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[Rezension] Jennifer Crusie: Die Naschkatzen

Originaltitel: Welcome to Temptation

Inhalt:
Von Ruhe auf dem Lande kann keine Rede sein: Als die Schwestern Sophie und Amy Dempsey einen Kurzfilm in dem verschlafenen Nest Temptation in Ohio drehen wollen, wirbeln sie viel Staub auf. Die wohlanständigen Bewohner hegen abenteuerliche Vermutungen, was das Thema des Films anbelangt, und sehen die Moral der Gemeinde gefährdet. Als sich der Bürgermeister Phineas Tucker in Sophie verliebt, scheint der Skandal perfekt. Und dann wird auch noch eine Leiche gefunden …

Kommentar:
Susi ist schuld, dass ich mich mit diesem Buch rumgequält habe – ich hab auf ihren Sommerlektürentipp gehört! Aber gut, vielleicht ist das die ausgleichende Gerechtigkeit dafür, dass ich ihr »Kiss the Cook« von Jacquie D’Alessandro und einen neuen Versuch mit Lisa Kleypas aufgequatscht habe; beides ein Schlag ins Wasser für sie! ;)

Das Ärgernis fängt schon mit Titel und Cover an. Normalerweise bin ich als Nackenbeißer-Leserin diesbezüglich ja ziemlich hart im Nehmen und greif das Thema gar nicht mehr auf, aber hier möchte ich doch mal die Frage in den Raum stellen, was sich der Verlag wohl dabei gedacht hat, das Buch »Die Naschkatzen« zu nennen und prominent Kirschen aufs Cover packen? Kirschen kommen immerhin in Form einer bedruckten Küchentapete vor, wobei sich nur leider im Laufe der Zeit herausstellt, dass die Kirschen gar keine Kirschen, sondern verunglückte Äpfel sind. Von Naschkatzen ist hingegen weit und breit nichts zu sehen, weder in zwei- noch in vierbeiniger Gestalt, und Essen spielt nicht mal eine untergeordnete Rolle in diesem Buch. Warum also überträgt man nicht einfach den Originaltitel ins Deutsche und nennt das Buch »Willkommen in Temptation«? Ein hübsches Ortsschild dazu, evtl. ein bisschen Landschaft – fertig ist die Sache. Das wäre sicher nicht übermäßig originell, aber immerhin auch nicht völlig daneben.

Nun aber zu den wirklich wesentlichen Dingen, zunächst zur Handlung. Erwartet hatte ich eigentlich ein lustiges, vielleicht skurriles Buch, gekriegt hab ich gähnende Langeweile. Die Geschichte ist ein Mischmasch aus unterschiedlichsten Themen, als da wären: die schwierige Familiensituation der Geschwister Dempsey, die unerquickliche Mutter-Sohn-Beziehung zwischen Bürgermeister Phineas und seiner Mutter Liz, die bürgerliche Spießigkeit und Prüderie sowie der Kampf ums Bürgermeisteramt in einer amerikanischen Kleinstadt, eine Mordaufklärung und natürlich die Beziehung zwischen Sophie und Phineas. Mit einem Wort: Die Handlung ist heillos überladen. Dennoch hätte man wohl was daraus machen können; gerade die spießbürgerlichen Einwohner hätten jede Menge Angriffspunkte liefern können, um einen netten Rahmen für eine schöne Liebesgeschichte zu bilden. Stattdessen bietet uns die Autorin jede Menge Unsinnigkeiten, schreckliche Sexszenen und ausnahmslos furchtbare, nervige Figuren.

Protagonistin Sophie hat nach dem frühen Tod der Mutter die Verantwortung für ihre beiden jüngeren Geschwister übernommen und ihre eigenen Bedürfnisse seit jeher zurückgesteckt. Während Bruder Davy inzwischen in L.A. herumgaunert, betreibt Sophie gemeinsam mit ihrer Schwester Amy ein kleines Filmstudio, das Hochzeiten und andere Festivitäten für Privatpersonen dreht. Amy kommt dabei der kreative, innovative Part zu, während Sophie fürs solide Handwerk verantwortlich ist. Das entspricht auch dem Charakter der beiden Schwestern: Sophie ist vernünftig, superspießig und prüde, Amy hingegen ach so locker, spontan und emotional. Tatsache ist: Beide Frauen sind auf ihre ganz eigene Weise unsympathisch. Amy macht, was sie will, und Sophie nickt es resigniert ab. Dieses Muster gipfelt darin, dass Amy beschließt, nach L.A. zu gehen, um dort eine große Nummer im Filmgeschäft zu werden. Nicht nur dreht sie zu diesem Zweck einen Dokumentarfilm, der die geheimen Sexbeichten ihrer Schwester enthält, sondern sie schließt darüber hinaus auch noch eigenmächtig das seit Jahren gemeinsam betriebene Geschäft der beiden – zu ihrer beider Wohl, wie sie betont, denn sie möchte, dass auch Sophie frei ist, etwas anderes, neues anzufangen. Das Bekloppteste daran ist aber noch nicht mal Amys Vorgehen und Vertrauensbruch; nein, viel schlimmer ist die Tatsache, dass Sophie sich gar nicht weiter darüber aufregt, sondern es einfach so akzeptiert, statt zu toben – was die natürliche Reaktion wäre. Andererseits erweist sich die Geschäftsaufgabe letztendlich tatsächlich als sehr praktisch, denn dann muss Sophie auch nichts aufgeben, wenn sie nach Temptation umsiedelt. Welch grandioses Konstrukt der Autorin!

Aber zurück zu Sophies Prüderie. Wie so oft wird die verklemmte Hauptperson durch eine dumme Bemerkung aufgerüttelt und veranlasst, alles anders machen zu wollen. Diesmal reicht die Unterstellung, Sophie sei »geschlechtslos«, aus, um eine Komplettwandlung der 32-jährigen herbeizuführen: Sie ist daraufhin nämlich der Meinung, sich und der Welt beweisen zu müssen, dass sie nicht geschlechtslos, sondern ein heißer Feger ist. Vor dem ersten Sex muss sie die traute Zweisamkeit noch mal kurz mittendrin unterbrechen, um ihren langweiligen Freund telefonisch abzuschießen, den sie keinesfalls betrügen kann; anschließend kann ihre Erweckung aber beginnen. In Windeseile wandelt sie zum Sexmonster – nachdem ihr grandioser Lover erst mal ihre leicht exhibitionistischen und masochistischen Neigungen erkannt hat.

Der hilfreiche Herr, der für Sophies sexuelle Emanzipation verantwortlich ist, nennt sich schrecklicherweise Phineas. Also bitte, Phineas! Wie um alles in der Welt kann man denn einen Liebesromanhelden Phineas nennen? Da fallen mir sofort Harrys Ausführungen darüber ein, dass man mit Männern mit gewissen Namen keinesfalls großartigen Sex haben kann. (»So ein Sheldon hilft dir bei der Einkommenssteuer (…), aber kräftiges Auf und Ab ist nicht seine Stärke. Das liegt am Namen: ›Gibs mir, Sheldon! Du Bestie, Sheldon! Mach mich fertig, Sheldon! Klingt nicht.‹«) Nun gut, zugegeben, Phineas kann offenbar trotz seines Namens mit großartigem Sex dienen. Und überhaupt ist der Bürgermeister, gerne verächtlich als »Bürgersöhnchen« bezeichnet, das genaue Gegenteil von Sophie: selbstbewusst, welterfahren, sexuell aufgeschlossen und überaus versiert, darüber hinaus außerdem extrem überzeugt von sich. Kurzum: Er ist unerträglich. Ganz besonders dann, wenn er sich mal wieder bis zum Erbrechen mit seinen Fähigkeiten als Liebhaber brüstet und nach Belobigungen heischt (»Sag danke, Phin.«, S. 178). Außer Sexgott ist er noch Buchhändler ohne Profil, begnadeter Hobbyheimwerker, alleinerziehender Vater und unamitionierter Bürgermeister, der das Amt nur seiner Mutter zuliebe ausübt. Überhaupt spielt seine Mutter eine wesentliche Rolle in seinem Leben, er steht nämlich vollkommen unter ihrer Fuchtel und wohnt mit seiner kleinen Tochter bei ihr, seit er sich von seiner inzwischen verstorbenen Frau getrennt hat. Doch nicht nur, weil er mit Mitte 30 immer noch bei seiner Mutter wohnt, ist er mir suspekt; ich kann mich nicht an eine Szene im ganzen Buch erinnern, in der er mir auch nur ansatzweise sympathisch gewesen wäre.

Zwischen diesen beiden merkwürdigen Hauptfiguren entspinnt sich eine ebenso seltsame Beziehung, wobei völlig unklar ist, was sie eigentlich voneinander wollen und wie/ob sich ihr Verhältnis zueinander entwickelt. Phineas sagt jedem, der es hören will (oder auch nicht), dass er nur Sex will, und Sophie behauptet dasselbe; so ganz kauft man ihnen das aber nicht ab. Dennoch: Zwischen den beiden hätte sich vielleicht nie was getan, würde nicht Sophies schurkischer Bruder Davy auftauchen und die Dinge in die Hand nehmen. Nachdem er zunächst extrem hasserfüllt auf Phin reagiert, beschließt er irgendwann urplötzlich und ohne jeden ersichtlichen Grund, dass die beiden füreinander geschaffen sind. Er redet also zunächst der wehrhaften Sophie ein, dass Phin ihr Mann ist, und schlägt dann peinlicherweise auch noch bei Phineas auf, um ihm bei einer gepflegten Partie Pool, die eingehendst beschrieben wird, mit markigen Worten deutlich zu machen, dass Sophie ihn will. »Meine Wahl wärst du nicht, aber Sophie will dich, und deshalb wirst du sie heiraten.« Wie schön, wenn man einen Bruder hat, der sich um alles kümmert, eh? Blöderweise ist Phineas nicht so einfach zu überzeugen, aber der Stein ist ins Rollen gebracht – zumal dieser durchschlagenden Argumentation ja nun wirklich nichts entgegenzusetzen ist. Man nähert sich also an, doch kurz, bevor man zusammenkommt, müssen noch ein paar alberne Konflikte her, die in einem bösen Streit gipfeln. Das drohende Happy-End wird zugunsten von ein bisschen mehr Drama also erst mal abgewendet – als wär das Buch nicht eh schon lang genug!

Wir haben da ja nämlich noch eine dritte Erzählerin neben Phineas und Sophie, eine gewisse Rachel. Sie ist zwanzig und will raus aus Temptation, weshalb sie sich erst an Amy und Sophie und schließlich an den Pornoproduzenten Leo hängt und uns mit ihrem uninspiriertem Blick aufs Geschehen behelligt – warum diese Erzählperspektive überhaupt existiert, ist mir völlig schleierhaft. Überdies ist da noch die Geschichte vom Homecoming-Film der Schauspielerin Clea zu erzählen, den Amy und Sophie in Temptation drehen sollen, und der sich im Laufe der Handlung zu einem Porno wandelt und die Stadt ins Chaos stürzt. Und natürlich gilt es auch, den Mord an Cleas erpresserischem Exmann Zane aufzuklären, für den jeder Bewohner der Stadt verantwortlich zu sein glaubt und dessen Leiche vor dem Fund ordentlich in der Gegend herumgeschleppt wurde. Unter anderem auch von den Dempsey-Geschwistern; Amy hat die Leiche nämlich am Steg gefunden, an dem am nächsten Tag gedreht werden soll. Damit er die Dreharbeiten nicht behindert, hat sie ihn mit Davys Hilfe flugs in den Duschvorhang eingewickelt und fortgeschafft. (Sagte ich schon mal, dass ich es hasse, wenn die Figuren so dermaßen dumm handeln?!) Als wäre das immer noch nicht genug, trachtet auch noch jemand Sophie nach dem Leben – man darf wirklich froh sein, dass Phineas auf der Suche nach Sophies Widersacher nicht unter die Räder kommt und/oder seine Tochter entführt, Davy verhaftet und Amy vom Sheriff schwanger wird. Irgendjemand hat die Autorin am Ende wohl doch bezähmt, bevor sie weitere Verwicklungen einbringen konnte.

Dafür kriegen wir es mit einer Vielzahl verunglückter (dummer) Sprüche zu tun, die vermutlich witzig sein sollen, sowie mit einer Vielzahl seltsamer Dialoge, bei denen gerne mal zwischen verschiedenen Themen hin- und hergesprungen wird und denen man deshalb nicht oder nur bedingt folgen kann. Teilweise wirken die Gespräche schlicht unfertig und nicht durchdacht, an manchen Stellen drängt sich allerdings auch der Verdacht auf, dass die Übersetzung für das Chaos verantwortlich sein könnte. Dies wirkt nämlich teils etwas holprig; möglicherweise ist der Witz des Originals unterwegs verloren gegangen.

Fazit:
5/15 – Doofe Figuren, überladene Handlung, kaum Witz – mein erster Crusie war nicht gerade ein Glücksgriff.

9 Kommentare zu [Rezension] Jennifer Crusie: Die Naschkatzen

  • Langsam fällt mir auf, dass ich deine negativen Rezensionen lieber lese als die positiven, weil ich da immer so furchtbar viel lachen muss! :D
    Danke für diese wunderbar sarkastisch-humorvolle Rezension, die mich immer noch zum Grinsen bringt!

  • Evi

    *lol* Köstliche Rezi!
    Das leidige Thema „deutscher Titel“ – ich frage mich immer wieder, wie die gefunden werden…
    Ich hab ja kürzlich mal „Naschkatze“ von Meg Cabot gelesen, das hatte auch nix mit Naschkatzen zu tun. Und dann war da noch ein wirklich süßes Kätzchen auf dem Titelbild, das aber auch rein gar nix mit der Story zu tun hatte. Wobei wir beim anderen leidigen Thema wären, nämlich „Covergestaltung“…

  • Ich kann Lisa nur zustimmen, ich liebe es, deine Verrisse zu lesen! :D

    Zum Thema Cover und Titel wurde schon so viel gesagt – und trotzdem kann man sich immer noch so schrecklich aufregen! *grumpf*

  • Soll ich euch was sagen? Mir machen die Verrisse auch am meisten Spaß. Sollte man das etwa merken? ;)

  • Ach, nur so ein bisschen … dein Schreibstil ist dann schon ein wenig schmissiger. *g*

  • Na das war aber mal ein totaler Flop! Ich hoffe, du konntest inzwischen wieder mit dem Zähneknirschen aufhören. Zur Ehrenrettung des Helden muß ich aber wenigstens noch sagen, daß er im Original nicht bei seiner Mutter wohnt, sondern in einer Wohnung über seinem Büchergeschäft ;-)

  • Oh weia, echt jetzt? Dann wohnt nur die Tochter bei seiner Mutter? Ich hatte das so verstanden, dass beide dort wohnen, und er so ne Art »Notunterkunft« in der Buchhandlung eingerichtet hat. Da hab ich wohl was überlesen bzw. falsch interpretiert. Wirklich besänftigen tut mich diese »Wendung« aber auch nicht; das Buch macht das auch nicht besser! ;)

  • Joa, ein bisschen merkt man schon, dass du dich da voll ins Zeug wirfst :D Ich freue mich schon auf den nächsten Flop xD

  • Ehrlich gesagt werf ich mich gar nicht mehr ins Zeug als bei anderen Rezensionen; offenbar gehen mir Verrisse aber leichter von der Hand! ;)

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