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2018 Reading Challenge

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[Marginalie] Pippi Langstrumpf unter Anklage

Es ist mal wieder soweit: Politisch korrekte Nervensägen haben einen Literaturklassiker aufs Korn genommen. Diesmal steht Pippi Langstrumpf von Astrid Lindgren unter Anklage, die von Eske Wollrad als schädlich für den Nachwuchs ausgemacht wurde. Der Grund ist diesmal nicht etwa das anarchische Weltbild, sondern der im Buch enthaltene Rassismus: Pippi erklärt nämlich, das Lügen in Afrika gelernt zu haben und so verrückt zu sein, weil sie sich oft in der Nähe von Negern aufgehalten hat. Außerdem ist ihr Vater »Südseekönig« (in meiner Kindheit – vor der Verlagszensur [1] – war er gar noch »Negerkönig«) und die Negerkinder schwarzen farbigen Kinder verneigen sich vor ihr, was auch kein gutes Bild auf Lindgrens Gesinnung wirft. Und überhaupt spiegle die Figurenkonstellation – oh Wunder! – nicht das heutige Gesellschaftsbild, weil alle drei Protagonisten eine weiße Hautfarbe und keinen Migrationshintergrund haben. (Wobei … Pippi ja irgendwie schon, so als Tochter eines Negerkönigs!)


Eine Welle der Empörung über den Angriff der promovierten Theologin auf den Kinderbuchklassiker schwappte zwar Ende letzten Jahres immerhin bis in den englischen Sprachraum (wo ich auch darauf aufmerksam geworden bin), hierzulande wurde das Thema aber nicht besonders hochgekocht (Artikel gibts u.a. bei der Berliner Mopo und der Bild). Laut Bild sagte selbst Sachsens Ausländerbeauftragter, die Diskussion gehe zu weit und man solle der Weltliteratur keinen Maulkorb verpassen; stattdessen sollten die Eltern mit ihren Kindern über das Gelesene sprechen.

So viel Vernunft würde man auch dem einen oder anderen Antidiskriminierungskämpfer wünschen – dann dürfte Agatha Christies Roman vielleicht heute noch »Zehn kleine Negerlein« heißen statt »Und dann gabs keines mehr«, und in den Büchern von Enid Blyton würden immer noch verbrecherische »Zigeuner« ihr Unwesen treiben. Bekanntestes Zensurwutbeispiel aus jüngerer Zeit dürfte wohl Mark Twains Buch »Tom Sawyer und Huckleberry Finn« sein, das inzwischen in einer politisch korrekten Version veröffentlicht wurde, in der »die Begriffe ›Nigger‹ und ›Injun‹, die als Schimpfwörter für Schwarze und für Indianer gelten, nicht mehr vorkommen. Statt der 219 ›N-Wörter‹ soll jetzt ›Sklave‹ im Text stehen, statt ›Injun‹ (etwa: ›Rothaut‹) ›Indian‹« (Quelle).

Mir ist wohl klar, dass gerade in Kinderbüchern das Thema »Rassismus« eine sensible Angelegenheit ist, aber andererseits sollte es doch möglich sein, einen Klassiker der Weltliteratur in seinem ursprünglichen Zustand zu belassen und ggf. mit entsprechenden Erklärungen zu versehen [2], falls man Sorge hat, dass Eltern nicht zu einer vernünftigen Aufklärung in der Lage sind. Immerhin ist ein Buch doch auch ein Spiegel der Gesellschaft zu der Zeit, in der es entstanden ist bzw. zu der es spielt und trägt somit zu Bildung und Weltverständnis bei. Und Geschichte ändert sich schließlich auch nicht dadurch, dass man Vorkommnisse und Einstellungen totschweigt, die aus heutiger Sicht nicht (mehr) akzeptabel sind; auf diese Weise macht man sie nicht ungeschehen. Insofern kann ich mich nur der Aussage anschließen, dass man lieber aufklären statt verbieten soll.

 

Weitere Verurteilte:

 

 

 

[1] Laut Kath.net hat der Oetinger Verlag, der die Lindgren-Bücher in Deutschland vertreibt, über mehrere Jahre mit Astrid Lindgren über die Ersetzung der Begriffe »Neger« und »Zigeuner« korrespondiert, die nicht zuletzt von Eltern als diskriminierend beklagt wurden. Die Autorin verweigerte ihre Zustimmung zu einer diesbezüglichen Änderung ebenso wie zunächst auch die Erben nach Lindgrens Tod; 2009 kam es dann aber dennoch dazu. Eine Verlagssprecherin sagte dazu, dass die Veränderung einfach nötig sei, »Wenn ein Wort nicht mehr im historischen Kontext gesehen werden kann, sondern nur noch als Schimpfwort«.

[2] Reine Aufklärung ist den Policital-Correctness-Wächtern übrigens oft nicht genug, wie das Beispiel »Tim und Struppi im Kongo« zeigt, wo die wilden Eingeborenen angeblich »wie Affen aussehen und wie Schwachsinnige sprechen«. Trotz einer ausführlichen Erklärung im Vorwort zu den Klischees in dieser Zeit, wird der Band vom Verlag Egmont UK mit einer Inhaltswarnung versehen. (Quelle)

11 Kommentare zu [Marginalie] Pippi Langstrumpf unter Anklage

  • Ich weiß gar nicht, ob ich jetzt lachen soll oder nur traurig den Kopf schütteln.
    Ich verstehe die Beweggründe. Ich finde es wichtig, dass man… hm, sagen wir das Thema „sensibilisiert“. Denn es sind ja Kinderbücher.
    Andererseits ist das so typisch. Es ist ja nicht nur bei den Büchern so. Für alles werden Medien verantwortlich gemacht. Aber statt, dass die Eltern sich mit ihren Kindern hinsetzen und so ein Buch lesen – nöööö. Das geht ja mal gar nicht. Eine Erklärung zum Kontest am Anfang der Bücher finde ich daher eine super Lösung. Auch wenn’s hart klingt, kann man nicht von allen Eltern eine gewisse Bildung erwarten. Wenn die Kinder dann alt genug sind um den Zusammenhang zu verstehen (Schule), dann haben sie meiner Meinung nach auch das Recht zu erfahren, was da wirklich steht (oder stand).
    Will man nun „Das hässliche Entlein“ komplett verbieten? Denn die Tatsache, dass es „schwarz“ ist, ist ja der Plot. *kopf schüttel*
    Und dann frage mich, ob die Kinder, die solche Bücher lesen, denn überhaupt den Hintergrund VERSTEHEN. Wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, dann hab ich das immer als ein Stück des Buches hingenommen und nie einen Gedanken an Rassismus oder dergleichen verschwendet…

    Wie gesagt, ich verstehe die Zensur durchaus. Aber ich bin der Meinung, dass es nicht der Weg sein sollte etwas zu „verändern“ oder zu verschweigen, sondern auch tatsächlich AUFZUKLÄREN.

  • Ich kann über sowas nur den Kopf schütteln. Klassiker – egal, ob aus dem Kinderbuchbereich oder für Erwachsene – sollte nicht nachträglich so bereinigt werden. Meinetwegen können da hunderte Fußnoten auftauchen, die die Wortwahl kritisch betrachten, aber im Rahmen ihrer Zeit war es eben nicht politisch unkorrekt sich so auszudrücken (oder wenn, dann vielleicht genau so vom Verfasser beabsichtigt).

    Jedes Wort auf die Goldwaage zu legen, ändert nichts an der Gesinnung eines Menschen …

    Ein Wunder, dass überhaupt noch Kinderbuchklassiker aufgelegt werden, statt die Geschichten gleich neu zu schreiben, damit sie in unsere politsch-korrekte-technische-Welt passen. Wann nimmt sich endlich mal jemand die Blyton-Titel vor und bastelt Handys und PCs in die Geschichten? Das hätte doch die „Ermittlungen“ der Kinder bei den Kriminalgeschichten deutlich verkürzt! ;)

  • Wow, das ist ja echt großer Quatsch! Wir haben heute noch ein Kinderbuch zu Hause, das heißt „10 kleine Negerlein“ und amüsieren uns regelmäßig darüber was für ein Schocker das heutzutage wäre.
    Ich finde es schon nicht schlecht, dass über sowas nachgedacht wird, aber einfach den Originaltext von sonstwann abzuändern (gerade wenn es so etwas harmloses wie Pippi Langstrumpf ist), ist auch nicht die Lösung. Ich finde deine Vorschläge schon echt gut: Anmerkungen im Buch oder eben „redet mit euren Kindern!“.

  • *Kopfschüttel* Mehr fällt mir dazu nicht ein… (und kann nur allen beipflichten!)

  • Ich finde das vor allem bei Mark Twain echt bedenklich (bei Pippi eher total lächerlich), dass da die Originalsprache geändert wird. Denn gerade das Buch soll doch auch den Umgang damals mit Schwarzen zeigen, ein Schwarzer hat darin ja auch eine ziemlich wichtige Rolle. Und wie Du schon richtig gesagt hast: Bücher gehören immer in ihren gesellschaftlichen Kontext, wenn wir das verändern, sind sie nicht mehr aussagekräftig und man könnte sie auch ganz abschaffen oder verbieten oder sonstwas. Aber ich hab einfach das Gefühl, sowas wird von Leuten kritisiert, die selbst eine nicht besonders hohe „media literacy“ haben, und daher hinter jedem politisch unkorrekten Begriff Teufelswerk sehen, statt das richtig zu hinterfragen und zu analysieren.

  • Gaby

    Ich kann da auch nur noch den Kopf drüber schütteln… es ist natürlich viel einfach, in Klassikern zu streichen oder zu ersetzen, als von Eltern zu erwarten, sich tatsächlich mal hinzusetzen und mit ihren Kindern zu reden bzw die Geschichten mit Erklärungen zu versehen.

    Wann fangen wir an und verbieten Kinderbücher und Klassiker bzw ab wann dürfen die nur noch unterm Ladentisch verkauft werden?

    Ansonsten kann ich mich nur den Vorkommentaren vorbehaltlos anschließen.

    LG
    Gaby

  • Zum Teil wird m.E. wirklich dazu tendiert, totzuschweigen statt zu sensibilisieren und aufzuarbeiten. Als würde das helfen …

    Die Mark-Twain-Sache finde ich nach wie vor auch am unglaublichsten; ich frag mich, ob »Onkel Toms Hütte« wohl auch in einer geschönten Version erhältlich ist?

     
    Winterkatze: Würde man bezüglich der Blyton-Bücher so vorgehen, könnte man sie als SMS-Roman neu rausbringen! ;)

  • von der atheistin kommt jetzt ein amen, irina.
    die inhalte sind doch zeitlich einzuordnen.

    anderes beispiel: ich finde es auch ganz nett, wenn man shakespeare in modernes englisch überträgt, um lesern (besonders auch schülern) den zugang zu erleichtern- aber das wird auch extra betont UND die originale sind weiterhin in ihrer form verfügbar.

    • Ja, eine solche Übertragung von Shakespeare in ein modernes Englisch ist für mich auch in Ordnung, wobei ich in derlei Fällen eine »zweisprachige« Textausgabe eine gute Lösung finde.

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