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[Rezension] Keri Arthur: Full Moon Rising

Deutscher Titel: Die Mondjägerin
Riley Jenson, Guardian, Book 1

Inhalt:
Riley Jenson sucht noch ihren Platz im Leben. Das ist nicht leicht, denn in ihren Adern fließt das Blut der Werwölfe, und jedes Mal bei Vollmond muss sie gegen die Mondhitze ankämpfen, um nicht die Kontrolle über ihren Körper zu verlieren. Sollte das passieren, würde ihr ungezügeltes Verlangen alles andere verdrängen. Und das darf diesmal auf keinen Fall geschehen – sonst ist das Leben ihres Bruders keinen Cent mehr wert!

Kommentar:
Riley Jenson ist eine seltene Mischung aus Werwolf und Vampir. Gemeinsam mit ihrem Bruder Rhoan arbeitet sie für die AfAR (Abteilung für Andere Rassen), die die übernatürlichen Rassen kontrolliert und für die Sicherheit der Menschen sorgt. Doch dann verschwindet Rhoan während eines Auftrags; nicht viel später taucht vor Rileys Wohnung auf der nackte, desorientierte und äußerst attraktive Vampir Quinn O’Connor auf, der seinerseits auf der Suche nach Rhoan ist. Gemeinsam spüren sie Rileys Bruder schließlich auf und schnell wird klar, dass sie in den Sumpf der Genforschung geraten sind.

Im Gegensatz zu diversen anderen Romanen bietet »Full Moon Rising« eine durchdachte, schlüssige und teils durchaus komplexe Handlung, die sich letztendlich um Genforschung, Genmanipulation und Klonen dreht und leichte Science-Fiction-Züge trägt. Die Geschichte hat vor allem im Mittelteil ein paar Längen, darüber können auch die zahlreichen Action-, Kampf- und Sexszenen nicht hinwegtäuschen. Vor allem an den Sexszenen dürften sich die Geister scheiden, denn Sex ist in diesem Buch fast ausnahmslos unromantisch und zweckgebunden, d.h. er dient Riley zur reinen Triebbefriedigung oder aber zur Informationsbeschaffung. Das ist ganz sicher nicht jedermanns Sache, passt aber zur ihr.

Obwohl nicht reinrassig, unterliegt Riley wie alle Werwölfe der Macht des Mondes: Bei zunehmendem Mond leidet sie unter der Mondhitze, das heißt, ihr Sexualtrieb steigt ins Unermessliche und muss gestillt werden. Zu diesem Zweck hat sie zwei lose Partner, Talon und Misha, die während dieser Phase ihr bestes geben. Die Macht der Lust ist nicht nur für Riley manchmal recht unpraktisch, wenn sie mitten im Geschehen von ihrem Verlangen überwältigt wird, sondern hat auch für den Leser etwas Irritierendes, vor allem dann, wenn Rileys Körper selbst dann automatisch auf die Männer reagiert, wenn sie ihnen negative Gefühle entgegenbringt. Das Mondfieber ist aber ihre einzige Schwäche; davon abgesehen vereinigt sie jede Menge positive Eigenschaften von Vampiren und Werwölfen in sich: Sie ist außergewöhnlich stark und schnell, verfügt über Infrarotsicht und eine latente Fähigkeit zum Hellsehen, beherrscht Telepathie und hat – zumindest in Wolfgestalt – außergewöhnliche Selbstheilkräfte. Und nicht nur das, Superwoman ist eine wirklich sympathische Figur: selbstbewusst, vernünftig, entschlossen und willensstark.

Auch sämtliche Nebenfiguren sind gut gelungen und glaubwürdig, allen voran der charismatische irische Vampir Quinn O’Connor, der Werwölfe nach einschlägigen Erfahrungen mit Frauen eigentlich nicht mehr besonders gut leiden kann. Das hindert ihn aber nicht daran, mit Riley eine Affäre zu beginnen, die trotz aller Vorbehalte viel Entwicklungspotenzial hat. Quinns Persönlichkeit ist gut ausgearbeitet, und obwohl er zweifellos einer der »Guten« ist, hat er auch eine dunkle Seite – seine Ambivalenz macht ihn erst interessant. Über seine Rasse erfährt man allerdings nicht viel, sondern im Wesentlichen, dass sie stark ist, Blut trinkt, Gedanken lesen und das Denken manipulieren kann.

Fazit:
12/15 – Trotz ein paar Längen ist »Full Moon Rising« ein Buch, das Urban-Fantasy-Leser unbedingt ausprobieren sollten – vorausgesetzt, sie können mit dieser Form von polygamem Sex umgehen.

Serieninfo:
01 Full Moon Rising | Die Mondjägerin
02 Kissing Sin | Wächterin des Mondes (April 2010)
03 Tempting Evil
04 Dangerous Games
05 Embraced by Darkness
06 The Darkest Kiss
07 Deadly Desire
08 Bound to Shadows
09 Moon Sworn

[Rezension] Stefan Schwarz: Ich kann nicht, wenn die Katze zuschaut

Inhalt:
Jede Beziehung hat das Zeug zur Satire. Schlafzimmer und Mann sind vorgeheizt, nur die Liebste lässt auf sich warten. Hatte er ihr nicht eine SMS mit »Erwarte dich auf dem Maträtzchen, mein Schätzchen« geschickt? Hoppla, die Nachricht ging versehentlich an eine Kollegin. Von wegen langweiliges Familienleben. Bei Stefan Schwarz haben alle was zu lachen. Er muss sich wegen memmenhafter Schreckhaftigkeit rechtfertigen, die Frau will im Bett noch nicht abgedimmt werden, der Sohn lügt zu schlecht, der Tochter gelingt in der Küche die Erstbesteigung der Abzugshaube, die verdammte Ossi-Katze hat immer was zu jammern und der irrlichternde Alt-Vater gerät mit rutschender Hose beinahe in eine Pressekonferenz mit Angela Merkel.

Kommentar:
Der vielversprechende Titel hat mich auf das Buch aufmerksam werden lassen – nur ist es blöderweise nicht so originell wie der Titel verspricht. Stefan Schwarz erzählt kurze Begebenheiten aus seinem Alltag, die mich zumeist einfach nur gelangweilt haben. Die einzelnen Episoden sind schlicht nicht pointiert genug, um einen gut zu unterhalten; ihnen geht trotz der Kürze (maximal vier Seiten) in den meisten Fällen auf halber Strecke die Luft aus. Zwar veranlasst die eine oder andere Formulierung und Situation zum Schmunzeln, das wars aber auch schon – und das reicht nicht. Um ehrlich zu sein hat mich das Ganze nach einer Weile so sehr ermüdet, dass ich nur noch weitergelesen habe, bis ich endlich auf die Episode gestoßen bin, auf die der Buchtitel verweist und die den weit weniger originellen Titel »Schnurren und Schrammen – wer will das verdammen« trägt. Nachdem aber selbst die mich nicht gut unterhalten konnte, habe ich beschlossen, das Buch abzubrechen. Mir geht offenbar der Humor ab, um dieses Buch so »urkomisch« finden zu können wie die meisten anderen Kritiker.

Fazit:
4/15 – Trotz netter Ansätze alles in allem total langweilig und belanglos. Dass ich das kleinformatige Buch trotz seines geringen Umfangs von nur 144 Seiten in der Mitte abgebrochen habe, spricht wohl eine deutliche Sprache.

[Rezension] Mary Balogh: A Matter of Class

Inhalt:
Lady Annabelle Ashton, die Tochter des Earl of Havercroft, ist ruiniert, denn sie ist beim Versuch erwischt worden, mit dem Kutscher ihres Vaters durchzubrennen. Ihr wohlhabender Verlobter löst daraufhin die Verbindung und die Familie muss nicht nur mit dem Skandal leben, sondern steht außerdem vor dem finanziellen Ruin. Diese Gelegenheit lässt sich Bernie Mason, der Erzfeind des Earls, nicht entgehen: Der reiche Emporkömmling, der jahrzehntelang unter den Schmähungen seines Nachbarn Havercroft zu leiden hatte, schlägt seinen auf die schiefe Bahn geratenen Sohn Reginald als Bräutigam für das entehrte Mädchen vor und bietet so einen Ausweg aus dem Skandal sowie aus der finanziellen Misere. Reginald und Annabelle müssen sich gezwungenermaßen der Abmachung fügen – ein denkbar schlechter Start für eine Ehe … 

Kommentar:
Vorweg sei gesagt, dass »A Matter of Class« kein »vollwertiger« Roman, sondern eine Novelle ist: Das ca. 12 Euro teure Hardcover hat nur knapp 200 Seiten, die auch noch in großer Schrift und mit großzügigem Zeilenabstand gesetzt sind. Wer viel Geschichte für sein Geld erwartet, ist mit diesem Buch schlecht beraten; allen anderen sei das Buch trotz des fraglos überteuerten Preises ans Herz gelegt, denn es bietet allerbeste Regency-Romance-Unterhaltung.

Reggie Mason hat in letzter Zeit einen Hang zum Glücksspiel und ein Faible für teure Mode entwickelt und jede Menge Schulden angehäuft. Sein Vater macht sich ernsthafte Sorgen deshalb, zumal er seinem Sohn eine gesellschaftliche Stellung ermöglichen möchte, die ihm selbst nie vergönnt war: Der Nordengländer aus der Arbeiterschicht hat sein sagenhaftes Vermögen als Kohlenhändler gemacht, wurde aber in adligen Kreisen trotz aller Bemühungen nie akzeptiert. Er hat viel Geld in Reggies Ausbildung gesteckt, um diesen zu einem echten Gentleman zu machen, doch das Verhalten seines einzigen Sohnes in letzter Zeit ist nicht gerade die feine englische Art. Als Bernard Mason von der Misere seines Erzfeindes hört, dessen Tochter Annabelle in einen Skandal verwickelt ist und der kurz vor dem finanziellen Ruin steht, ist ihm sofort klar, dass er zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen kann: Er kann Lord Haverscroft heimzahlen, dass dieser ihn jahrzehntelang geschmäht hat, gleichzeitig kann sein Sohn in den Adelsstand einheiraten und in die gesellschaftlichen Schichten aufsteigen, denen Bernie schon immer gerne angehören wollte.

Vor allem aufgrund seiner finanaziellen Lage kann Lord Haverscroft gar nicht anders, als Masons Vorschlag zähneknirschend zuzustimmen. Er muss seine Tochter mit einem reichen Mann verheiraten, und da nach Annabelles Eskapaden der reiche herzögliche Verlobte abgesprungen ist und wegen des Skandals auch kein anderer sie mehr will, ist die Verheiratung mit Reggie der einzige Ausweg. Er lässt die Masons allerdings zu jedem Zeitpunkt spüren, dass sie nicht standesgemäß sind und behandelt sie mit unsäglicher Arroganz. Seine Tochter ist zwar weniger konventionell, die erzwungene Ehe mit Reggie löst allerdings ebenso wenig Begeisterung bei ihr wie bei ihm aus, und so zanken sich die beiden bei jedem Aufeinandertreffen, und es fliegen ordentlich die Funken. Insbesondere weil Reggie aber immer wieder versichert, das beste aus der arrangierten Ehe machen zu wollen, besteht Hoffnung auf ein gutes Ende.

Der eigentliche Handlungszeitraum erstreckt sich über wenige Wochen, nämlich von der Idee der Eheschließung bis zum Tag der Hochzeit, allerdings ist die gegenwärtige Handlung unterbrochen von Rückblenden in die Kindheit bzw. Jugend von Reggie und Annabelle. Wie sich herausstellt, kennen sich die beiden von früher, und die Episoden aus der Vergangenheit machen schnell deutlich, dass zu irgendeinem Zeitpunkt etwas Gravierendes vorgefallen sein muss, was ihre jetzige Aversion gegeneinander bzw. gegen die Ehe miteinander rechtfertigt. Gerade weil die Rückblenden zeigen, dass die beiden schon als Kinder gegen alle Standesunterschiede befreundet waren und sich sehr geschätzt haben, bezieht die Handlung aus der Frage, was vorgefallen sein mag, große Spannung. Obwohl ein aufmerksamer Leser des Rätsels Lösung gegen Mitte des Buches anhand eines einzigen Schlüsselsatzes erahnen kann, ist die Handlung doch ausgesprochen clever aufgebaut und bietet mal etwas vollkommen anderes.

Die Protagonisten sind überzeugend, obwohl es ihnen – wie allen anderen Figuren – etwas an Tiefe mangelt. Ein wenig einseitig, wenngleich sicher nicht ganz unrealistisch, ist auch die Darstellung der beiden Klassen: Die Emporkömmlinge aus einfachen Verhältnissen sind nette Leute, die ihr Leben genießen, offen, fröhlich und ausgesprochen liebenswert sind; Annabelles Vater als Paradebeispiel eines Aristokraten wird hingegen dargestellt als verknöcherter, herzloser, voreingenommener Snob. Aufgrund der Kürze der Erzählung ist hier aber schlicht keine differenziertere Auseinandersetzung möglich. Immerhin zeigt Balogh einmal mehr, dass sie um historische Authentizität bemüht ist, denn trotz seiner Leichtigkeit stellt das Buch zwei gesellschaftliche Begebenheiten der damaligen Zeit in den Vordergrund, die einen realistischen Rahmen bieten, nämlich den Klassenunterschied und die Tatsache, dass die adligen Töchter oftmals schlicht eine Ware waren und von ihren Vätern an den Meistbietenden verscherbelt wurden.

Fazit:
13/15 – Ein sehr unterhaltsames Buch mit einer außergewöhnlichen Handlung, das nur leider viel zu kurz und für seinen Umfang viel zu teuer ist.

[Rezension] Yasmine Galenorn: Die Hexe

Originaltitel: Witchling
Schwestern des Mondes, Band 1

Inhalt:
Weil ihre Mutter ein Mensch war, hat man die drei magischen Schwestern Camille, Delilah und Menolly aus dem Reich der Elfen und Feen verbannt. Doch auch auf der Erde gelingt es ihnen nicht, ein normales Leben zu führen – was daran liegen mag, dass Camilles Zauber sich meist gegen sie selbst wenden, Delilah sich oft versehentlich in eine kuschelige Katze verwandelt und Menolly vor Jahren gegen ihren Willen zu einer Vampirin gemacht wurde. Doch nun hängt das Schicksal aller Menschen, Elfen und Feen von den Schwestern ab – Dämonenfürst Schattenschwinge hat einen Weg gefunden, um die Grenzen seines Unterirdischen Reichs zu überwinden. Die Schwestern sehen sich einer bedrohlichen Übermacht gegenüber …

Kommentar:
Der erste Teil der »Schwestern des Mondes«-Serie startet mit dem unheilverkündeten Mord am kleinwüchsigen Riesen Jocko, der sich im Laufe der Handlung nur als kleines Puzzleteil in einer groß angelegte Verschwörung des mächtigen Dämons Schattenschwinge entpuppt. Es liegt in der Macht der drei Schwestern, gemeinsam mit ihrem Freunden und Helfern die Welt zu retten – was allerdings weniger spannend ist als es klingt.

Einen großen Teil des Buches nehmen – neben ausufernden Beschreibungen von Klamotten, Schuhen und Accessoires – die sehr detaillierten Erklärungen der Welt(en) ein, die das Setting für das Buch bilden. Sehr vereinfacht gesagt gibt es drei große Reiche: die Unterirdischen Reiche, in denen sich die Bösen tummeln, die Anderwelt, in der die Mehrzahl der magischen Wesen lebt, sowie die vorwiegend von Menschen bevölkerte Erdwelt. Während die Letztgenannten durch bewachte Portale miteinander verbunden sind, ist die Unterwelt streng abgeschottet – oder sollten es zumindest sein. Im Grunde mixt Galenorn Altbekanntes neu zusammen und bereichert es mit einigen neuen frischen Aspekten. Das gilt sowohl für die Welten als auch für die Wesen, die bekannten und unbekannteren Mythen verschiedener Kulturkreise entstammen, aber auch neu erdachten skurrilen Gestalten. So begegnet man beispielsweise Vampiren, zahlreichen Gestaltwandlern und Feenwesen, Harpyen, Riesen, einer Baby-Gargoyle, die als Haustier bei den Schwestern lebt, einem Drachen(mann), einem Psychoschwafler und einer Leichenzunge, die einem Sterbenden die letzten Gedanken entlockt (ein »Who is who« findet man online bei Droemer Knaur).

Die drei Schwestern, die für den Anderwelt-Nachrichtendienst arbeiten, sind nicht gerade Vorzeige-Sidhe. Aufgrund ihrer Gemischrassigkeit fühlen sie sich weder der Ander- noch der Erdwelt wirklich zugehörig, und ihre Gaben bzw. Fähigkeiten tendieren dazu, auszufallen. So gehen die Zauber der Hexe Camille öfter mal nach hinten los, die Werkatze Dalilah verwandelt sich bei Aufregung ungewollt in ihre Tiergestalt, und weil Menollys Gabe des Kletterns bei einer Vampirbeschattung versagte und sie abstürzte, wurde sie verwandelt. Während die Autorin hinsichtlich der Talente ihrer Protagonistinnen einen erfrischenden Mut zur Lücke beweist, geht sie bei der Optik keine Kompromisse ein: Alle drei Schwestern sind überwältigend schön und sexy, jede auf ihre ganz eigene Weise, sodass für jeden Geschmack was dabei ist.

Das Buch wird aus Sicht der Hexe Camille erzählt, die im Gegensatz zu den anderen Schwestern ein bisschen spröde und unterkühlt wirkt. Trotz längerer sexueller Abstinenz nach der Trennung von ihrem Ex-Freund Trillian ist sie nicht gerade der monogame Typ, was sie beim Sex mit zwei verschiedenen Männern unter Beweis stellen darf. Stimmig sind diese Szenen allerdings nur bedingt. Die sehr direkte Aufforderung »Komm mit nach oben und fick mich, bis wir die Sterne vom Himmel schütteln« (S. 105) mag dem einen oder anderen zu derb sein, passt aber zu Camille, ihrer Sprache und ihrem Denken. Vollkommen unpassend allerdings ist die anschließende blumig-metaphorische Sexszene: Nachdem Camille angesichts von Trillians Schönheit ein paar Tränchen der Unsicherheit verdrückt hat und sich beide ausreichend versichert haben, dass sie sich gegenseitig wollen, obwohl sie bereits mitten dabei sind, werden die Vorgänge schlimmer als im kitschigsten Liebesroman beschrieben. Camille sucht nach dem »Gral, der uns über uns selbst hinausheben und in jenes Reich bringen würde, in dem unsere Seelen verschmelzen konnten« (S. 108), und sie »ringen an einer offenen Schlucht liebevoll« miteinander, bevor sich einer nach dem anderen die Klippe hinunterstürzt, nachdem der letzte Faden gerissen ist. Buah. Das geht irgendwie gar nicht, insbesondere, weil es einfach nicht zu Camille passt. Ihre anschließenden Ausführungen, dass sie ihren Ex-Freund zwar liebt, aber nicht mag, sind auch nicht gerade nachvollziehbar – es scheint fast, als würde hier Liebe mit Lust verwechselt.

Eine echte Bereicherung für das Buch sind die Nebenfiguren. Der Fels in der Brandung für die teils etwas chaotisch wirkenden Schwestern ist Morio, ein Yokai-kitsune (japanischer Fuchsdämon), der jederzeit erfreulich souverän ist. Der Vollblutmensch Chase hingegen ist mit seiner Aufgabe zwar einigermaßen überfordert, hat aber Humor und sorgt mit einigen trockenen Bemerkungen für Erheiterung. Außerdem begegnet man unter anderem der ziemlich derangierten, entmachteten Feenkönigin Titania und dem Drachen(mann) Smokey, der von einem eingebildeten St. Georg gejagt wird.

Fazit:
8/15 – Der Auftaktband der Serie wartet mit einer Menge guter und humorvoller Ideen auf, ist aber nicht wirklich fesselnd, weil sehr viel Zeit auf die detaillierte Beschreibung der Fantasywelt verwendet wird. Weil mir persönlich genau das zu langweilig ist, lese ich kaum High Fantasy, sondern nur die »Light-Variante« in Form von Urban Fantasy; wer an der Entwicklung von fantastischen Welten aber Freunde hat, wird das Buch sicher mehr schätzen als ich. In der Hoffnung, dass Band 1 die Grundlagen gelegt hat für einen actionreicheren Band 2, werde ich »Die Katze« definitiv trotzdem lesen, denn Potenzial ist durchaus vorhanden!

[Rezension] Shane Jones: Thaddeus und der Februar

Originaltitel: Light Boxes

Inhalt:
Viele hundert Tage schon währt die kalte Herrschaft des Februars: Der Wechsel der Jahreszeiten ist außer Kraft gesetzt, finstere Priester patrouillieren, Papierdrachen dürfen nicht mehr zum Himmel aufsteigen, Kinder verschwinden im Wald. Traurigkeit legt sich über die Stadt wie der Schnee, der endlos fällt, doch die Erinnerung an warme Tage lebt weiter. Die Stadt beschließt, in den Kampf zu ziehen, den Winter zu besiegen, und Thaddeus, der Ballonfahrer, soll ihr Anführer sein. Doch dann stößt Thaddeus in einer Hütte am Waldrand auf den Februar selbst – und es ist ein Mann, der eine Geschichte schreibt: die Geschichte der Stadt …

Kommentar:
»Thaddeus und der Februrar« ist ein ausgesprochen hübsches kleines Buch: kompakt, ansprechend gestaltet, typografisch interessant und mit sehr schönen Zeichnungen von Ria Brodell zu einzelnen Buchszenen. Zweifellos malt auch Shane Jones sehr anschauliche, lebendige Bilder und schafft vereinzelt wunderschöne, poetische Sätze. Das ist aber leider auch schon das beste, was ich über das Werk sagen kann.

Das Buch dürfte wohl der literarischen Moderne bzw. der experimentellen Literatur zuzuordnen sein. Es wird mit der Typografie gespielt, immer wieder sind Listen mit Aufzählungen eingestreut und es gibt Seiten, auf denen nur ein Satz steht oder ein einziger Satz wiederholt wird. Damit könnte ich mit gut arrangieren, wenn ich den Sinn der Geschichte verstanden hätte, doch Jones‘ Metaphorik erschließt sich mir nicht im geringsten. Wie der Pressetext offenbart, erzählt der Autor von etwas, »das tief in uns existiert«; ich weiß nur leider nicht, was das sein soll. Und nicht nur begreife ich den tieferen Sinn nicht, ich vermag nicht mal der vordergründigen Geschichte zu folgen. Dankenswerterweise erhellt einen der Klappentext einigermaßen, darüber hinaus ist die Story aber einfach nur verworren und fragementarisch; befremdliche, teils brutale Szenen reihen sich – oft zusammenhanglos – aneinander. Am Ende ist der mutmaßliche Februar gar nicht der Februar, sondern der echte Februar hat nur so getan als sei der falsche Februar der echte Februar … oder so. Sein Täschungsmanöver hilft ihm jedenfalls nichts, er wird von Thaddeus besiegt. Alles wird gut, die Toten sind gar nicht tot – vom Februar abgesehen –, und Juni und Juli halten Einzug. Es steht zu hoffen, dass die beiden weniger fiese Gestalten sind als der Februar, sonst gibts womöglich eine Fortsetzung.

Fazit:
Eindeutig nur etwas für Freunde experimenteller Literatur. Da ich trotz literaturwissenschaftlichen Studiums nichts begriffen habe und mich das Buch offenbar heillos überfordert, kann ich mich nur Thaddeus selbst anschließen, der im Gespräch mit dem falschen Februar feststellt: »Das ist doch alles Irrsinn« (S. 143).

[Rezension] Sherry Thomas: Delicious

Inhalt:
Die Köchin Verity Durant ist ebenso bekannt für ihre herausragenden Kochkünste wie für ihr skandalöses Liebesleben. Als Stuart Somerset das Landgut erbt, auf dem Verity arbeitet, interessiert er sich nicht besonders für die Köchin – bis er das erste mal ihr Essen probiert. Überwältigt von den wunderbar kombinierten Geschmäckern, will er die Genüsse bald nicht mehr missen – zumal er sich trotz seiner bald bevorstehenden Hochzeit auf sonderbare Weise zu Verity hingezogen fühlt. Obwohl die geheimnisvolle Köchin es strikt ablehnt, Stuart ihr Gesicht zu zeigen, beginnen die beiden eine obsessive und sehr erregende Beziehung …

Kommentar:
Liebe geht durch den Magen – das war selten so wahr wie in diesem Buch! Über ihre sagenhaften Gerichte gelingt es Verity, Stuarts Aufmerksamkeit zu erregen und damit den Grundstein für den weiteren Verlauf der Geschichte zu legen. Essen spielt insgesamt zwar eine weniger ausschlaggebende Rolle als man erwarten könnte, ist allerdings z.T. so gut beschrieben, dass einem das Wasser im Munde zusammenläuft. Die überwältigende, teils geradezu lebenserschütternde Wirkung von Veritys Gerichten auf die Menschen mutet dann aber doch ein wenig zu fantastisch an und ist ziemlich übertrieben.

Im Aufbau ähnelt das Buch sehr »Private Arrangements«, dem Erstling der Autorin: Parallel zur eigentlichen Geschichte werden in Rückblenden die Ereignisse von vor zehn Jahren erzählt, als Verity und Stuart erstmals aufeinandergetroffen sind und eine Nacht miteinander verbracht haben. Im Gegensatz zu Verity, die immer wusste, wer ihr Liebhaber in jener Nacht war, hat Stuart allerdings keine Ahnung, dass sich hinter seiner geheimnisvollen Köchin seine »Cinderella« von damals verbirgt – er weiß nur, dass er sich zu beiden Frauen gleichermaßen hingezogen fühlt. Und obwohl er versucht, sich von Verity fernzuhalten, um seinen mühsam erarbeiteten Ruf und seine bevorstehende Hochzeit nicht zu gefährden, ist er endgültig verloren, als er sie durch einen dummen Zufall in seiner Badewanne erwischt. Zwar passiert in dieser Situation nichts zwischen den beiden, die sexuelle Spannung baut sich aber ab diesem Moment immer mehr auf und steigert sich ins Unerträgliche, weil Stuart wirklich lange Zeit versucht, Verity zu widerstehen. Erfolglos, versteht sich, doch es gibt noch diverse weitere Widerstände zu überwinden, sodass die Handlung nicht abflacht, sondern spannend bleibt. Die Art und Weise, wie sich am Ende alle Konflikte und Probleme schlagartig in Wohlgefallen auflösen, ist allerdings fast schon ärgerlich und ein echter Wermutstropfen. Außerdem muss man bereit sein zu akzeptieren, dass eine Beziehung resp. Liebe auf überwältigender körperlicher Anziehung fußen kann, wenn man das Buch genießen will.

Einfache Figuren sind offenbar nicht das Ding von Sherry Thomas, und das ist eigentlich auch ganz gut so, denn es gibt ja oft genug Beschwerden über zu stereotype Liebesromanhelden. Die Schaffung von Protagonisten, die schwieriger zu fassen sind, führt aber unter Umständen eben auch dazu, dass man schwer Zugang zu ihnen findet – das war schon bei Gigi aus »Private Arrangements« so und ist bei Verity ähnlich. Veritys Handlungsmotive und Moralvorstellungen sind zum Teil nicht nachvollziehbar – mir ist z.B. bis jetzt nicht klar, ob es eigentlich ihre Absicht war, Stuarts Herz erneut zu erobern. Es sieht alles danach aus, macht aber andererseits keinen Sinn, denn die Situation, die ausschlaggebend für ihre Trennung vor zehn Jahren war, ist heute so aktuell wie damals. Ebenso wenig sinnvoll ist Veritys Weigerung, Stuart ihre wahre Identität zu offenbaren, gleichzeitig aber in seiner Nähe zu bleiben und ständig mit dem Feuer zu spielen. Natürlich liefert das eine schöne Ausgangssituation für den Roman, glaubwürdig ist es aber nicht. Darüber hinaus ist Verity aber eine gut gelungene Figur, die – von ihrer selbstlosen Liebe abgesehen – mit beiden Beinen im Leben steht und weiß, was sie will.

Auch Stuart ist ein interessanter Charakter. Der uneheliche Sohn eines Adligen hat die ersten Jahre seines Lebens in Armut bei seiner Mutter verbracht, bevor sein Vater ihn zu sich geholt hat. Trotz seiner zweifelhaften Abstammung hat er sich einen Namen als Anwalt gemacht und ist inzwischen so angesehen, dass er kurz davor steht, eine politische Laufbahn einzuschlagen. Sein Konflikt liegt darin, dass er seine Karriere, für die er so hart gekämpft hat, in den Wind schlagen muss, wenn er sich auf ein wie auch immer geartetes Verhältnis mit Verity einlässt. Hinzu kommt, dass er sich gerade mit seiner langjährigen Bekannten Lizzie verlobt hat, die er sehr achtet und nicht verletzen will. Gute Gründe, um sein verzehrendes Verlangen nach Verity zu ignorieren – aber nicht gut genug, um das dauerhaft zu schaffen, sodass er sich am Ende gegen alle Konventionen und für die Liebe entscheidet.

Neben der Beziehung zwischen Stuart und Verity ist die Familie in all ihren positiven und negativen Ausprägungen ein wesentliches Thema des Buches. Stuarts Verlobte Lizzie bekommt ihren einen eigenen Handlungsstrang, der einige Überraschungen birgt, aber erneut an den Aufbau von »Private Arrangements« erinnert, in das ebenfalls eine ähnlich verlaufende Nebengeschichte eingewebt war.

Fazit:
11/15 – Eine intensive Geschichte, die aber nicht ganz an den Debütroman der Autorin heranreicht und diesem im Aufbau einfach zu ähnlich ist.

[Rezension] Gayle Forman: Wenn ich bleibe

Originaltitel: If I Stay

Inhalt:
Mia muss sich entscheiden: Soll sie bei ihrem Freund Adam und ihrer Familie bleiben – oder ihrer großen Liebe zur Musik folgen und mit ihrem Cello nach New York gehen? Was, wenn sie Adam dadurch verliert?

Und dann ist von einer Sekunde auf die andere nichts mehr, wie es war: Auf eisglatter Fahrbahn rast ein Lkw in das Auto, in dem Mia sitzt. Mit ihrer Familie. Sie verliert alles und steht vor der einzigen Entscheidung des Lebens: bleiben oder gehen?


Kommentar:

Wenn du bleibst, tue ich, was immer du willst. Ich verlasse die Band und gehe mit dir nach New York. Aber wenn du willst, dass ich aus deinem Leben verschwinde, dann tue ich auch das. (…) Ich kann ertragen, dich so zu verlieren, wenn ich dich nur nicht hier und heute verlieren muss. Ich werde dich gehen lassen. Wenn du bleibst. (Adam zu Mia, S. 264f.)

Ein Familienausflug endet für die 17-jährige Mia in einer Katastrophe: Eben noch sitzt sie mit geschlossenen Augen auf dem Rücksitz des Autos und lauscht Beethovens Cellosonate Nummer drei, im nächsten Moment findet sie sich in einem Straßengraben wieder. Das Auto ist nur noch Schrott ist, doch da sie selbst scheinbar unverletzt ist, ist sie guter Hoffnung, dass auch ihre Familie den Unfall unbeschadet überstanden hat. Dann allerdings findet sie die Leichen ihrer Eltern und nicht viel später steht sie ihrem eigenen schwer verletzten Körper gegenüber. Während die Ärzte zunächst an der Unfallstelle und später im Krankenhaus um ihr Leben ringen, betrachtet Mia das Geschehen von außen und versucht zu begreifen, was vor sich geht. Es dauert eine Weile, bis sie erkennt, dass sich ihr Geist von ihrem Körper gelöst hat und sie sich in einem Zustand zwischen Leben und Tod befindet – und dass es allein ihre Entscheidung ist, ob sie ihrer Familie ins Jenseits folgt oder im Diesseits bleibt.

Um ihre Wahl treffen zu können und festzustellen, was sie verloren hat und was ihr noch geblieben ist, lässt die komatöse Mia ihr bisheriges Leben Revue passieren. Sie denkt zurück an ihre erwachende Leidenschaft für die Musik, die eine große Rolle in ihrem, aber auch im Leben ihrer Eltern und ihres Freundes spielt (auf der Homepage zum Buch findet sich eine Playlist der im Roman erwähnten Lieder), an ihr erstes Konzert und ihre Aufnahmeprüfung an einer Musikakademie. Sie erinnert sich an die Geburt des kleinen Bruders und die Wandlung ihres Vaters, an Erlebnisse mit ihrer treuen Freundin Kim, an ihren ersten Kuss und die zeitweise schwierige Beziehung zu Adam sowie an die eigentlich noch zu treffende Entscheidung zwischen ihrer Musikkarriere und ihrem alten Leben, das nach dem Unfall aber gar nicht mehr existiert. Die Rückblicke fügen sich wunderbar ins gegenwärtige Geschehen ein, denn sie werden jeweils ausgelöst von aktuellen Ereignissen im Krankenhaus und von Mias Besuchern, ihren Handlungsweisen und Worten. Obwohl die Rückblenden immer nur relativ kurze Episoden erzählen, sind sie von hoher Intensität, denn sie offenbaren die Schlüsselmomente im Leben der Siebzehnjährigen und sind ausgesprochen gefühlvoll beschrieben, ohne überladen oder kitschig zu sein. Sie zeigen ein bis zu diesem Zeitpunkt relativ unbeschwertes, nahezu perfektes Leben eines zufriedenen, ziemlich normalen Mädchens, das in einem Umfeld der Geborgenheit und Zuneigung aufwächst, und machen nur allzu deutlich, welch hohen Stellenwert die Familie für Mia hatte und wie immens gerade deshalb der Verlust für sie sein muss. Wer könnte nicht nachvollziehen, dass sie an ihren Erinnerungen verzweifelt, dass sie müde, erschöpft und unendlich traurig ist und den Wunsch verspürt, einfach aufzugeben und ihrer Familie zu folgen.

Und doch gibt es da noch die Zurückgebliebenen, liebevolle Verwandte und wundervolle Freunde, vor allem in Gestalt von Mias Großeltern, Adam und Kim, die Mias Entscheidung beeinflussen. Sie sind im Krankenhaus an ihrer Seite, versuchen, für sie da zu sein, ihr Mut zu geben und sie davon zu überzeugen, dass ihr Leben trotz des schrecklichen Verlusts immer noch lebenswert sein kann. Jeder von ihnen ist bereit, eigene Opfer zu bringen und Mia notfalls auch aufzugeben, um den Druck von ihr zu nehmen und ihr die Entscheidung – wie auch immer sie ausfallen mag – zu erleichtern.

Ohne Pathos und Sentimentalität, aber mit viel Gefühl erzählt die Autorin diese wundervolle und extrem berührende Geschichte über Familie, Freundschaft und Liebe, über Wertschätzung, Verlust, Leidenschaften, Entscheidungen und das Leben an sich. Trotz seiner positiven Botschaft ist das Buch – ebenso wie Mias Schicksal – erschütternd und herzzerreißend traurig, nicht zuletzt deshalb, weil es erschreckend deutlich vor Augen führt, wie kurz und vergänglich das Leben sein kann und dass sich ganz plötzlich, von einer Sekunde auf die andere, alles ändern und man alles verlieren kann, was einem etwas bedeutet, ohne dass man Einfluss darauf hätte.

Fazit:
15/15 – Eine mitreißende, zutiefst bewegende Umsetzung eines schwierigen Themas, die einen in heillosen Gefühlsaufruhr stürzt und zu Tränen rührt.

[Rezension] Meredith Duran: Bound By Your Touch

Inhalt:
Viscount Sanburne ist einer der beliebtesten Londoner Taugenichtse, doch Lydia Boye hat keinerlei Interesse daran, von ihm betört zu werden. Als er mit einem angeblich sensationellen Fundstück aus dem alten Ägypten mitten in ihren Vortrag am Archäologischen Institut platzt, identifiziert sie dieses sofort als Fälschung und stellt Sanburne vor allen Anwesenden bloß. Nicht viel später stellt sich allerdings heraus, dass die Fälschung ausgerechnet von Lydias Vater, der sich zu Ausgrabungen in Ägypten befindet, nach England geschickt wurde. Um den guten Namen ihres Vaters vor einem Skandal zu bewahren, tut sie sich notgedrungen mit Sanburne zusammen und versucht, gemeinsam mit ihm den wahren Verantwortlichen ausfindig zu machen. Dabei muss sie aber auch feststellen, dass sich hinter der charismatischen Fassade des skandalumwitterten Viscounts ein scharfer Verstand und eine beklemmende Vergangenheit verbergen – und gegen alle Vernunft kommen sich die beiden näher …

Kommentar:
Nach einem beachtlichen Debütroman, der extrem hohe Erwartungen geweckt hat, liegt mit »Bound by your Touch« nun das zweite Buch von Meredith Duran vor. Erneut merkt man der studierten Anthropologin ihre Faszination für britische (Kolonial-)Geschichte an – die Situation in Ägypten zur Zeit der britischen Herrschaft fließt immer wieder ganz beiläufig ins Geschehen ein –, die eigentliche Handlung spielt aber diesmal in England.

Das erste Zusammentreffen der Protagonisten findet nicht gerade unter günstigen Umständen statt, denn Lydia identifiziert Sanburnes neu erworbene, angeblich wertvolle Stela auf den ersten Blick als Fälschung. Solchermaßen vor allen Anwesenden bloßgestellt, bereitet es James ein gewisses Vergnügen, Lydia tags darauf mit der Erkenntnis zu schockieren, dass die Fälschung zusammen mit den Ausgrabungsstücken ihres Vaters nach England gekommen ist. Lydia, die fest von der Unschuld ihres Vaters überzeugt ist, würde alles dafür tun, um seinen tadellosen Ruf zu wahren, und Sanburne weiß das: Er lässt sich sein Schweigen teuer bezahlen – mit einem Kuss, der sie beide einigermaßen aus der Fassung bringt. Trotzdem (oder gerade deshalb) machen sie sich gemeinsam daran, die Sache aufzuklären und müssen bald feststellen, dass sie es mit einem Komplott größeren Ausmaßes zu tun haben, das sogar ihr Leben in Gefahr bringt.

Der Krimiplot ist ganz gut ausgearbeitet und bildet einen netten Rahmen für die Geschichte, richtig spannend ist er aber nicht. Er spielt aber ohnehin keine entscheidende Rolle für die Beurteilung des Buches, denn wichtig sind nur die beiden Protagonisten, die Entwicklung ihrer Persönlichkeit und ihrer Beziehung zueinander, aber auch zu ihren Familien.

Lydia ist ein Blaustrumpf, wie er im Buche steht. Nicht zuletzt aus finanziellen Gründen lebt sie im Haushalt ihrer Schwester Sophie und ihres Schwagers George, was insofern eine ziemlich unerträgliche Situation ist, weil Sophie ihr vor Jahren den Mann ausgespannt hat, den Lydia zu heiraten hoffte. Mit den beiden zusammenzuleben, nimmt sie nur in Kauf, weil die jüngste Schwester Ana verheiratet werden muss. Das angespannte Verhältnis zu Sophie liegt außerdem in der sehr engen Beziehung zwischen Lydia und ihrem Vater begründet, der sie – sehr zu Sophies Neid – immer bevorzugt hat. Lydia ist dem Ägyptologen ihrerseits treu ergeben und wickelt die Geschäfte ihres Vaters in England ab. Sie verfügt selbst über ein großes Wissen über Ägyptologie, ist zuverlässig, kompetent, fleißig, zielstrebig – und ziemlich spröde. Ihre gescheiterte Liebe zu George hat sie desillusioniert, und sie hat sich im Laufe der Zeit mit ihrer Rolle als alte Jungfer abgefunden, zumal sie keine besondere Schönheit ist.

James ist das genaue Gegenteil von ihr, insofern hat sie auch wenig Sympathie für den gutaussehenden, eloquenten Sohn eines Earls, der in den Tag hineinlebt und in Lydias Augen ein verwöhnter Nichtsnutz ist. Dass er ägyptische Artefakte nur deshalb sammelt, um seinen Vater zu ärgern bzw. zu übertreffen, ohne echtes Interesse an der Materie zu haben, macht ihn ihr nicht sympathischer. Doch hinter Sanburnes charismatischer Fassade verbirgt sich nicht nur ein scharfer Verstand, sondern auch eine düstere Vergangenheit: Er fühlt sich mitverantwortlich für das Schicksal seiner Schwester, die als verurteilte Mörderin in einem Irrenhaus einsitzt und hadert vor allem wegen ihr mit seinem Vater. Erdrückt von seiner Mitschuld an den damaligen Ereignissen ist er seines eigenen Lebens mehr als überdrüssig und sucht Vergessen in Drogenexzessen sowie in äußerst riskanten, brutalen Boxkämpfen, um den psychischen Schmerz zu überlagern. Lydia und die Aufdeckung des Betrugs geben seinem Leben nach langer Zeit endlich wieder einen gewissen Sinn, nicht zuletzt weil er schnell feststellt, dass sich unter ihrer langweiligen Oberfläche eine wundervolle, leidenschaftliche Frau verbirgt.

Obwohl die Gegensätze zwischen den beiden zunächst unüberbrückbar scheinen, entwickeln sie sich im Laufe der Handlung beide weit genug zueinander hin, um am Ende zusammenzufinden. Bis es so weit ist, fliegen die Funken, und beide müssen vieles überdenken und ändern, was ihr Leben bis zu diesem Zeitpunkt ausgemacht hat: Sie müssen über ihren Schatten springen, ihren Stolz hinunterschlucken, Tiefschläge einstecken, Ängste überwinden und Kompromisse eingehen. Ihre Entwicklung ist aber ebenso nachvollziehbar und glaubwürdig wie die Figuren an sich, und genau das macht das Buch so gut – vorausgesetzt allerdings, man mag Bücher, in denen darüber hinaus wenig passiert und die sich mit der Beschreibung von Details und Emotionen aufhalten. Zugegebenermaßen ist die Sache mit James Schwester nur bedingt logisch und die Handlung an einigen Stellen ein wenig langgezogen bzw. unnötig verwickelt, doch das tut dem sehr guten Gesamteindruck kaum einen Abbruch.

Fazit:
13/15 – Ein intensives Buch mit tollen Charakteren, die Raum zur Entwicklung erhalten. Eine Empfehlung für alle, die tiefgründigere Bücher mögen und auf Action verzichten können.

[Rezension] Oliver Buslau: Der Vampir von Melaten

Inhalt:
Als der legendäre Pianist Luc d’Auber in Köln ein Konzert gibt, sieht die Journalistin Gardis Schönborn ihre Chance: Niemand hat je ein Interview mit ihm gemacht, und niemand weiß genau, wer er ist. Nur eins ist sicher: Seine Musik verzaubert eine eingeschworene Fangemeinde. Nach dem Konzert sucht d’Auber überraschend Gardis Hilfe und eine dramatische Verfolgungsjagd beginnt. Gardis gerät ins Fadenkreuz eines geheimen Vampirjägerordens und steht vor einer schweren Entscheidung. Ist d’Auber der gesuchte Vampir von Melaten?

Kommentar:
»Der Vampir von Melaten« ist mein erster Regionalkrimi – und die vordringlichste Frage, die sich mir stellt, lautet: Gehört das eigentlich so, dass man in diesem Krimi-Sub-Genre mit Straßennamen, Namen von Plätzen, Bezeichnungen von Vierteln sowie Beschreibungen von Gebäuden und Sehenswürdigkeiten zugeballert wird? Noch nie sind mir in einem Buch so viele detaillierte Wegbeschreibungen begegnet – die in dieser Ausführlichkeit überhaupt nichts bringen und damit mehr als überflüssig sind. Das liest sich dann wie folgt:

Am Glaskasten der Zentralbibliothek vorbei gelangte Gardis über den östlichen Rand des Neumarkts zur Schildergasse. Sie bog nach wenigen Schritten in die Krebsgasse ab, wandte sich dem Opernhaus zu und überquerten den Platz davor [der übrigens meines Wissens Opernplatz heißt, auf dem sich wiederum der Opernbrunnen befindet – die man beide aus unerfindlichen Gründen unbenannt bzw. unerwähnt gelassen hat; A.d.R.]. Die Tunisstraße, wo sie auf das Grün der Fußgängerampel warten musste, zerhackte die Innenstadt wie eine kleine Autobahn. (…) Die Ampel sprang auf Grün und als Gardis losging, sah sie hinter den Dächern die beleuchteten Domspitzen aufragen. Nachdem sie den winzigen Park bei der Minoritenkirche durchquert hatte, erkannte sie auf dem Wallrafplatz ein paar dunkle Gestalten, die wie sie Richtung Domplatte eilten. Unterhalb des Römisch-Germanischen Museums, auf dem alten römischen Hafenpflaster, sah sie sich von immer mehr Menschen umringt … (S. 78)

Das liest sich für meine Begriffe wie ein Reiseführer! Sollen solche ausufernden Schilderungen tatsächlich für regionales Flair sorgen und macht sowas einen Regionalkrimi aus? Ist es wirklich das, was die wachsende Leserschaft der Regionalkrimis an diesem Genre begeistert? Gibt es keinen weniger plumpen Weg, das Kolorit einer Stadt zu vermitteln? Mein Ding ist das überhaupt nicht, aber da ich während des Lesens permanent Gardis‘ Lauf- und Fahrwege gedanklich nachvollzogen habe, kann ich immerhin feststellen, dass sich keine größeren Fehler eingeschlichen haben und dass ich nun ein paar Straßennamen mehr weiß – das ist ja auch schon was.

Die Handlung an sich startet interessant. Die arbeitslose Journalistin Gardis ist auf der Suche nach einer großen Story, als sie einen alten Bekannten trifft, der ihr prompt ein Thema liefert: Er erzählt ihr von einem geheimnisumwitterten Pianisten, der jeden Kontakt zur Öffentlichkeit ablehnt und ein Konzert in der Philharmonie gibt. Gardis macht sich auf, um Informationen über Luc d’Aubert zu sammeln und stößt bald auf einen Kollegen im Ruhestand, der ihr eine höchst mysteriöse Geschichte über den Pianisten erzählt, aber wichtige Informationen zur Beschaffung einer Karte für das ausverkaufte Konzert vermittelt. Beeindruckt von der Musik d’Auberts intensiviert Gardis ihre Bemühungen, mehr über ihn herauszufinden, doch schließlich ist der Pianist es, der sie kontaktiert und sie um Hilfe bittet: Sie soll eine unbekannte Partitur finden, die ihm Erlösung bringen soll.

Gardis recheriert also vor sich hin, treibt sich auf dem geschichtsträchtigen Melatenfriedhof herum, beschreibt weiterhin ausufernd ihre Laufwege, Aufenthaltsorte und die Kölner Architekturhighlights, schildert in aller Ausfühlichkeit Räume und Szenen und stellt irgendwann mit erstaunlicher Gelassenheit fest, dass der wundervolle Luc ein Vampir sein muss. Aus unerfindlichen Gründen ist sie nicht viel später ganz plötzlich in flammender Liebe zu dem vollkommen profillosen und geradezu blutleeren Blutsauger entbrannt und befindet sich zudem in den Fängen eines Vampirjägerordens, der Luc vernichten will, dem sie aber trotzdem fröhlich alle möglichen Details über den Vampir offenbart – was schließlich in einem ziemlich fantastischen, surreal anmutenden Kampf gipfelt. Das Ende setzt der Geschichte dann endgültig die Krone auf und bietet darüber hinaus Potenzial für eine Fortsetzung, die aber definitiv ohne mich stattfinden wird.

Fazit:
5/15 – Eine Geschichte, die trotz der viel zu ausführlichen Beschreibungen Kölscher Begebenheiten eigentlich gut startet, dann aber immer abstruser wird und mich von Seite zu Seite mehr verärgert hat.

[Rezension] Maggie Stiefvater: Shiver

Deutscher Titel: Nach dem Sommer (Herbst 2010)
The Wolves of Mercy Falls, Book 1

Inhalt:
Im Alter von elf Jahren wird Grace von einem Rudel Wölfe angegriffen und in den Wald gezerrt, doch ein Wolf mit faszinierenden gelben Augen rettet sie vor dem sicher geglaubten Tod. Noch sechs Jahre später kehrt das Tier immer im Winter zum Garten der Familie zurück – sehnsüchtig erwartet von Grace, die sich ihm seltsam verbunden fühlt. Als eines Tages eine Hetzjagd auf die Wölfe stattfindet und Grace einen verletzten Jungen mit gelben Augen auf der Veranda findet, weiß sie mit untrüglicher Sicherheit, dass er »ihr Wolf« ist. Endlich können die beiden zusammensein – doch die Zeit läuft gegen sie, denn Sam hat nur noch diesen einen Winter in Menschengestalt …

Kommentar:
Da mir »Lamento«, der Erstling der Autorin, trotz der Lobeshymnen allerorten nicht besonders gefallen hat, wollte ich ja eigentlich kein Buch mehr von Maggie Stiefvater lesen. Nur weil Holly unbeirrt die Werbefahne für »Shiver« geschwungen hat und mir das Buch im Dezember zufällig für drei Euro in die Hände gefallen ist, hab ich schließlich doch zugeschlagen – zum Glück!

Shiver ist eine melancholische und äußerst gefühlvolle Geschichte über die Liebe zwischen einem Mädchen und einem Werwolfjungen, erzählt in sehr leisen Tönen und dennoch packend von der ersten bis zur letzten Seite.

Vor allem die Idee zu den Werwölfen ist frisch und war meines Wissens so noch nicht da: Ihre Gestalt hängt ab von der Umgebungstemperatur. Im Sommer leben sie als Menschen, im Winter als Wölfe. Je öfter sich ein Werwolf gewandelt hat, desto wärmer muss es sein, um wieder Mensch werden bzw. bleiben zu können; zudem ist die Anzahl der möglichen Gestaltwandlungen begrenzt und das Leben der Werwölfe endet zwangsläufig in Wolfsgestalt.

Genau das ist das Problem von Sam und Grace. Als sie aufeinandertreffen, weiß Sam, dass er zum letzten Mal in menschlicher Gestalt auftritt; seine nächste Verwandlung in einen Wolf wird endgültig sein. Aus diesem Grund ist ihr Zusammensein zu keinem Zeitpunkt unbeschwert, denn obwohl es eine Weile möglich ist, Sam vor der Kälte zu bewahren und einigermaßen warmzuhalten, damit er sich nicht verwandelt, wissen sie beide, dass das nicht dauerhaft möglich sein wird und ihre Zeit limitiert ist. Die beiden versuchen über weite Strecken, diese Tatsache auszublenden und bemühen sich, die kurze Zeit, die ihnen bleibt, zu nutzen so gut es geht, doch die Angst vor dem Verlust hängt zu jeder Zeit wie ein Damoklesschwert über ihnen. Umso intensiver erleben sie jeden Moment, den sie miteinander verbringen – ob in einem goldfarbenen Herbstwald, beim Lesen von Gedichten oder in einem Süßwarenladen.

Passend zur ruhigen Geschichte sind die beiden Hauptfiguren eher ernst und verschlossen, dabei aber sehr authentisch und sympathisch. Grace, deren Leben nach der Attacke sehr auf die Wölfe fixiert ist, verkriecht sich gerne mit ihren Büchern und erledigt den Haushalt, weil ihre Eltern sich weder darum noch um sie kümmern. Sam, der bereits als Kind gebissen wurde, hat als junger Werwolf einen Mordversuch seiner Eltern überlebt, die ihn für ein Monster hielten. Im Werwolf Beck und dem Rudel hat er zwar eine Ersatzfamilie gefunden, ein Trauma ist ihm aber geblieben. Im Gegensatz zur eher sachlichen Grace ist Sam der musische Mensch, für den Musik und Poesie ein wichtiger Teil des Lebens ist. Der Umgang zwischen Grace und Sam ist geprägt von großer Zärtlichkeit, stillschweigendem Verständnis und selbstloser Fürsorge; ihre körperliche Beziehung ist ebenfalls sehr liebevoll, und es sind die kleinen Gesten zwischen den beiden, die das Buch so besonders machen.

Dass ihre körperliche Beziehung über weite Strecken zudem relativ keusch ist, ist allerdings einer von zwei Punkten, die nur bedingt glaubwürdig sind: Grace und Sam sind siebzehn bzw. achtzehn Jahre und halten lange Zeit nur Händchen und tauschen zarte Küsse, obwohl sie ständig zusammen sind und sogar miteinander in einem Bett schlafen. Jugendfantasy hin oder her – das erscheint ziemlich realitätsfern. Ebenso schwer zu glauben fällt die Tatsache, dass Sam über einen längeren Zeitraum bei Grace im Haus leben und in ihrem Zimmer schlafen kann – und zwar vollkommen unbemerkt von Graces Eltern. Das ist mit der mangelnden Fürsorge und Egozentrik der Eltern nicht plausibel zu erklären. Angesichts der Stärken des Buches fallen diese beiden Punkte allerdings nicht wirklich ins Gewicht.

Fazit:
15/15 – Eines der besten und berührendsten Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe – einfach wunderschön.