allerdings geht sie dazu über, seine vollkommene Schönheit zu bewundern, ihn zu kraulen und sich an sich zu schmiegen. Was soll ich sagen, daran, dass die beiden ununterbrochen heiß aufeinander sind, ändert auch die derzeitige Gestalt von Berglöwe Coyle nichts. Er baut sich also über ihr auf und leckt mit seiner raffinierten Raubtierzunge ihre Brüste, bis sie im Strudel ihres Höhepunkts versinkt. Marisas trockener Kommentar dazu: »Das war … ungewöhnlich. Wir sollten reden.« (S. 161). Ungewöhnlich ist wirklich ein gutes Stichwort! Als es nicht viel später endlich erstmals zum »echten« Vollzug kommt, hat Coyle zwar prinzipiell gerade seine menschliche Gestalt, Zunge und Zähne sind aber doch tierisch, außerdem hat er teilweise ein Fell. Ich staune ehrlich gesagt immer noch über diese m.E. sodomistisch angehauchten Szenen und finde es wirklich mutig, so etwas in diesem Buchsegment zu veröffentlichen – und noch mehr staune ich darüber, dass in kaum einem anderem Kommentar zum Buch darauf eingegangen wird. Dass Menschenfrauen, die sich mit Berglöwengestaltwandlern vereinigen, Berglöwenbabys zur Welt bringen, macht da auch schon nicht mehr viel aus.

Zur Kritik an der Handlung kommt, dass mich die Protagonisten gar nicht überzeugen konnten. Coyle bleibt relativ blass und gerät ständig in Lebensgefahr, aus der ihn Marisa retten muss, während Coyle nie zur Stelle ist, wenn sie ihn braucht (außer vielleicht sexuell). Marisa hadert mit ihrer Vergangenheit und handelt überhaupt nicht konsequent. Obwohl sie in einigen Situationen durchaus Mut und Stärke an den Tag legt, wirkt sie andererseits oft wie ein naives, oberflächliches kleines Mädchen. Ihre selbstzweiflerischen Anwandlungen – sie sorgt sich beispielsweise selbst nach dem heißesten Sex noch um ihre Augenringe, die möglicherweise ihre Attraktivität schmälern – sind aufgrund ihrer Unangemessenheit ziemlich anstrengend, und wie bereits mehrfach erwähnt ist die Sexfixierung der beiden Protagonisten selbst in schlimmsten Gefahren einfach nur unglaubwürdig und nervig.

Einen ansprechenden Nebenstrang bilden die Geschehnisse im Haus des besessenen Wissenschaftlers Stammheimer, der Jungberglöwengestaltwandler Bowen gefangen hält, um an ihm zu forschen. Interessant wird es, als Stammheimers eigentlich bei der Mutter lebende Tochter Isabel bei ihm aufschlägt, Bowen zufällig entdeckt und versucht, ihm zur Flucht zu verhelfen. Isabel und Bowen sind immerhin wesentlich sympathischer als Coyle und vor allem Marisa, wenngleich sie einige frappierende Gemeinsamkeiten mit den beiden aufweisen. Isabel reagiert zum Beispiel ebenso unfassbar gelassen auf die Verwandlung von Bowen in einen Berglöwen wie zuvor Marisa – sie schaut sich die Wandlung mit staunender Faszination an, krault die Raubkatze ein bisschen unterm Kinn und alles ist gut. Und als wäre es nicht schlimm genug, dass Marisa und Coyle nichts anderes im Kopf haben als immer nur Sex, kriegt auch Bowen, der an eine Liege gefesselt ist und tagelang gefoltert wurde, beim Anblick von Isabel unmittelbar eine Erektion – als hätte er sonst keine Probleme!

Stilistisch ist das Buch ebenfalls eigen. Michelle Ravens Erzählweise ist mir einfach viel zu ausufernd; sie breitet alles endlos aus und beschreibt jede Detail in einer Ausführlichkeit, die mich einfach nur gelangweilt hat. Man hätte »Die Spur der Katze« locker um 150–200 Seiten kürzen können, ohne dass man auf irgendwelche relevanten Inhalte hätte verzichten müssen – und es hätte dem Buch eher gut getan denn geschadet. Zugegebenermaßen ist das aber schlicht eine stilistische Eigenheit der Autorin, die der eine mag und der andere nicht.

Fazit:
5/15 – Sexbesessene Helden stolpern durch eine mit Gestaltwandlern angereicherte Geschichte, die jeder Logik entbehrt und auch noch so detailliert erzählt ist, dass sie trotz aller Action und Abenteuer langweilt. Freunde des Romantic-Suspense-Genres werden an dem Buch aber möglicherweise trotzdem ihre Freude haben.