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[Rezension] Nora Melling: Schattenblüte

Die Verborgenen, Buch 1

Inhalt:
Seit dem Tod ihres Bruders ist für Luisa nichts mehr, wie es war. Sie beschließt zu sterben. Aber kurz vor dem letzten Schritt hält jemand sie auf: Thursen nennt sich der Junge mit den geheimnisvollen Schattenaugen. Mit einer Gruppe Jugendlicher lebt er im Wald, und er spürt Luisas Schmerz. Die »Verborgenen« können ihre Gestalt ändern: Sie sind Werwölfe. Mit jeder Verwandlung wird Thursen mehr zum Tier – und die Erinnerungen an sein vorheriges Leben verblassen. Bald wird er ganz Wolf sein. Dann hat Luisa auch ihn verloren. Für ihre große Liebe würde sie alles tun. Doch reicht das, um Thursen zu retten?

Kommentar:
Ich war sehr gespannt auf den Debütroman der deutschen Autorin Nora Melling, als ich die Ankündigung gesehen habe, zumal mich die Beschreibung sofort an »Shiver« (dt. »Nach dem Sommer«) erinnert hat. Tatsächlich gibt es einige Parallelen zwischen den beiden Büchern – allerdings ist »Schattenblüte« leider nicht mal halb so gut wie Stiefvaters Roman.

Dem obigen Klappentext ist inhaltlich eigentlich nicht viel hinzuzufügen, im Gegenteil: Er gibt fast schon eine Spur zu viel preis, weshalb man als Leser mehr weiß als Protagonistin Luisa selbst, die erst im Laufe der Handlung herausfindet, dass Thursen und seine Freunde Werwölfe sind. Elementar für die Handlung ist die Tatsache, dass die Werwölfe nicht unbegrenzt oft ihre Gestalt wechseln können, sondern dass sie mit jeder Verwandlung mehr zum Wolf werden und jedesmal ein Stück der Erinnerung an ihr menschliches Dasein verlieren – bis sie irgendwann Wolf bleiben. Als Luisa Thursen kennenelernt, steht dieser bereits kurz vor der endgültigen Verwandlung; nur sie hält ihn noch im menschlichen Leben. Dass ein unbeschwertes Zusammensein insofern zu keiner Zeit möglich ist, versteht sich von selbst.

Hinsichtlich dieser stark getrübten Liebesbeziehung und der Suche nach einem Ausweg gleicht das Buch »Shiver« frappierend; die Ähnlichkeiten hören hier aber auch schon auf. Denn während Sam und Grace in »Shiver« versuchen, die knapp bemessene gemeinsame Zeit trotz aller Trauer und Ängste zu genießen und wunderschöne intensive Momente zusammen erleben, sind Luisa und Thursen permanent am Zanken und trennen sich gefühlte 84 Mal, nur um dann doch wieder zusammenzukommen und gemeinschaftlich zu lamentieren. Dem Buch geht jede für den Leser nachvollziehbare Emotion zwischen den Protagonisten völlig ab, vielleicht geht sie auch in all den sprachlichen Absonderlichkeiten verloren. Positive Gefühle werden kaum vermittelt, stattdessen ist »Schattenblüte« fast durchgehend düster und depressiv.

Möglicherweise liegt die Tatsache, dass ich mit dem Buch so gar nichts anfangen konnte, im Wesentlichen an den Protagonisten, denen ich nicht das Geringste abgewinnen konnte. Thursen nehme ich den Anführer der im Berliner Grundewald lebenden Werwölfe überhaupt nicht ab; er bleibt letztendlich blass und wirkt die ganze Zeit sehr unentschlossen bezüglich seiner Zukunft: Er möchte eigentlich trotz seiner Liebe zu Luisa gar nicht wirklich in sein menschliches Dasein zurück. Luisa ist allerdings nicht bereit, das zu akzeptieren: Nachdem er sie davon abgehalten hat, Selbstmord zu begehen und ihr das Versprechen abgenommen hat, es nie wieder zu versuchen, soll er mal schön auch im Leben bleiben – das muss sie ja schließlich auch. Dementsprechend drängt sie ihn, sich auf die Suche nach seinen Wurzeln zu machen, die ihn retten können.

Luisa ist ein wirklich schwieriger Charakter, was angesichts ihrer Vergangenheit zugegebenermaßen kein Wunder ist. Nach dem Tod ihres kleinen Bruders Fabi haben die zutiefst verstörten Eltern alle Brücken in Hamburg abgebrochen und sind nach Berlin gezogen, wo sie mit wenig durchschlagendem Ergebnis versuchen, ein neues Leben zu beginnen. Luisa fühlt sich dadurch um die Möglichkeit gebracht, sich mit der Trauer um Fabi auseinanderzusetzen und sein Grab zu besuchen, und ihre ohnmächtigen, mit der Situation heillos überforderten Eltern sind alles andere als hilfreich für einen Neustart. Luisa ist eigentlich permanent erfüllt vom Gedanken an Fabi; ihre Trauerarbeit ist neben der Beziehung zu Thursen zentrales Thema das Buchs. Es ist insofern nur natürlich, dass sie sich an Thursen klammert und dass sie verbittert, verstört und traurig ist – aber das Verständnis für ihre Situation macht sie trotzdem nicht zu einer Heldin, die ein solches Buch tragen kann.

Zu alledem kommt dann noch ein sehr eigentümlicher Stil mit äußerst seltsamen Satzkonstruktionen. Die Sprache ist einfach, die Sätze sind vielfach sehr kurz, oft auch ohne Subjekt aneinandergereiht, wobei vorher bereits benutzte Worte wiederholt oder aufgenommen und mit einer Vielzahl von Synonymen oder Wörtern aus der gleichen Wortfamilie angereichert werden (»Die Hoffnung wächst, blüht, wuchert. Überwuchert jeden Zweifel.«, S. 135). Das Bemühen um Metaphorik ist unverkennbar, und an manchen Stellen sind die Bilder sogar gelungen, in dieser Masse wirkt das alles aber völlig übertrieben und mühsam konstruiert. Teilweise wirkt es einfach nur so bemüht, dass es albern ist: »Sein Gesicht, sein krähengraues Gesicht mit den Bleiglanzaugen kommt näher, und ich weiß, bin ihm ausgeliefert, kann mich niemals gegen ihn wehren.« (S. 98) oder noch viel schlimmer: »Ich drehe wieder um. Nehme meine Schulranzen, trage ihn in die Wohnung und werfe ihn in die Ecke. Er fällt auf die Seite, springt auf und erbricht Bücher und leere Hefte.« (S. 205) Ich will diesen Stil nicht verteufeln, er ist aber definitiv nicht mein Ding. Wer glaubt, dass er Freude an einem Buch voller Sätze wie dem folgenden haben kann, kann bei »Schattenblüte« getrost zugreifen!

Er presst seinen Mund fast schmerzhaft auf meinen. Ich habe die Augen geschlossen und fühle nur noch ihn überall. Seine Schultern unter meinen klammernden Händen. Seine Arme um mich, sein Atem auf meiner Wange. Rieche und schmecke ihn. Er ist meine ganze Welt. Und ich bin seine. So soll es sein. Wir küssen uns als sei es das letzte was wir tun auf dieser Welt. Berühren, fühlen, schmecken uns, als würden nur noch heute die Vögel singen, die Bäume wachsen, die Sonne scheinen. Als wäre der flammende Meteorit, der die Erde zerschlägt, schon zu uns unterwegs. (S. 130)

Fazit:
4/15 – Wenig sympathische Figuren agieren in einer eigentlich ziemlich dünnen Geschichte, die trotz des Themas keine nachvollziehbaren Emotionen vermittelt – geschweige denn beim Leser erzeugen kann. Der höchst eigentümliche Stil der Autorin trägt seinen Teil dazu bei, dass mich das Buch eher genervt als unterhalten hat.

13 Kommentare zu [Rezension] Nora Melling: Schattenblüte

  • Das klingt sprachlich sehr nach Stephenie Meyer, deren „Oh Edward“-Sätze waren deinem Zitat nicht unähnlich. Übrigens: Danke für das Protokoll der Grausamkeiten, Teil 2. Made my day :-D

  • Danke für diese Rezension! Sie sagt mir definitiv, dass ich das Buch NICHT kaufen werde!!!
    Alleine die Tatsache, dass es stellenweise „Shiver“ (ich finde das Buch toll!!) so ähnlich ist und dann depressive Grundstimmung…nee, das brauch ich beim Lesen echt nicht!!!
    Du hast mich definitiv vor einem Fehlkauf bewahrt, denn ich denke, ich wäre enttäuscht gewesen. Die Zitate halten mich zusätzlich auch davon ab, denn ich mag es nicht, wenn zu viel Metaphorik eingesetzt wird!

  • Marie: Ehrlich, schreibt Meyer so? Ich hab die Bücher zwar gelesen, ich kann mich aber nicht erinnern, dass mir ihr Stil so anstrengend vorkam … *denk*

    Anna-Lisa: Ehrlich gesagt zwickt mich bei dieser schlechten Besprechung wirklich mal mein Gewissen, weil es das Debüt einer deutschen Autorin ist. Ich bin nur froh, dass du schon vorher weniger gute Rezensionen kanntest und ohnehin schon skeptisch warst.

  • Weißte, bei dem Buch ist es so: ich würde es eigentlich schon gerne selbst lesen und mir ein Bild machen, aber 14,95 Euro sind mir dafür zu teuer, dass ich schon einige schlechte bis mittelmäßige Rezensionen dazu gelesen habe. Würde es zwischen 5-7 Euro kosten, hätte ich mich vielleicht hinreißen lassen…aber nicht für das Geld!

  • Kann ich verstehen, Anna-Lisa – ginge mir an deiner Stellen genauso! :)

  • „Ehrlich gesagt zwickt mich bei dieser schlechten Besprechung wirklich mal mein Gewissen, weil es das Debüt einer deutschen Autorin ist.“

    Das finde ich gerade wirklich interessant: Warum zwickt dich unter diesern Umständen dein Gewissen? Du schreibst deine Meinung und machst deutlich, warum dieses Buch nicht dein Fall ist. Und so sollte da gar nichts zwicken! Auf der anderen Seite gibt es bestimmt auch Leser, die diesen Stil mitreißend finden … ;)

    • Ehrlich gesagt… Ich mag diesen ScheribstiL! Bei Nach dem Sommer konnte ich nicht mehr… Ich denke, ich finde den toll, weil ich in ähnlicher Weise schreibe. Wie du sagtest, entweder man mag dies oder nicht. Generell mag ich depressive Bücher auch, von daher ;). Eine tolle Website!

      • Hallo und herzlich willkommen, Charlousie! Schön, dass du hierher gefunden hast und dass es dir gefällt! :)

        Zum Schreibstil: Ich war am Anfang des Buches auch noch ganz angetan vom Stil, aber dann wurde es mir einfach zu viel. Hab ich das jetzt richtig verstanden, »Nach dem Sommer« hat dir stilistisch nicht gefallen?

  • Keine Ahnung, warum es so ist. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich deutsche Autoren grundsätzlich lieber unterstützen als kritisieren würde – und bei einem Debüt erst recht.

  • Natürlich ist es schöner, wenn man ein (deutsches) Debüt loben kann – aber das sollte dir trotzdem kein schlechtes Gewissen machen, wenn das mal nicht der Fall ist. ;)

    Viel interessanter finde ich übrigens immer die Frage, ob man auch den zweiten oder dritten Roman einer Autorin noch loben kann. Es ist doch ein Unterscheid, wenn jemand schon veröffentlicht ist und keine unendliche Zeit mehr zum Schreiben des nächsten Buches hat. ;)

  • Na gut, dann dreh ich meinem Gewissen jetzt den Hahn ab! ;)

    Was du über Folgeromane sagst, stimmt natürlich. Es gab ja schon viele aufsehenserregende Debüts, deren Qualität anschließend nie wieder erreicht wurde. Trotzdem ist es natürlich auch nicht besser, wenn das Debüt so wenig überzeugend ist, dass keiner weitere Bücher des Autors haben will!

  • Stimmt, aber ich kann mit einem „ganz netten“ Debüt gut leben, wenn die Hoffnung besteht, dass die Bücher danach immer besser werden. Manchmal kann man das ja nach dem ersten Buch schon hoffen – und bei einigen Autoren bestätigt sich das sogar. ;)

  • Stimmt absolut, und »ganz nett für ein Debüt« ist auch ein Urteil, nach dem ich einer Autorin noch eine Chance gebe (s. Tessa Dare). Nur trifft »ganz nett« hier leider nicht so wirklich zu …

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