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[Rezension] Isabel Abedi: Whisper

Inhalt:
Eine unwirkliche Stille liegt über Whisper, dem alten Haus, drückend und gefährlich. Als Noa es das erste Mal betritt, ist sie gleichermaßen ergriffen von Furcht und neugieriger Erwartung. Doch niemand außer ihr scheint zu spüren, dass das alte Gebäude ein lang gehütetes Geheimnis birgt …

Kommentar:
Nachdem ich im Herbst letzten Jahres so begeistert von »Lucian« war, hab ich mir direkt auch »Whisper« besorgt, das 2006 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert war und dessen Beschreibung mich sehr angesprochen hat. Wie es halt so geht, stand das Buch trotzdem eine ganze Weile im Regal; jetzt hab ichs aber endlich wieder hervorgekramt – dank des SuB-Losverfahrens.

Im Zentrum der Geschichte steht die 18-Jährige Noa aus Berlin, die mit ihrer Mutter Kat, einer berühmten Schauspielerin, und deren schwulem Freund Gilbert den Sommer in einem Haus auf dem Land verbringt. Sofort bemerkt das Mädchen die unheimliche Atmosphäre in dem alten Gemäuer; sie fühlt sich beobachtet und nimmt immer wieder einen fremden Duft wahr. Als eines Abends beim Gläserrücken der Geist eines toten Mädchens namens Eliza erscheint, das behauptet, in dem alten Bauernhaus ermordet worden zu sein, hat Noa keine Zweifel, dass die Erscheinung echt ist. Gemeinsam mit David, einem Jungen aus dem Dorf, macht sie sich auf die Suche nach dem Mörder, stößt bei den Dorfbewohnern aber auf eine Mauer des Schweigens. Angetrieben von Elizas Erscheinungen geben sie aber dennoch nicht auf, und decken schließlich lang gehütete Geheimnisse auf.

»Whisper« ist eigentlich eine ganz klassische Grusel- bzw. Geistergeschichte, die das altbekannte Motiv aufgreift, dass der Geist eines Ermordeten so lange am Tatort gefangen ist, bis der Mörder gefasst wird. Das Buch startet entsprechend schaurig, doch die Gänsehautstimmung verliert sich im Laufe der Handlung zwischen der Liebesgeschichte zwischen Noa und David, dem ewig schwelenden Mutter-Tochter-Konflikt, der Emanzipation bzw. Selbstfindung Noas und der wenig planvollen Mördersuche. Hinsichtlich der Mordaufklärung bleiben einige Fragen offen, zum Beispiel die nach dem Grund für die extreme Handlungsweise des Mörders früher. Auch erschießt sich nicht, warum die vorgestellten Dorfbewohner so verschlossen sind und so handeln und reagieren, wie sie es tun; ein paar Seiten mehr, um die Nebenfiguren und die Konstellationen zwischen ihnen besser beleuchten zu können, hätten dem Buch wahrscheinlich gut getan. Ingesamt konnte mich die Handlung nicht recht fesseln, ich musste mich phasenweise wirklich zum Weiterlesen zwingen bzw. konnte mich nicht zum Weiterlesen durchringen; es kam einfach keine Spannung auf.

Obwohl den meisten Nebenfiguren aber eine gewisse Tiefe fehlt, sind sie grundsätzlich ganz interessant angelegt – wenn auch nicht zwingend sympathisch. Letzteres gilt insbesondere für Noas exzentrische Mutter Kat, die – bis auf wenige Ausnahmen – durchgehend unerträglich ist (das scheinen Mütter in Abedis Bücher gemeinsam zu haben). Ehrlich gesagt erschien mir die Figur überdies nur bedingt glaubwürdig, weil sie viel zu extrem und klischeebeladen ist. Nicht alle Schauspieler sind Exzentriker und lieben es, sich in Ruhm, Bewunderung und Berühmtheit zu sonnen; im Gegenteil: Die echten Größen (und eine solche scheint Kat ja zu sein) haben das gar nicht nötig. Wie es kommt, dass der parapsychologisch interessierte schwule Gilbert, offensichtlich Vaterfigur für Noa und Kat, weil er so wunderbar besonnen, unaufgeregt und verlässlich ist, mit dieser Frau befreundet ist, erschließt sich nicht.

Noa und David, die Hauptfiguren, sind hingegen gut gelungen. Noa ist ganz sympathisch, wenngleich relativ introvertiert und bisweilen etwas zickig. Ihr Charakter ist deutlich geprägt von der dominanten Mutter, die nie für sie da war, und einem Erlebnis mit einem Jungen, das ihr nicht gerade Vertrauen ins männliche Geschlecht gegeben hat. Dass sie sich dennoch in den ruhigen, manchmal etwas verschlossenen und aggressiv auf persönliche Fragen reagierenden David verliebt, der sich so aufopferungsvoll um seinen Familie und seinen behinderten Bruder kümmert, passt. Der Verlauf ihrer Beziehung, Noas langsame Öffnung, ist wirklich sehr gefühlvoll und glaubwürdig dargestellt.

Den einzelnen Kapiteln sind Tagebucheinträge von Eliza vorangestellt, dem ermordeten Mädchen. Sie sind raffiniert verwoben mit der aktuellen Handlung und zeigen dem Leser Parallelen zwischen den Vorkommnissen und Menschen damals und heute. Außerdem werfen sie nicht gerade ein positives Licht auf die Tote, die nicht nur Opfer ist. Obwohl man sich ihre Handlungsmotivation zusammenreimen kann, erweist sie sich letztendlich als durchtriebene, neiderfüllte, rücksichtslose Person.

Wie schon bei »Lucian« kam mir die Sprache der Personen an einigen Stellen nicht sehr authentisch vor. Verspotten sich Jugendliche wirklich mit Feststellungen wie »ganz schön mager, das Hühnchen« oder sagen sie Dinge wie »Holla, die Waldfee?«? Ich wage es zu bezweifeln, ebenso wie ich bezweifle, dass sich Erwachsene mittleren Alters Ausdrücken wie »Mein lieber Herr Gesangsverein« oder »Mein lieber Scholli« bedienen. Davon abgesehen hat Abedi aber gefühlvollen, aber klaren Erzählstil, der nicht überladen ist und sich flüssig lesen lässt.

Fazit:
9/15 – Eine ganz nette Geschichte, der es aber ein wenig an Spannung, Tiefe und für ein Buch dieses Genres auch am Gruselfaktor magelt.

8 Kommentare zu [Rezension] Isabel Abedi: Whisper

  • Mir hat Whisper auch nicht sonderlich gut gefallen.

  • Mir auch nicht … :D

    Und deine Rezension zu dem Buch ist deutlich objektiver geworden als meine. ;)

  • Es ist schon eine ganze Ecke her, daß ich das Buch gelesen habe und ich glaube mich zu erinnern, daß es mir damals ziemlich gut gefallen hat. Aber ich habe das Gefühl, daß ich es heute ein bißchen anders bewerten würde.

  • Also da muss ich ganz vehement widersprechen! ;)
    Für ein Jugendbuch hat Whisper mMn ganz schön viel Tiefe. Überhaupt: Einerseits ist es dir nicht jugendlich genug, andererseits fehlt es an Tiefe? Ich persönlich denke, Abedi hat einen sehr guten Kompromiss gefunden zwischen Ernsthaftigkeit und Lockerheit, sowohl sprachlich als auch inhaltlich.

    Gerade habe ich Sommernachtsschrei von Manuela Martni gelesen, falls du mal einen Tipp für ein Jugendbuch WIRKLICH ohne Tiefe und Spanung willst :) Da ist mir auch die übertrieben auf Jugendlich gemachte Sprache extrem auf den Geist gegangen.
    Ich denke, Jugendbücher sollten einen Kompromiss bilden aus einerseits Authentizität und adererseits aber auch Lesbarkeit. Personen in „Erwachsenenbüchern“ reden auch oft wie gedruckt, so redet in der Realität kein Mensch. Aber es liest sich einfach besser und angenehmer. Mir ist eine neutrale Sprache generell lieber als ein demonstrativ auf jugendlich getrimmtes „Hiyo Maaaan, voll phaaaat! Yo.“

  • Danke, ich brauch wirklich keine Tipps für Jugendbücher, denen jegliche Tiefe fehlt! *lach*

    Was ich nicht ganz verstehe: Woraus schließt du, dass mir das Buch nicht jugendlich genug ist? Das stimmt nicht – abgesehen davon, dass für mich ich mangelnde Tiefe auch kein obligatorisches Kriterium eines Jugendbuchs ist. ;) Das einzige, was ich als nicht jugendlich bzw. nicht authentisch genug bemängle, ist die Sprache – das bezieht sich aber auf die Sprache der Jugendlichen ebenso sehr wie auf die der Erwachsenen. Ich brauch weiß Gott keine »Hiyo Maaaan, voll phaaaat! Yo.«-Sprache, aber neutral finde ich sowas wie »Holla, die Waldfee« von einem jungen Erwachsenen auch nicht – da fühle ich mich frappierend an meine 86-jährige Oma erinnert!

    Was diese ganze »Tiefenproblematik« angeht: Schon möglich, dass das Buch für ein Jugendbuch genug Tiefe hat, mir reicht die gebotene Tiefe aber schlicht nicht, um auch mich als Erwachsene zufriedenstellen zu können – wobei ich mich bzgl. der Tiefe ja vor allem auf die Nebenfiguren beziehe, die auf mich teils sehr klischeehaft wirken. Mir fehlen einfach ein paar mehr Infos zu den Figuren, die ihre Handlungsmotivation deutlich machen und ihre »Macken« erklären würden – ich würde z.B. gerne wenigstens im Ansatz erfahren, warum Kat so ist, wie sie ist, oder welchen privaten Hintergrund Gilbert hat und was er treibt, wenn er nicht gerade Ersatzvater für Noa (und Kat) spielt und esoterische Bücher liest.

    Letztendlich ist es aber einfach das Gesamtkonstrukt, das mich nicht so sehr angesprochen hat. (Wobei ja 9 Punkte sooo schlecht auch wieder nicht sind!)

    @Winterkatze: Ich bin wirklich schon sehr gespannt, wie du »Lucian« finden wirst!

  • Naja, aber irgendwie sollte man schon auch ein wenig beachten, für wen das Buch geschrieben wurde und ob eher 14ährige oder Erwachsene damit angesprochen werden sollen. An Jugendbücher habe ich nie den gleichen Anspruch wie an „Erwachsenenbücher“. Nicht weil Jugendliche dümmer wären und Tiefgang nicht verkraften. Sondern weil sie einfach ein ganz anderes Weltbild noch haben, weil sie sich selbst und ihre Beziehungen oftmals noch ganz anders erleben als Erwachsene. Das spiegelt sich oft auch in den Büchern wider, meine ich.

    Dass dir das Buch nicht jugendlich genug war, habe ich aus deiner Kritik an der vermeintlich altmodischen Sprache geschlossen :-) Wie gesagt, ich finde sie nicht verstaubt oder so, und die Waldfee wird in meinem Umfeld tatsächlich oft benutzt. ICH würde den eher bei meiner Oma etwas befremdlich finden ;-)

    Was die Personen angeht, da muss ich gar nicht immer ALLES wissen. Man kan nicht alles über eine Person schreiben oder man könnte es vllt – aber das fände ich langweilig. Ich habe mir gar keine Gedanken drüber gemacht, was Gilbert außer seinem Esokram noch so treibt. Warum auch? Das ist ja anscheinend genau das, was ihn als Charakter ausmacht. Mehr muss ich nicht wissen bzw das kann ein Autor auch gerne meiner Phantasie überlassens, solange ansonsten alles schlüssig und in sich stimmig ist :)

  • Ich muss auch nicht ALLES über eine Figur wissen. Aber wenn ich mit einer Figur nicht klar komme, weil ich sie nicht als glaubwürdig empfinde, da wünsch ich mir halt Infos, die mir erklären, warum die Person so ist – um sie trotzdem so akzeptieren zu können.

    Im Prinzip verhält es sich genauso mit der Tiefe und der Spannung – ich brauch nicht zwingend Tiefe und Spannung (schließlich bin ich begeisterte Liebesromanleserin, da gibts meist weder Tiefe noch Spannung! *g*) oder ne tolle Lovestory, aber mit irgendwas muss mich ein Buch halt fesseln. Das ist »Whisper« nicht gelungen; ich hab wirklich lang für dieses kurze Buch gebraucht und musste mich immer wieder zwingen, weiterzulesen.

    Dass man nicht die gleichen Maßstäbe an ein Jugendbuch darf wie an ein Erwachsenenbuch, ist natürlich richtig. Allerdings vermag ich natürlich nicht mit Gewissheit zu beurteilen, inwieweit ein Buch das Weltbild eines Jugendlichen einer bestimmten Altersstufe trifft; dazu bin ich zu weit weg. Insofern kann mein Hauptkriterium bei der Beurteilung erst mal nur sein: Ist es ein Jugendbuch, das auch MIR gefällt? – und es gibt ja durchaus eine Reihe Jugendbücher, die mir ausgesprochen gut gefallen. »Whisper« gehört leider nicht dazu. Hätte ich übrigens Erwachsenenbuchmaßstäbe an »Whisper« angelegt, wäre die Bewertung weit schlechter ausgefallen.

  • lara

    ich fand das buch langweilig

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