Archive

[Rezension] Diana Rowland: Vom Dämon gezeichnet

OT: Mark of the Demon

Inhalt:
Als die Kommissarin Kara Gillian an einer Leiche die Symbole geheimer magischer Rituale entdeckt, ist ihr sofort klar, dass sie es nicht mit einem gewöhnlichen Mord zu tun hat. Die Tat wurde von einem Serienmörder begangen, der die Stadt Beaulac, Louisiana, schon einmal heimgesucht hat. Kara, die in ihrer Freizeit selbst Dämonen beschwört, sind die Symbole nur allzu vertraut. Und mit ihren magischen Fähigkeiten ist sie die Einzige, die den Mörder aufhalten kann. Doch da beschwört sie versehentlich einen Dämon von unvergleichlicher Macht und überirdischer Schönheit, der sie bis in ihre Träume verfolgt …

Kommentar:
»Vom Dämon gezeichnet« ist der Debütroman der amerikanischen Autorin Diana Rowland, die unter anderem als Polizistin, Kriminaltechnikerin und Assistentin in einer Leichenhalle gearbeitet hat. Sie hat daher Ahnung von dem, was sie schreibt – ihr Buch ist nämlich ein Urban-Fantasy-Krimi, in dem ein Serienkiller gejagt wird, der seine Opfer foltert und seltsame Symbole auf ihnen hinterlässt.

Die ermittelnde Kommissarin Kara Gillian ist trotz ihrer beruflichen Unerfahrenheit prädestiniert für diesen Fall, denn sie ist selbst eine Dämonenbeschwörerin und erkennt sofort die arkanischen Spuren auf den Opfern. Ihr ist deshalb relativ schnell klar, dass die Morde mit einer Dämonenbeschwörung in Verbindung stehen, auch wenn es eine Weile dauert, bis ihr die wahren Zusammenhänge klar werden und nicht mehr viel Zeit bleibt, um die Welt vor dem Untergang zu retten. Was die Sache nicht eben einfacher macht: Die Dämonenbeschwörer operieren im Geheimen, ihre Existenz ist nicht öffentlich bekannt; Kara kann deshalb nicht publik machen, was tatsächlich hinter den Morden steckt. Dennoch steht ihr ein Kollege zur Seite: Ryan Kristoff vom FBI, der selbst arkanische Fähigkeiten besitzt, aber nicht so leicht zu durchschauen ist und von dem nicht so ganz klar ist, ob er wirklich Freund, oder doch Feind ist.

Die dämonische Welt und das Denken und Handeln der Dämonen sind gut und verständlich dargestellt, doch natürlich bleibt es trotzdem schwierig, die üblichen menschlichen moralischen Maßstäbe nicht auch auf die Dämonen anzuwenden. Besonders trifft das auf den von Kara versehentlich beschworenen, überaus mächtigen Rhyzkahl zu, der irgendetwas mit den Morden zu tun zu haben scheint und ganz eigene Ziele verfolgt. Ebenfalls gut gelungen ist der Krimifall an sich: Obwohl er phasenweise mit einigem ziemlich planlosen Gerätsel seitens der Ermittler einhergeht, einige kleine Ungereimtheiten aufweist und mal wieder in einem unnötig dramatischen, klischeehaften Showdown mündet, ist er trotz seines fantastischen Aspekts solide, in sich schlüssig und unterhaltsam.

An einigen Stellen merkt man dem Buch aber doch das Debüt an. Manchmal sind Gedankengänge, Erkenntnisse und Schlussfolgerungen ziemlich rätselhaft; dafür verpasst man es an anderen Stellen, offensichtliche Schlüsse zu ziehen bzw. zu formulieren. Auffällig sind auch im Laufe des Buchs mehrfach erwähnte Sachverhalte und die Wiederholung von unmittelbar zuvor Gesagtem: In einem Fall hält Kara z.B. an, weil sie jemanden erkennt und mit ihm sprechen will. Sie parkt ihr Auto, steigt aus, begrüßt ihn den Bekannten und eröffnet dem Leser dann: »Ich lächelte ihn entspannt an. Ich kannte diesen Mann, deswegen hatte ich beschlossen, anzuhalten und mit ihm zu reden« (S. 255). Nicht zu übersehen ist darüber hinaus, dass Diana Rowland offenbar extrem figurfixiert ist; jede Person wird – mindestens beim ersten Auftritt – diesbezüglich beschrieben, wobei meist der Bauchumfang im Zentrum des Interesses steht: A hat einen Bauch, B hat keinen Bauch, Cs Bauch hängt über den Hosenbund, D hat einen beneidenswerten Sixpack, E hat ein Speckröllchen, F hat den Kampf gegen die Speckröllchen aufgegeben, G ist fett, H kämpft gegen den Bauch usw. An solchen Stellen wünsche ich mir Lektoren, die neutralisierend eingreifen.

Ein wenig zu mäkeln hab ich diesmal außerdem an der deutschen Ausgabe. Zum einen bezüglich der Verwendung des F-Worts, das mit »ficken« an den meisten Stellen viel zu ordinär und unpassend übersetzt ist; »to fuck« ist nicht (zwingend) mit »ficken« zu übersetzen! Außerdem erschließt sich mir nicht der Sinn darin, die direkten Gedanken der Ich-Erzählerin Kara durchgehend kursiv zu drucken. Das ist nicht nötig und hemmt den Lesefluss eher, als das Verständnis zu fördern.

Fazit:
10/15 – Trotz einiger Schwächen ein unterhaltsamer fantastischer Kriminalroman, der ein ganz vielversprechender Auftakt für eine neue Serie ist.

___

Serieninfo:
01 Mark of the Demon | Vom Dämon gezeichnet
02 Blood of the Demon | Vom Dämon versucht (Februar 2011)
03 Secrets of the Demon (Januar 2011)

[Rezension] Daniel Glattauer: Gut gegen Nordwind

Emmi und Leo, Teil 1

Inhalt:
Gibt es in einer vom Alltag besetzten Wirklichkeit einen besser geschützten Raum für gelebte Sehnsüchte als den virtuellen? Bei Leo Leike landen irrtümlich E-Mails einer ihm unbekannten Emmi Rothner. Aus Höflichkeit antwortet er ihr. Und weil sich Emmi von ihm angezogen fühlt, schreibt sie zurück. Bald scheint es nur noch eine Frage der Zeit zu sein, wann es zum ersten persönlichen Treffen kommt, aber diese Frage wühlt beide so sehr auf, dass sie die Antwort lieber noch eine Weile hinauszögern. Außerdem ist Emmi glücklich verheiratet. Und Leo verdaut gerade eine gescheiterte Beziehung. Und überhaupt: Werden die gesendeten, empfangenen und gespeicherten Liebesgefühle einer Begegnung standhalten? Und was, wenn ja?

Kommentar:

Leo über seine Ängste bzgl. eines Treffens:
»Wir starten von der Ziellinie weg und es gibt nur eine Richtung: zurück. Wir steuern auf die große Ernüchterung zu. Wir können das nicht leben, was wir schreiben. Wir können die vielen Bilder nicht ersetzen, die wir uns voneinander ausmalen. Es wird enttäuschend sein, wenn Sie hinter der Emmi zurückbleiben, die ich kenne. Und Sie werden dahinter zurückbleiben … «

Antwort Emmi:
»Und täglich sterben Hunderte Tierarten aus.«

Zum Einstieg ein kleines Outing: Ich kenne die Situation, die Emmi und Leo durchleben, sehr gut – und zwar aus erster und aus zweiter Hand. Insofern hat mich dieser E-Mail-Roman natürlich sehr interessiert und ich kann vollkommen nachvollziehen, wie es den beiden ergeht: Wie sie unverhofft aufgrund einiger schöner Worte und Kommentare ein Interesse aneinander entwickeln; wie schnell der Mailkontakt enger und essentieller Bestandteil des täglichen Lebens wird; wie sie sich schließlich ineinander verlieben, ohne das zu wollen; dass sie sich unbedingt treffen wollen, aber Angst davor haben, weil ein Treffen alles zerstören könnte; dass sie sich ab einem gewissen Punkt nur noch im Kreis drehen, weil nichts voran geht und die Situation immer unerträglicher wird; dass sie versuchen, sich zurückzuziehen und die selbstgeschaffene Distanzierung nicht lange durchhalten; dass am Ende eine Entscheidung getroffen werden muss, die einen reinen Online-Kontakt auf irgendeine Weise beendet. Die Entwicklung der Beziehung inklusive des fast besessenen Kreisens um das Thema Treffen und all der damit verbundenen Ängste halte ich für äußerst realistisch; Leo bringt es an einer Stelle auf die Frage, was er denn zu verlieren habe, wunderbar auf den Punkt: »Erstens: Sie. Zweitens: Mich. Drittens: Uns.«

Für weit weniger realistisch halte ich allerdings die Tatsache, dass sich ein Mann wie Leo – beziehungsgeschädigt, aber klug, sanft, gutaussehend, wortgewandt, manchmal etwas realitätsfern, verklärt und pathetisch (»Emmi schreiben ist Emmi küssen.«) und mit Hang zum Seelenstriptease nach zu viel Alkoholgenuss (»Welche Frauen mir gefallen? Frauen, die so aussehen, wie Sie schreiben.«) – ausgerechnet in eine Frau wie Emmi verliebt. Anfangs fand ich ihre scharfzüngige, zynische Art noch faszinierend und ziemlich amüsant, nach einer Weile allerdings ist sie mir nur noch auf die Nerven gegangen. Emmi vereint so ziemlich alle negativen Eigenschaften in sich, die ich absolut nicht leiden kann, sie ist: arrogant, zickig, aggressiv, schnippisch, unverschämt, egoistisch, eifersüchtig, taktlos, belehrend, vereinnahmend, paranoid, wankelmütig, oberlehrerhaft, neurotisch, herablassend, rechthaberisch, kindisch, melodramatisch, besitzergreifend, ständig stichelnd, negativ, oberflächlich (aussehensfixiert), manipulativ. Zudem ist sie eine dieser selbsternannten Männerversteherinnen mit feministischem Touch, die besser als jeder Mann wissen, wie Männer sind (sexfixiert, im Wesentlichen). Dass sie ihre beste Freundin Mia schlecht macht, lässt Emmi auch nicht gerade in meinem Ansehen steigen – bei allem Verständnis für Eifersucht.

Ich stand nach etwa siebzig Seiten da, fand die ganze Situation zwar realistisch, aber das ständige Kreiseln um die Frage »Wo soll das alles hinführen? Sollen wir uns treffen oder lieber nicht?« zu diesen Zeitpunkt auch schon ziemlich nervig. Ich hab die weibliche Hauptperson von Seite zu Seite mehr gehasst und mich permanent gefragt, wieso sich Leo nur so heftig in eine Frau verliebt, die das Zuckerbrot-und-Peitsche-Spielchen in konkurrenzloser Perfektion betreibt. (Wahrscheinlich ist die Frage falsch und genau dieses Verhalten macht sie so interessant für ihn.) Ich war wirklich kurz davor, das Buch abzubrechen, hab dann aber beschlossen, noch mal kurz ins hochgelobte Hörbuch reinzuhören, gelesen von Andrea Sawatzki und Christian Berkel. Was soll ich sagen; die beiden haben die Geschichte für mich gerettet – ich konnte gar nicht mehr aufhören und hab das Audiobook an einem Stück zuende gehört, so unterhaltsam fand ich den Vortrag der beiden. Das bedeutet nicht, dass Emmi ihre oben aufgezählten schlechten Eigenschaften abgelegt hätte, aber dank Sawatzkis Interpretation kommt die Figur im Hörbuch nicht mehr ganz so negativ bei mir an wie ich sie mir gelesen habe; Sawatzki macht sie erträglich. Und Berkel als Leo … der könnte mir ein Telefonbuch vorlesen und ich würde weiche Knie kriegen!

Zuletzt noch: Dass sich Emmi und Leo bis fast zum Schluss siezen, ist mehr als unrealistisch. Das würde in Internetzeiten im Rahmen einer solchen Kommunikation garantiert nicht passieren. Außerdem sind mir alle Beteiligten sprachlich zu gewandt und die Mails stilistisch reichlich hochgestochen. Mir ist klar, dass Leo Sprachforscher und deshalb rhetorisch sicher versiert ist, aber trotzdem wirkt die Kommunikation teilweise nicht sehr authentisch.

Fazit:
10/15 – Allerdings nur für die Hörbuchversion und die großartige Interpretation von Andrea Sawatzki und Christian Berkel. Dem Buch hätte ich wohl nicht mehr als 5–7 Punkte gegeben, weil mir der Draht zu Emmi komplett abging und die Geschichte bei aller Realitätsnähe ganz schön ermüdend war.

[Rezension] Lori Handeland: Wolfspfade

Originaltitel: Rising Moon
Nightcreature-Serie, Teil 6

Inhalt:
Seit ihre Schwester Katie spurlos verschwunden ist, befindet sich die Privatdetektivin Anne Lockheart auf der Suche nach ihr. Da stößt sie endlich auf einen entscheidenden Hinweis, der sie zu einem Jazzclub im French Quarter von New Orleans führt. Dessen Besitzer ist der attraktive John Rodolfo ein begnadeter Musiker, der etwas tief in Annes Seele anrührt. Doch sein regelmäßiges nächtliches Verschwinden weckt schon bald ihr Misstrauen. Allerdings ist es nicht so einfach, Johns Geheimnis zu lüften. Weitaus einfacher dagegen, seinem verführerischen Charme zu erliegen …

Kommentar:
Mit »Wolfspfade« hat Lori Handeland nach einem etwas schwächeren fünften Teil wieder zurück in die Spur gefunden. Erneut spielt das Buch im sehr stimmungsvoll beschriebenen New Orleans, wohin es Privatdetektivin Anne auf der Suche nach ihrer verschwundenen Schwester Katie verschlägt. Von ihrer Schwester entdeckt sie keine Spur; dafür erfährt sie von Polizist Sullivan, dass in der Mondsichelstadt seit längerer Zeit seltsame Dinge vor sich gehen: Zahlreiche Menschen werden auf bestialische Weise getötet und ihre Leichen verschwinden aus dem Leichenschauhaus. Auch wenn Anne es nicht recht wahrhaben will, muss sie erkennen, dass sie es hier mit übernatürlichen Kräften zu tun hat, von denen sie lieber nichts gewusst hätte. Außerdem verliebt sie sich Hals über Kopf in den blinden Nachtclubbesitzer John Rodolfo, und obwohl ihr klar ist, dass er ein Geheimnis verbirgt und mit den vielen Toten und Vermissten zu tun haben könnte, lässt sie sich auf ihn ein …

Wie schon in »Wolfsbann« hat man es mit Voodoo sowie den verschiedenen Formen von Werwölfen bzw. loup garous zu tun, was eine Reihe teils ein wenig ermüdende Erklärungen nach sich zieht. Im Vergleich zum Vorgänger passt diesmal aber das Verhältnis zwischen der Krimihandlung und der Liebesgeschichte wieder besser: Die Liebesbeziehung nimmt einen großen Stellenwert innerhalb der Geschichte ein; ihre besondere Dramatik bezieht sie aus der Frage, welches Geheimnis John verbirgt und ob er der gesuchte Mörder ist. Der Bogen, den Handeland am Ende hin zu vorherigen Bänden schlägt, war für mich ebenso überraschend wie genial, der Grund für Johns Veränderung allerdings nur bedingt nachvollziehbar. Etwas mehr Transparenz wäre an dieser Stelle wünschenswert gewesen – ebenso wie ein weniger überstürztes Ende.

Da sie ebenfalls in New Orleans leben, bleibt ein Wiedersehen mit der Voodoo-Priesterin Cassandra und Devon Murphy aus »Wolfsbann« sowie Diane und Adam Ruelle aus »Wolfsfieber« nicht aus. Ein Auftritt von Mandenauer (mit Dr. Elise Hanover im Schlepptau) darf selbstverständlich auch nicht fehlen; Mandenauer verhält sich diesmal allerdings ziemlich merkwürdig, er fuchtelt nämlich ausnahmsweise nicht mit seiner Waffe herum und bedroht pro forma alle, die ihm vors Gewehr kommen.

Es ist wirklich bemerkenswert, wie abwechslungsreich Handeland diese Serie gestaltet. Während andere Autoren die (fast) immer gleiche Geschichte mit anderen, aber ähnlichen Protagonisten erzählen, enthält jeder »Nightcreatures«-Band neue Facetten und teils etwas sperrige, aber immerhin individuelle Charaktere. Der Seriencharakter bleibt dank der bandübergreifenden Rahmenhandlung und der wiederkehrenden Figuren dennoch erhalten, die Bücher funktionieren aber trotzdem auch als Einzeltitel.

Fazit:
12/15 – Ein richtig guter Mix aus (Mystery-)Krimi und Liebesgeschichte mit sympathischen Protagonisten und toller Atmosphäre.

___

Serieninfo:
01 Blue Moon | Wolfskuss
02 Hunter’s Moon | Wolfsgesang
03 Dark Moon | Wolfsglut (Rezension)
04 Crescent Moon | Wolfsfieber (Rezension)
05 Midnight Moon | Wolfsbann (Rezension)
06 Rising Moon | Wolfspfade (Rezension)
07 Hidden Moon
08 Thunder Moon
09 Marked by the Moon (11/2010)
10 Moon Cursed (03/2011)
11 N.N. (11/2011)

[Rezension] Alex Flinn: Beastly

Originaltitel: Beastly

Inhalt:
Kyle Kingsbury ist eine Bestie, die nachts durch New York streift – ein hässliches Monstrum. Doch Kyle war nicht immer so. Er war mal ein Junge, mit dem jeder andere gerne getauscht hätte, ein gutaussehender, reicher und bei vielen Mädchen beliebter Kerl. Doch er war auch arrogant, eingebildet und überheblich. Zur Strafe wurde er dazu verflucht, dieses grässliche Biest zu sein – jetzt kann nur noch die Liebe diesen Fluch brechen.

»Ich bin eine Bestie. Eine Bestie. Kein Wolf oder Bär, kein Gorilla oder Hund, sondern eine entsetzliche Kreatur mit aufrechtem Gang – ein Wesen mit Reißzähnen und Klauen. Aus jeder Pore sprießen mir Haare. Ich bin ein Monster. Du glaubst wohl, ich erzähle Märchen? Falsch. Ich lebe in New York. In der Gegenwart. Ich bin keine Missbildung, bin nicht krank. Aber ich werde für immer so bleiben – bin ruiniert – es sei denn …«

Kommentar:
Schon vor Monaten hab ich bei Holly die Kritik zu »Beastly« gelesen, aber trotz eines gewissen Interesses beschlossen, erst mal die Finger von dem Buch zu lassen. Der Trailer zum Film hat meine Aufmerksamkeit erneut auf das Buch gelenkt, und da gerade die deutsche Ausgabe erschienen ist, konnte ich – trotz einiger Skepsis – nicht wiederstehen.

Wie unschwer zu erraten ist, ist »Beastly« eine moderne Aufarbeitung des »Die Schöne und das Biest«-Stoffes: Der Protagonist wird von einer Hexe wegen seines bösartigen Charakters verflucht und kann nur durch einen Kuss seiner wahren Liebe gerettet werden. Das Biest ist hier Kyle Kingsbury, ein reicher, gutaussehender, aber vollkommen oberflächlicher Junge. Er ist ein arroganter Selbstdarsteller, der keinerlei moralische Werte besitzt und sich gerne auf Kosten anderer profiliert. Von seinen Mitschülern bekommt er die Aufmerksamkeit, die ihm seine Eltern versagen: Die Mutter hat die Familie verlassen und meldet sich nie, der Vater ist ein berühmter Nachrichtensprecher, der nur für seine Arbeit lebt und seinen Sohn mit materiellen Dingen für die mangelnde Liebe zu entschädigen versucht. Es passt ins Bild, dass Kyles Vater den Jungen zusammen mit einer Haushälterin und einem Privatlehrer in eine abgeschottete Villa abschiebt, nachdem der Fluch ihn zu einem Monster gemacht hat und klar ist, dass Schönheitsoperationen oder andere medizinische Behandlungsmethoden hier nicht helfen; so einen Sohn kann er nicht brauchen. Angesichts seines Umfelds ist es wirklich kein Wunder, dass Kyle ist, wie er ist.

Kyle, zu diesem Zeitpunkt noch ganz der Alte, probiert zunächst auf seine eigene Weise, den Fluch auszuhebeln: Als erstes versucht er sein Glück mit seiner aktuellen Freundin, die aber dummerweise ebenso oberflächlich ist wie er selbst und die längste Zeit seine Freundin war, nachdem sie seiner monströsen Erscheinung angesichtig wurde. Anschließend macht er sich mit einem gefälschten Userprofil im Internet auf die Suche nach einem passenden Mädchen – nur um festzustellen, dass der schöne Schein nicht nur in der realen, sondern auch in der virtuellen Welt trügt. Schließlich kapituliert er und arrangiert sich mit dem Gedanken, den Rest seines Daseins als Biest zu verbringen und in der Villa eingesperrt zu sein. Zum Zeitvertreib stürzt er sich in die Zucht von Rosen und entwickelt erstmals in seinem Leben Verantwortungsbewusstsein und eine echte Leidenschaft.

Rein zufällig versucht der Vater einer Mitschülerin, die Kyle nur sehr flüchtig kannte, in die Villa einzubrechen – und Kyle erpresst den Mann, ihm seine Tochter zu schicken. Der Kleinkriminelle hat wenig Skrupel, dem Biest seine Tochter zu überlassen, damit er nicht ins Gefängnis muss, und so zieht Lindy bei dem Jungen ein – Kyles letzte Hoffnung und seine einzige Chance, den Fluch zu brechen.

Im Zentrum der Geschichte, die ausschließlich aus Kyles Sicht erzählt wird, steht natürlich die langsame Änderung des Protagonisten, die durchaus nachvollziehbar dargestellt ist. Besonders gut finde ich, dass Kyle sich zwar zum Guten hin ändert, aber dennoch am Ende nicht als völlig weichgespülter und selbstloser Typ rüberkommt, sondern immer noch ein wenig manipulativ ist und nicht alles mit sich machen lässt. Lindy wirkt neben ihm ein wenig blass, obwohl sie fraglos eine liebenswerte Figur ist, und leider ist auch die Darstellung von Kyles wachsender Liebe zu ihr nicht so ganz gelungen: Man erfährt als Leser nämlich zwar darüber, kann es aber nicht fühlen – die großen Emotionen bleiben aus. Das ist ein wenig schade, denn diese hätten der phasenweise etwas vor sich hinplätschernden Geschichte vielleicht den besonderen Kick geben können, der ihr – sicher nicht zuletzt angesichts des allseits bekannten Ausgangs – fehlt.

Total klasse sind die eingestreuten »Chats für ungewollte Gestaltänderung« zu Beginn eines jeden größeren Abschnitts, die von »Mr. Anderson« moderiert werden und an denen verwandelte Märchenfiguren teilnehmen. Neben »BeastNYC« sind das die unglückliche kleine Meerjungfrau »SilentMaid«, »Grizzlyguy«, der seine liebe Not mit Schneeweißchen und Rosenrot hat, sowie »Froggie«, der zwar mit seinen Schwimmhäute nicht vernünftig tippen, aber immerhin den Gameboy einer Prinzessin aus dem Tumpel retten kann. Die Dialoge zwischen den verhexten Leidensgenossen sind wirklich witzig – von denen hätte ich gerne mehr gehabt.

Fazit:
11/15 – Die moderne Aufarbeitung des »Die Schöne und das Biest«-Stoffes für Jugendliche bietet richtig gute Unterhaltung, allerdings fehlt ihr das gewisse Etwas.

[Rezension] Lucie Flebbe: Hämatom

2. Teil der Lila-Ziegler-Serie

Inhalt:
»Mein Name ist Lila Ziegler, ich habe mindestens zwei verschiedene Aufputschmittel und jede Menge Alkohol zu mir genommen …« – Lila Ziegler macht mal wieder keine halben Sachen. Nachdem sie zwei Wochen daran gearbeitet hat, ihren Beziehungsschmerz zu betäuben, begibt sie sich in eine Klinik zur Entgiftung. Dort fällt ihr eine Putzfrau auf, deren Arm ein auffälliges Hämatom ziert. Nur ein paar Tage später wird Lila Zeugin, wie die junge Frau an einem Herzinfarkt stirbt. Lilas Neugier ist geweckt: War das wirklich ein natürlicher Tod? Dreist bewirbt sie sich auf die frei gewordene Stelle der Abteilungsleitung in der Putzkolonne und bald bietet sich ihr ein sehr widersprüchliches Bild von der Verstorbenen: liebevolle Mutter oder nymphomanisches Flittchen? Hilfsbereite Kollegin oder karrieresüchtige Zicke? Als Privatdetektiv Ben Danner in der Klinik auftaucht, muss sich Lila endlich ihm und ihrer eigenen Geschichte stellen. Gleichzeitig kristallisiert sich ein handfestes Motiv für einen Mord heraus …

Kommentar:
Lila Ziegler ermittelt wieder – diesmal über weite Strecken ohne Danner, wegen dem sie unter heftigem Liebeskummer leidet. Nachdem sie sich eine Weile mit Drogen und Alkohol abgeschossen hat, landet sie schließlich im Krankenhaus, wo ihr eine junge Putzfrau mit auffälligem Hämatom auffällt. Nicht viel später stirbt die Reinigungskraft an einem Herzinfarkt, doch Lila kommt die Sache seltsam vor. Nicht zuletzt, um sich von ihren eigenen Problemen abzulenken, erschleicht sie sich die frei gewordene Stelle der Verstorbenen, um herauszufinden, ob Janna wirklich eines natürlichen Todes gestorben ist.

Wie schon im ersten Teil der Serie gibt es auch hier wieder einige Unglaubwürdigkeiten, vor allem was Lilas Einstellung als Leiterin der Putzkolonne angeht. Zudem geht die Neu-Detektivin auch in ihrem neuen Fall nicht besonders geschickt: Auf die ihr eigene, wenig subtile Weise befragt sie alle möglichen Zeugen und Verdächtigen und legt sich in Windeseile mit den falschen Leuten an – kurzum: Sie tut alles, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und als verdeckte Ermittlerin aufzufliegen. Dennoch gilt, was auch für »Der 13. Brief« galt: Trotz solcher Ungereimtheiten macht das Buch Spaß. Es ist zwar etwas weniger humorvoll als Band 1, und der Fokus liegt diesmal mehr auf dem Fall als auf Lila und den anderen Figuren, aber das schadet nicht – im Gegenteil: Der neue Fall ist überzeugender als der erste, denn er ist deutlich spannender und glaubwürdiger. Und Lila ist und bleibt trotz einiger seltsamer Verhaltensweisen und Angewohnheiten eine tolle Heldin mit trockenem Humor und einer manchmal recht eigenen Sicht der Dinge.

Ein wenig schade fand ich, dass die merkwürdig-charmante Hausgemeinschaft von Lila, Danner und Molle so in den Hintergrund gerückt wurde und dass Molle ebenso wie Lilas Freundinnen aus Band 1 und Kommissar Staschek nur einen Kurzauftritt hatten, es besteht aber berechtigte Hoffnung, dass sich das im nächsten Band wieder ändert.

Nach wie vor gewöhnungebedürftig ist die Einbindung der wörtlichen Rede in den Text, z.B.: »›Ich wollte euch erst bekannt machen‹, schwitzte Herold.«, S. 69. Sowas lässt mich immer wieder stolpern und ist für mich einfach sinnentstellend: Sätze werden m.E. nicht herausgeschwitzt, ebenso wenig wie sie gezwinkert oder genickt werden. Ich bin mir nicht sicher, ob sowas noch als stilistische Eigenheit durchgeht oder schlicht falsch ist.

Fazit:
11/15 – Ein netter Krimi, bei dem die Mischung zwischen Handlung und Figuren ausgewogener ist als noch beim Vorgänger.

___

Serieninfo:
01 Der 13. Brief (Rezension)
02 Hämatom (Rezension)

[Rezension] Lucie Klassen: Der 13. Brief

1. Teil der Lila-Ziegler-Serie

Inhalt:
Die 20-jährige Lila entscheidet sich zu einem radikalen Schnitt: Statt, wie von ihren Eltern gewünscht, ihr Jurastudium in Münster anzutreten, steigt sie in Bochum aus dem Zug, um dort ein selbstbestimmtes Leben zu beginnen. Mittels eines Tricks erschleicht sie sich bei Privatdetektiv Danner zunächst nur einen kostenlosen Schlafplatz, dann aber sogar einen Job. Denn Danner, eigentlich ein notorischer Einzelgänger, steckt mit seinem jüngsten Fall in der Sackgasse: Die erst 16-jährige Eva hat in ihrer Schule Selbstmord begangen. Im Auftrag seines Freundes Staschek, dessen Tochter mit der Toten befreundet war, soll Danner nun die Hintergründe ermitteln. Doch obwohl er sich als Sportlehrer in die Schule einschmuggeln konnte, findet er nichts über das Motiv des Freitods heraus. Unversehens findet sich Lila auf der Schulbank wieder und nicht nur ihre Gefühlswelt gerät in Gefahr …

Kommentar:
Das Debüt von Lucie Klassen (inzwischen Flebbe), für das die Autorin 2009 mit dem Friedrich-Glauser-Preis in der Kategorie »Bester Erstlingsroman« ausgezeichnet wurde, lässt mich mit zwiespältigen Gefühlen zurück. Einerseits hat mich das Buch mit seinen tollen, wenn auch sehr eigenen Figuren und dem Erzählstil nämlich sehr gut unterhalten; andererseits ist die Handlung nicht wirklich überzeugend.

»Der 13. Brief« steht und fällt mir seiner Hauptfigur Lila Ziegler, die zunächst einfach nur ein aufsässiges Mädchen aus gutem Hause zu sein scheint, im Laufe der Geschichte aber ihren schwierigen Hintergrund offenbart. Auf ihrem Selbstfindungstrip in Bochum erlebt sie erstmals wie es ist, wenn sich jemand um einen kümmert und wenn man verliebt ist, außerdem schließt sie zum ersten Mal in ihrem Leben Freundschaften – die allerdings dummerweise auf einer Lüge basieren, denn ihre Aufgabe ist es, ihre neuen Freundinnen über den Tod von Eva auszuhorchen. Entsprechend glaubwürdig sind auch die Selbstzweifel, die Lila immer wieder befallen, wenn sie einem der Mädchen eine Lügengeschichte auftischt, um etwas über Evas Selbstmord herauszukriegen. Obwohl sie manchmal ziemlich sarkastisch, dreist und anstrengend ist, ist Lila ingesamt eine sehr charmante und authentische Heldin.

Ebenso glaubwürdig sind die beiden Herren, die sich Lilas annehmen: Kneipenwirt Molle und Privatdetektiv Danner. Molle ist die gute Seele des Buchs und der Fels in der Brandung – er gibt Lila einen Job, Essen und sorgt für einen Schlafplatz. Danner hingegen ist weniger nett: Er will Lila am liebsten sofort wieder loswerden und ist ein echtes machohaftes Raubein; eigentlich ist er genau so, wie man sich einen abgehalfterten, schlecht gelaunten und dennoch charismatischen Privatdetektiv vorstellt. Und auch bei den restlichen Nebenfiguren beweist Flebbe viel Abwechslungsreichtum und ein sehr gutes Händchen – sowohl bei den Lehrern als auch bei den Schülern, unter denen sich zwar einige sonderbare Charaktere tummeln, die es jedoch normalerweise an jeder Schule wirklich gibt.

Weniger überzeugend als die Personen ist – wie bereits angesprochen – die Handlung. Schon Danner kommt mir in seiner Rolle als Aushilfssportlehrer nur bedingt glaubwürdig vor. Dass dann aber auch noch die tatsächlich 20-jährige Lila als 16-Jährige von einem Tag auf den anderen ohne irgendwelche Dokumente oder Eltern/Erziehungsberechtigte mal eben in einer Schule angemeldet werden kann, wo sie trotz ihrer Unerfahrenheit als verdeckte Ermittlerin tätig werden soll, ist wirklich wenig wahrscheinlich. Ebenso wenig wahrscheinlich ist, dass sie als vier Jahre jüngeres Mädchen durchgeht (während sie sich übrigens an anderer Stelle ebenso problemlos für sechs Jahre älter ausgibt) und von Evas Freundinnen sofort akzeptiert wird, denn Mädchen in diesem Alter schließen meiner Erfahrung nach nicht so schnell neue Freundschaften. Und dass Lila nach der Schule ständig zusammen mit Danner in der Gegend herumzieht und Leute befragt, scheint mir auch nicht gerade ein effektives Vorgehen zu sein, um die Tarnung aufrechtzuerhalten. Der Fall an sich mit all seine Verwicklungen ist letztendlich etwas konstruiert und nur bedingt glaubwürdig, alles in allem aber trotzdem ganz spannend.

Stilistisch ist das Buch im Zusammenspiel zwischen Erzähltext und wörtlicher Rede bisweilen etwas eigen (um es mal vorsichtig zu formulieren). Immer wieder findet man Konstruktionen wie: »›Sie hat sich allein mit ihm im Keller getroffen!‹, wurde sie dann sofort wieder wütend.«, S. 181, oder: »Sein Blick wurde so kalt, dass mir ein Schauer über den Rücken kroch: ›Wenn du nicht sofort die Biege machst, fliegst du raus, ist das klar?‹«, S. 183. Davon abgesehen ist der Roman aber flüssig, humorvoll und extrem unterhaltsam geschrieben.

Fazit:
10/15 – Ein Buch, das viel Charme hat und gute Unterhaltung bietet, wenn man nicht allzu intensiv über die Handlungs-/Logikmängel nachdenkt.

___

Serieninfo:
01 Der 13. Brief (Rezension)
02 Hämatom (Rezension)

[Rezension] Lisa Kleypas: Es begann in einer Winternacht

Devil in Winter
Wallflower-Quartett, Teil 3

Inhalt:
Sebastian, Lord St. Vincent, hat den Ruf eines Frauenhelden – und doch ist er der Einzige, der die scheue Erbin Evangeline vor ihren geldgierigen Verwandten retten kann. Mutig macht sie dem in einer finanziellen Krise steckenden Viscount einen Heiratsantrag. Allerdings unter einer Bedingung: keine erotischen Annäherungen nach der Hochzeitsnacht! Denn niemals will Evangeline zu den Damen gehören, denen der charmante Lord das Herz gebrochen hat. Aber schon auf der winterlichen Reise zur Trauung in Gretna Green sprühen die Funken der Leidenschaft. Als sie einander in der eiskalten Kutsche wärmen, erwacht heißes Begehren …

Kommentar:
Die Leseprobe zu diesem Buch in »It Happened One Autumn« (dt.: Herbstfeuer/Der Earl und die Erbin) war ein extrem wirksamer Teaser – weshalb der Griff zu Band 3 der Wallflower-Serie eine Frage der Zeit war. Das Buch knüpft praktisch unmittelbar an die Ereignisse der Vorgängerbandes an, insofern macht es Sinn, die Bücher nach Möglichkeit in der richtigen Reihenfolge zu lesen; natürlich funktioniert das Buch aber auch für sich genommen, es macht nur nicht ganz so viel Spaß.

Das Buch startet ohne jedes Vorgeplänkel mit Evangeline Heiratsantrag an Viscount St. Vincent, der zwar einigermaßen überrumpelt ist, aber aufgrund seiner finanziellen Lage kaum eine Wahl hat als das Angebot der reichen Erbin anzunehmen. Da Evangelines habgierige Verwandte ihr auf den Fersen sind und die Zeit drängt, besteigen Evie und Sebastian kaum eine Stunde später eine Kutsche nach Gretna Green, um dort ihre Zweckehe zu schließen. Doch schon unterwegs kommen sich die beiden näher, und der Viscount entwickelt eine Fürsorge, die ein Evie ein ungekanntes Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit hervorruft.

Frisch verheiratet zurück in London, quartieren sich Evie und Sebastian im Spielclub von Evies Vater Ivo Jenner ein (an den sich Kleypas-Leser evtl. aus dem Buch »Roulette des Herzens«/»Dreaming of You« erinnern). Während Evie sich aufopferungsvoll um ihren sterbenden Vater kümmert, übernimmt Sebastian direkt das Kommando über den Club, um diesen wieder auf Vordermann zu bringen. Darüber hinaus steht er aber auch Evie in ihrer Trauer bei und unterstützt bzw. beschützt sie, wo er nur kann. Die Umstände schweißen die beiden mehr und mehr zusammen, bis sie sich schließlich trotz aller Ängste zueinander bekennen. Man hat es also mit einem typischen »Vernunfts- wird Liebesehe«-Plot zu tun, der solide umgesetzt ist, sich an einigen Stellen aber doch ein wenig zieht. Für meinen Geschmack gab es zudem zu viele lebensbedrohliche Situationen – zumal ich die Rachegelüste des ehemaligen Angestellten Bullard nicht überzeugend fand. Sehr interessant hingegen war der Blick auf die medizinischen Ansichten und Behandlungsmethoden der damaligen Zeit.

Einmal mehr überzeugend sind die Figuren. Die reiche Evangeline, die von ihren geldgierigen Verwandten misshandelt wird und dazu gezwungen werden soll, ihren Cousin zu heiraten, handelt aus purer Verzweiflung als sie Sebastian die Hochzeit vorschlägt, obwohl sie ihn auf den Tod nicht ausstehen kann. Zunächst hält man sie für eine schwache Person, doch schon bald erweist sie sich als überraschend willensstark, stur, entschlossen und absolut dazu in der Lage, Sebastians Eskapaden mit der nötigen Ruhe zu begegnen. Sie denkt nicht daran, sich weiterhin herumschubsen zu lassen und bietet Sebastian Paroli, wo sie nur kann; gleichzeitig ist sie aber eine sehr liebevolle, fürsorgliche Figur. Sebastian hingegen, der bereits in »Herbstfeuer« eine tragende Rolle gespielt und versucht hat, die Verlobte seines besten Freundes zu entführen, ist eigentlich der ultimative Bösewicht. Er ist egozentrisch, rücksichtslos, durch und durch unmoralisch und sehr stolz darauf. Sein ausschweifendes Leben aufzugeben, kommt für ihn nicht in Frage – aber Evie verlangt das ja auch gar nicht von ihm, weshalb die finanziell einträgliche Ehe nur Vorteile für ihn bringt. Womit St. Vincent allerdings nicht rechnet: Dass Evie ungekannte Gefühle in ihm weckt und ihn verändert. Bereits auf der Reise nach Gretna Green beginnt seine Wandlung, die sich in kleinen fürsorglichen Gesten spiegelt und später zu Eifersuchtsanfällen führt. Sein ausgeprägter Beschützerinstinkt und das starke Besitzdenken lassen ihn bisweilen ziemlich herrisch wirken, trüben aber seinen Charakter nicht, zumal Evies Wohl für ihn immer im Vordergrund steht und seine Angst glaubwürdig wirkt.

Die Auftritte der anderen Mauerblümchen sind in diesem Buch leider relativ gering gehalten, der grandiose Lord Westcliff spielt aber eine größere Rolle und ist gewohnt hinreißend. Überdies wird in diesem Buch Cam Rohan eingeführt, der Halbblut-Roma und künftige Protagonist dem Buch »Mine Till Midnight«. Er ist das Faktotum in Jenners Spielclub und Auslöser für die eine oder andere Eifersuchtsszene; außerdem küsst er Mauerblümchen Nummer 4, Daisy Bowman. Mich würde brennen interessieren, ob es Kleypas’ ursprünglicher Plan war, Daisy und Cam im letzten Band der Serie zusammenzubringen, bevor sie sich entschlossen hat, mit dem Roma die neue Hathaway-Serie zu starten. So oder so: Es ist wirklich grandios, wie elegant Kleypas ihre Bücher miteinander verknüpft!

Fazit:
12/15 – Erneut ein richtig guter Roman aus der Feder von Lisa Kleypas, von dem ich mir allerdings aufgrund des überragenden Anfangs noch mehr versprochen hatte; zwischenzeitlich wirkte die Geschichte etwas überladen und zäh.

___

Serieninfo:
01 Secrets of a Summer Night | Geheimnisse einer Sommernacht
02 It Happened One Autumn | Herbstfeuer (Cora)/Der Earl und die Erbin (Mira) (Rezension)
03 The Devil in Winter | Es begann in einer Winternacht (Rezension)
04 Scandal in Spring | Frühlingsküsse
05 A Wallflower Christmas

Außerdem gibt es Verbindungen zur Hathaway-Serie und dem Einzeltitel »Again the Magic« (dt. »Und ewig brennt das Feuer«).

[Rezension] Charlaine Harris: Tod in Shakespeare

Originaltitel: Shakespeare’s Landlord
1. Teil der Lily-Bard-Serie

Inhalt:
Lily ist 31 Jahre alt wohnt im kleinen, scheinbar harmlosen Ort Shakespeare in Amerikas verschlafenem Süden und verdient ihr Geld mit Putzen. Ihr Hobby ist Karate. Sie ist Einzelgängerin und achtet streng auf ihre Unabhängigkeit. Denn sie hat große Angst davor, dass irgend jemand die Geheimnisse ihrer Vergangenheit entdeckt.

Kommentar:
»Tod in Shakespeare« ist der erste Band der fünfteiligen Lily-Bard-Serie – und der einzige, der hierzulande übersetzt wurde. Da das Buch bereits 2004 erschienen ist, gehe ich auch nicht davon aus, dass noch was nachkommt; möglicherweise ist die Serie hinter den Verkaufserwartungen zurückgeblieben, was mich aufgrund des nichtssagenden Klappentextes nicht wirklich wundern würde.

Lily Bard lebt seit einigen Jahren zurückgezogen im Südstaatennest Shakespeare, wo sie trotz eines Collegeabschlusses als Putzfrau arbeitet. Als sie eines Nachts auf einem ihrer Spaziergänge beobachtet, wie die Leiche des Hausverwalters entsorgt wird, gerät sie in eine Zwickmühle: Soll sie den Toten einfach im Park liegen lassen oder das Verbrechen melden und damit riskieren, dass die Polizei in ihrem Privatleben herumwühlt, das sie bislang so sorgfältig geschützt hat? Sie entscheidet sich für einen anonymen Anruf, befindet sich damit aber dennoch im Visier des Polizisten Claude Friedrich, der ahnt, dass Lily es war, die ihn alarmiert hat. In der Folge wird sie nicht nur mit ihrer schlimmen Vergangenheit konfrontiert, sondern sie gerät außerdem von einer bedrohlichen Situation in die nächste. Das hindert sie aber nicht daran, ihre eigenen Nachforschungen darüber anzustellen, wer den Hausverwalter auf dem Gewissen hat.

»Tod in Shakespeare« ist trotz des Titels eigentlich nicht wirklich ein Krimi: Der Mord ist nur von untergeordneter Bedeutung und seine Aufklärung läuft eher nebenbei ab; dennoch ist der Fall solide und plausibel. Im Zentrum des Buches steht die Vergangenheitsbewältigung der Zynikerin Lily, die sich mit Putzjobs finanziell über Wasser hält und versucht, ihre Ängste durch Fitness- und Karatetraining in den Griff zu kriegen. Sie ist eine manchmal distanziert wirkende und ziemlich komplexe, aber sehr interessante Figur, die in diesem Band der Serie ihre ersten Schritte in ein neues, freieres Leben macht.

Man lernt aber nicht nur Lily kennen, sondern auch zahlreiche ihrer Kunden. Die Ausarbeitung der Kleinstadtszenerie mit ihren teils etwas merkwürdigen Bewohnern und deren Beziehungen untereinander ist wesentlicher Bestandteil der Geschichte, weshalb die Handlung sich manchmal etwas zieht. Das Buch erweckt den Eindruck eines typischen Einführungsbandes einer durchkonzipierten Serie, für die hier erst mal die Grundvoraussetzungen geschaffen werden müssen – notwendig, aber zum Teil ein wenig zäh. Hinzu kommt, dass die Informationsflut bisweilen schwer zu überschauen ist und die Vielzahl der Personen schwer auseinanderzuhalten sind; das gibt sich aber im Laufe der Zeit.

Fazit:
10/15 – Trotz einiger Abstriche ein gutes Buch, das vor allem von seiner tragischen Heldin lebt.

___

Serieninfo:
01 Shakespeare’s Landlord | Tod in Shakespeare
02 Shakespeare’s Champion
03 Shakespeare’s Christmas
04 Shakespeare’s Trollop
05 Shakespeare’s Counselor

[Rezension] Ilona Andrews: Die Nacht der Magie

Originaltitel: Magic Bites
Kate Daniels/Stadt der Finsternis, Teil 1

Inhalt:
Kate Daniels verdient ihr Geld damit, übersinnliche Phänomene zu bekämpfen. Bewaffnet mit ihrem Schwert Slayer und ihren magischen Fähigkeiten macht sie auf den Straßen Atlantas Jagd auf Vampire und andere finstere Kreaturen. Ihr Leben nimmt jedoch eine unerwartete Wendung, als ihr Freund Greg ermordet wird. Bei der Suche nach dem Täter stößt Kate auf Ungereimtheiten: Neben Gregs Leiche wird ein geköpfter Vampir gefunden, und alles deutet darauf hin, dass bei der Tat nekromantische Magie im Spiel war. Hat womöglich der geheimnisvolle Curran, der Anführer der Gestaltwandler, etwas mit dem Ganzen zu tun?

Kommentar:
»Die Nacht der Magie« ist der erste Teil der Urban-Fantasy-Serie »Stadt der Finsternis« des Autorenpaars Ilona und Andrew Gordon. Im Zentrum steht die Magierin Kate Daniels, die in Teil 1 den Mord an ihrem Mentor Greg aufklären muss. Dabei geht es ziemlich blutrünstig und wenig kriminalistisch zu; klassische Ermittlungsmethoden wie Spurensuche, zielgerichtete Befragungen und daraus resultierende logische Schlussfolgerungen treten deutlich hinter viel Action in Form von zahlreichen Kampfspektakeln und dem Aufbau der Fantasywelt zurück.

Das magische Atlanta von Kate Daniels ist interessant, aber auch komplex, sodass ich einige Probleme hatte, diese Welt zu erfassen. Obwohl nicht gerade wenig Zeit auf die Erklärung und Wirkungsweise von Magie in ihren verschiedenen Facetten und all der Wesen mit ihren besonderen Fähigkeiten verwendet wird, konnte ich – zumindest stellenweise – nur bedingt folgen, und es blieben einige Fragen offen. Das mag aber auch damit zusammenhängen, dass das Eintauchen in die Welt von Kate bedeutet, sich von einigen Vorstellungen hinsichtlich klassischer mythologischer Wesen zu verabschieden. Das gilt zum Teil für die Gestaltwandler, ganz besonders aber für die Vampire, die hier nur ferngesteuert werden und mit menschlichen Wesen nicht mehr viel zu tun haben.

Hervorragend gelungen und durchweg überzeugend sind sämtliche Figuren, ob Mensch, Magier oder Gestaltwandler. Ganz besonders gilt das für die Protagonistin Kate, die ein echtes Problem mit Autoritäten hat und deshalb als Söldnerin magisches Gefahrengut aller Art beseitigt. Sie kann extrem starke Magie wirken und metzelt sich mit ihrem Zauberschwert »Slayer«, das regelmäßig gefüttert werden muss, durch die Welt. Dabei hat sie immer einen sarkastischen Spruch auf den Lippen und sorgt für einige amüsante Dialoge mit Freund und Feind; phasenweise zeigt sie aber auch ihre empfindsame, fürsorgliche Seite, was sie weniger unnahbar macht. Um ihre Herkunft, in der ganz offensichtlich der Grund für ihre starke magische Macht liegt, rankt sich ein Geheimnis, das in diesem Buch noch nicht aufgeklärt wird.

Fazit:
10/15 – Ein unterhaltsames Buch mit tollen Figuren, für meinen Geschmack allerdings mit einem zu hohen Actionanteil und zu ausführlichem Weltenaufbau. Band 2 der Serie werde ich in jedem Fall lesen; manchmal brauche ich ja etwas, um mich in eine neuen Fantasywelt einzufinden.

___

Serieninfo:
01 Magic Bites | Die Nacht der Magie (Rezension)
02 Magic Burns | Die dunkle Flut (Rezension)
03 Magic Strikes | Duell der Schatten
04 Magic Mourns (novella in »Must Love Hellhounds«-Anthology) | –
05 Magic Bleeds | Magisches Blut (Januar 2011)

[Rezension] Mary Balogh: A Secret Affair

The Huxtables, Book 5

Inhalt:
Hannah, ein Mädchen vom Land, hat mit neunzehn Jahren den sagenhaft reichen, aber viel älteren Duke of Dunbarton geheiratet. Nach seinem Tod zehn Jahre später und einer einjährigen Trauerzeit, ist die Herzogin endlich frei, und sie ist entschlossen, ihre Freiheit auszukosten. Ihr vordringlicher Wunsch ist es, sich einen Liebhaber zu nehmen – und sie hat auch schon jemandem im Augen: Constantine Huxtable, den illegitimen Sohn eines Earls, der einen ebenso teuflischen Ruf hat wie Hannah selbst …

Kommentar:
»A Secret Affair« ist der letzte Band der fünfteiligen Serie um die Huxtable-Familie, in dem es um Constantine geht, den undurchsichtigen Cousin der vier Huxtable-Geschwister, die in den ersten Teilen unter die Haube gebracht werden. Wie viele andere Fans der Serie habe ich Constantines Geschichte bereits nach seinen Auftritten im ersten Band herbeigesehnt; umso größer war die Gefahr einer Enttäuschung.

Tatsächlich startet das Buch wenig ansprechend, was vor allem mit der Figur der Duchess of Dunbarton zusammenhängt. Sie hat beschlossen, Constantine zu ihrem Liebhaber zu machen, und weil sie immer bekommt, was sie will, setzt sie alles daran, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen. Sie ist berechnend, selbstherrlich, unterkühlt und über alle Maßen herrisch – mit anderen Worten: eine der schrecklichsten und unsympathischsten Liebesromanheldinnen, die man sich vorstellen kann. Constantine, der zunächst ein wenig blass wirkt, durchschaut ihr Spiel von Anfang an; seine Reaktion darauf ist zwiespältig: Einerseits lässt er sich darauf ein, andererseits hält er aber auch dagegen, weshalb es zuächst vorrangig um Kontrolle, Macht und Manipulation geht – nicht gerade mein bevorzugtes Thema bei einem Liebesroman.

Im Verlauf der Handlung aber, etwa mit Beginn des zweiten Drittels, wandelt sich dann das Bild mehr und mehr. Constantine erkennt, dass Hannah – ebenso wie er selbst – einige Geheimnisse mit sich herumträgt, und er erlebt einige Überraschungen, als er diese aufdeckt. Schritt für Schritt lernt er eine andere Hannah kennen, die Hannah, die hinter der Maske der eingebildeten Schönheit verborgen ist und die der Öffentlichkeit normalerweise verborgen bleibt: eine warmherzige, gefühlvolle Frau. Im Gegenzug offenbart er Hannah seine eigenen Geheimnisse, die ein neues Licht auf seine Figur werfen.

Vom schwachen Start abgesehen ist das Buch einfach ganz typisch Balogh, zumal der Plot im Grunde der gleiche ist wie bei den vier vorherigen Huxtable-Büchern. »A Secret Affair« erzählt von einer wachsenden Liebe zwischen zwei starken Persönlichkeiten, die aus einem zunächst eher praktisch motivierten Arrangement das Beste machen. Innovativ ist die Geschichte mit anderen Worten zwar nicht wirklich, aber sie ist gut erzählt und beinhaltet interessante und glaubwürdige Protagonisten – nachdem sie erst mal ihre Masken abgelegt haben und ihr wahres Ich zeigen. Ebenfalls typisch Balogh ist, dass es – obwohl sich das Buch zunächst vorrangig um eine Affäre dreht – keine nennenswerten Sexszenen gibt, und dass der Wert von Familie und Freundschaft betont wird. So begegnet man natürlich auch den anderen Huxtables nebst ihrem Anhang wieder, die zum Teil gewichtige Auftritte haben und den Seriencharakter unterstreichen; die fünf Bücher sind allerdings problemlos auch unabhängig voneinander lesbar (wobei ich davon ausgehe, dass sie dann etwas weniger Spaß machen).

Fazit:
11/15 – Nach einem schwachen Start aufgrund der sehr eigenen Persönlichkeit der Herzogin, entwickelt sich das Buch mehr und mehr zu einer typischen Balogh-Geschichte, die alles in allem sehr solide Liebesromanunterhaltung bietet.

___


Serieninfo: The Huxtables:
01 First Comes Marriage (Rezension)
02 Then Comes Seduction (Rezension)
03 At Last Comes Love (Rezension)
04 Seducing an Angel (Rezension)
05 A Secret Affair (Rezension)