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[Rezension] Jane Eagland: Mein Herz so wild

Originaltitel: Wildthorn

Inhalt:
England um 1870. Louisa Cosgrove gat das Gefühl, sich in einem Alptraum zu befinden. Statt bei Freunden ist sie in einer Irrenanstalt gelandet, wo man sie beharrlich mit dem Namen Lucy Childs anspricht. Und jeder Protest ihrerseits wird nur als weiteres Indiz für ihre geistige Zerrüttung gewertet. Doch Louisa kämpft um ihre Freiheit – und sie findet den Schlüssel dazu, wo sie ihn nie vermutet hätte.

Kommentar:
Als ich bei Miss Bookiverse von diesem Jugendroman gelesen habe, war mein Interesse augenblicklich geweckt. Ein thematisch ähnliches Buch von Laura Kinsale hat mir nämlich ausgesprochen gut gefallen: »Triumpf der Herzen« (OT: »Flowers from the Storm«), in dem ein Lord nach einem Schlaganfall in eine Irrenanstalt abgeschoben wird und dort vor sich hinvegetiert.

Die Ausgangslange hier ist allerdings eine andere: Louisa Cosgrove wähnt sich eigentlich auf dem Weg zu Bekannten, als sie völlig unversehens in einer Irrenanstalt abgeliefert wird. Da sie dort von allen beharrlich als Lucy Childs bezeichnet wird, glaubt sie zunächst an eine Verwechslung und ist der festen Überzeugung, den Irrtum bald aufklären zu können, doch nach und nach wird ihr klar, dass sie nicht versehentlich hier gelandet ist. Weil sie fürchtet, niemals aus Wildthorn entlassen zu werden, plant sie ihre Flucht, doch damit verschlimmert sie ihre Lage erst recht und ihre Situation wird immer hoffnungsloser …

Was auf den ersten Blick aus heutiger Sicht vollkommen fantastisch klingen mag, war im 19. Jahrhundert leider nicht ganz ungewöhnlich. Ich bin kein Experte in Psychiatriegeschichte, aber es kam offenbar gar nicht selten vor, dass völlig gesunde Menschen in Irrenanstalten abgeschoben wurden, um sie loszuwerden oder weil sie aufgrund ihrer Denkweise und ihres Verhaltens als wahnsinnig galten. Obwohl die Gesellschaft in der spätviktorianischen Ära im Umbruch war und Frauen zunehmend mehr Rechte für sich einforderten, reicht in Louisas Fall als Grund für die Einlieferung aus, dass sie die damalige Rolle der Frau nicht zu akzeptieren bereit ist. Sie verweigert jegliche gesellschaftlichen Verflichtungen und Konventionen, stattdessen lernt und experimentiert sie, um später Ärztin zu werden – was ihr schließlich zum Verhängnis wird.

Der erste Teil des Buches, der die erste Zeit in der Irrenanstalt beschreibt, wird immer wieder durchbrochen von Rückblenden in die Vergangenheit. Sie zeigen Louisa sehr anschaulich als wissbegieriges, intelligentes, aber aufmüpfiges Mädchen, das mit der ihr zugedachten gesellschaftlichen Rolle nicht klar kommt und keinen leichten Stand in der eigenen Familie hat: Während die Mutter versucht, sie doch noch zu einer guten viktorianischen Frau zu erziehen, wird sie vom deutlich liberaleren Vater gefördert und vom Bruder beneidet. Aber reichen der Neid des Bruders und das gesellschaftskonforme Denken der Mutter aus, um das Mädchen nach dem Tod des Vaters in eine Irrenanstalt einliefern und dort leiden zu lassen? Warum genau sie nach Wildthorn gebracht wurde und wer für ihre Einlieferung verantwortlich ist, findet Louisa erst im Laufe der Zeit heraus, und die Erklärung ist überraschend, aber durchaus plausibel.

Bis die Wahrheit ans Licht kommt, durchlebt Louisa eine schreckliche Zeit in Wildthorn, denn das mangelhafte medizinisch-psychologische Wissen und die damals üblichen Behandlungsmethoden sind zutiefst demütigend und brutal. Mit ihren Versuchen, ihre geistige Gesundheit unter Beweis zu stellen und die Situation aufzuklären, reitet sich das Mädchen nur immer tiefer hinein, und phasenweise hält sie nur noch ein Funken Hoffnung auf Rettung bei einigermaßen klarem Verstand. Dass sie allerdings trotz der Demütigungen, Schmerzen und Verzweiflung stets so relativ rational und nüchtern bleibt, ist angesichts dessen, was sie zu durchleben hat, nicht glaubwürdig. Zudem wirken Louisas Erlebnisse über weite Strecken eher distanziert geschildert und unemotional, was vielleicht der jugendlichen Zielgruppe geschuldet ist, das Buch aber nicht mitreißender macht.

Spoiler

Vollkommen überflüssig finde ich es, zusätzlich zu den vorhandenen Themen auch noch den Aspekt der homosexuellen Liebe in der damaligen Zeit ins Feld zu führen – man hat auch ohne diese Facette genug Stoff für ein gutes Buch, das die Denkweise der damaligen Zeit vor Augen führt. Auch wenn das von der Autorin ganz sicher nicht so gemeint ist, vermittelt die Tatsache, dass Louisa nicht nur die damalige Rolle der Frau nicht akzeptieren will, sondern darüber hinaus auch noch lesbisch ist, eher eine negativ anmutende Verquickung.

[collapse]

Fazit:
10/15 – Das Buch zeichnet ein aufschlussreiches, beklemmendes, aber doch relativ unemotionales Bild der Zeit. Wer sich für historischer Romane dieser Art interessiert, macht mit »Mein Herz so wild« sicher nichts falsch.

Trivia:
Wer sich für die Betrachtung der Frau in der damaligen Zeit interessiert, der sei auf den Artikel »Über den physiologischen Schwachsinn des Weibs« von Dr. P. J. Möbius von 1903[5] verwiesen, den man hier bei Wikisource nachlesen kann. Er ist nicht nur eine durchaus spannende Analyse des schwachen Geschlechts (»Körperlich genommen ist, abgesehen von den Geschlechtsmerkmalen, das Weib ein Mittelding zwischen Kind und Mann und geistig ist sie es, wenigstens in vielen Hinsichten, auch.«), sondern nebenbei kriegen auch noch die »Neger« und die Bayern einen mit: »Bei geistig niedrig stehenden Männern (z. B. einem Neger) fand er den weiblichen ähnliche Verhältnisse des Scheitellappens, während bei geistig hochstehenden Männern die mächtige Entwickelung des Scheitellappens ein ganz anderes Bild gewährte. Die allereinfachsten Verhältnisse fand Rüdinger bei einer bayrischen Frau, er spricht geradezu von ›thierähnlichem Typus‹.«

9 Kommentare zu [Rezension] Jane Eagland: Mein Herz so wild

  • Hast du den Möbius aus nem NDL-Seminar? (;

  • Huhu! Leider habe ich deine schöne Rezension nur teilweise lesen können, weil ich das Buch vorher noch lesen möchte/muss, doch jetzt bin ich noch viel gespannter darauf! Liebe Grüße!

  • Natürlich konnte man zur damaligen Zeit schneller in einer Anstalt landen als heutzutage und sowohl Medizin als insbesondere die Psychologie waren noch lange nicht ausgereift. Dem erwachsenen Leser muss man sicherlich nicht sagen, dass nicht alle Ärzte und Anstalten damals so waren, dass es auch im 19. Jh. schon welche gab, die tatsächlich auf das Wohl des Patienten und Behandlung statt simplem Wegsperren ausgelegt waren und bei denen die Behandlungsmethoden nicht in dieser Form stattfanden.
    Aber wie sieht das bei dem jugendlichen Leser aus, der ja Zielgruppe des Buches ist? Besteht da womöglich die Gefahr, einen falschen Eindruck zu bekommen bzw. das Gelesene auf die heutige Zeit zu übertragen? Immerhin existieren auch heutzutage ohnehin noch viel zu viele Vorurteile und Ammenmärchen zum Thema Nervenkliniken und Psychiatrien. Vielleicht bin ich da zu skeptisch, traue den jugendlichen Lesern zu wenig zu. Da mag bei mir schon eine gewisse Betriebsblindheit existieren, wenn man sich jeden Tag mit dem Thema befasst, sieht man die Dinge vielleicht zu eng.

    Ansonsten sind wir ja (besonders, was den Inhalt des Spoilers angeht) ähnlicher Meinung :-).

  • @Grete_o_Grete die Gefahr, die du da ansprichst, besteht aber dann auch immer und bei allen Themen, aber ich denke, Jugendliche, die sich nicht dafür interessieren, setzen sich auch nicht damit auseinander, bzw. lesen nicht deses Buch. Außerdem sollte generell allen klar sein, dass man immer zwischen Fiktion im Buch, egal zu welcher Zeit/Epoche und Realität unterscheiden muss. Mir ist nämlich klar, dass das dort vorgestellte Bild schon lange Vergangenheit ist. Aber irgendwo hast du sicherlich recht, manche vermögen diese (leider) nicht zu unterscheiden…
    Lg, Charlousie :D

  • Holly: Nein, bin ich letztens irgendwo im Internet drüber gestolpert. Kennst du Möbius aus nem NDL-Seminar?!

    Charlousie: Viel Spaß mit dem Buch! Bin gespannt auf deine Besprechung!

    Grete: Wie geschrieben hab ich nicht wirklich viel Ahnung von Psycholgiegeschichte, weshalb ich den Part meiner Rezension auch recht zurückhaltend formuliert habe. Ich hab vor einiger Zeit mal ein bisschen über Bedlam recherchiert, das bekannt war für die menschenunwürdigen Zustände – und das erinnerte durchaus an die Schilderungen von »Wildthorn«. Allerdings kann ich mangels tiefergehenden Hintergrundwissens nicht wirklich sagen, ob solche Anstalten zur damaligen Zeit eher die Ausnahme oder die Regel waren bzw. wann der Wandel im Denken bzgl. Geisteskrankheiten eingesetzt hat. Ich war aber eigentlich schon davon ausgegangen, dass die Behandlungsmethoden damals grundsätzlich noch ziemlich irrsinnig und menschenunwürdig waren …

    Schwer zu beurteilen, ob Jugendliche in diesem Fall zum Differenzieren in der Lage sind und erkennen, dass es auch zu dieser Zeit schon andere Behandlungsmethoden gab. Der Text lässt das ja eigentlich offen; man könnte es ja auch so verstehen, dass Wildthorn die Ausnahme war unter einer Vielzahl »seriöser« Anstalten und extra ausgesucht wurde, um Louisa im Speziellen loszuwerden.

    Meine eigene Unsicherheit bzgl. des Themas zeigt aber in jedem Fall, dass es eine gute Sache gewesen wäre, wenn die Autorin die tatsächlichen historischen Fakten einem Nachwort noch mal klargestellt hätte – so wie Abede das in »Ein Herz auf Flügeln zart« macht.

  • Genau so ein Nachwort hätte ich mir auch gewünscht! Das ist wirklich schade, dass darauf verzichtet wurde.

    @Charlousie: Es gibt leider mehr Menschen, die tatsächlich Schwierigkeiten haben, zwischen Fiktion und Realität zu unterscheiden, als man meint. So jemand liest dann das Buch und denkt sich, dass es in jeder Anstalt so war. Generell gibt es beim Thema Psychiatrie sehr seltsame Gedankengänge. Ich könnte euch da Beispiele nennen, mit denen ich mich tagtäglich rumschlage, das haut dem Fass den Boden aus und würde hier jeden Rahmen sprengen, aber ich vermute mal, danach würde jeder meine Skepsis verstehen ;-).

  • Was du im Spoiler beschreibst, finde ich sehr interessant. Mich hat diese „Note“ eigentlich nicht gestört, ich fand sie ganz plausibel eingebunden (nur am Ende fand ich sie ein wenig zu fett/heftig aufgetragen), allerdings hast du recht, dass das dem ganzen bei genauerer Betrachtung einen ungewollt negativen Touch gibt, ist mir bisher gar nicht aufgefallen. Danke für den Denkanstoß ;)

  • Ich glaube, im Fall von »Mein Herz so wild« kann man das mit der Unterscheidung zwischen Fiktion und Wirklichkeit auch nicht so einfach anwenden. Denn das Buch erweckt ja schon den Anschein, damals reale Lebens-/Gesellschaftsumstände zu beschreiben – und tut es ja auch bzgl. des Themas »Die Rolle der Frau«. Man muss also die Zustände in der Anstalt eigentlich auch für bare Münze nehmen – ein Grund mehr, die Sache in einem Nachwort ins rechte Licht zu rücken! :)

    Miss Bookiverse: Das mit dem Ende kommt erschwerend hinzu – fand ich für das Buch und die Zielgruppe auch nur bedingt passend. Aber davon unabhängig: Freut mich, dich noch mal zum Nachdenken gebracht zu haben!

  • Ahh, ich wollte doch nicht… Immer diese Jugendbücher. Aber das klingt nun wirklich zu gut. Zumal mich das Cover schon seit Wochen anlacht. Mist aber auch!
    Trotzdem: Danke für den Tipp! :-)

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