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[Rezension] Peter Mayle: Ein diebisches Vergnügen

Originaltitel: The Vintage Caper

Inhalt:
Einen solch heiklen Fall hat die ebenso intelligente wie attraktive Elena Morales noch nie in ihrer Versicherung bearbeiten müssen: Als Sanitäter getarnte Diebe haben den Weinkeller eines reichen Anwalts aus Los Angeles leer geräumt und sind in einem Krankenwagen mit 600 Flaschen edelsten französischen Weines im Wert von drei Millionen Dollar entkommen. Als Komplize dabei war der Hausmeister des Anwalts, der den Dieben das Tor öffnete.

Elena will den Schaden vorerst nicht begleichen, zu obskur scheint ihr der Fall, zu schleppend laufen die polizeilichen Ermittlungen an. Glücklicherweise ist ihr Teilzeitgeliebter Sam Levitt frankophil und ein Weinkenner von hohen Gnaden. Da er zwischenzeitlich auf die schiefe Bahn geraten ist und dringend Geld braucht, kann er Elenas Angebot nicht ausschlagen: Er soll den gestohlenen Wein aufspüren. Nur im Erfolgsfall erhält er einen Lohn. Die Intuition sagt ihm: Wenn ausschließlich französischer Wein geraubt wurde, muss es sich um eine Art patriotischen Diebstahl handeln, um eine Rückführung des Weines in seine Heimat. Die Spur führt nach Marseille, und Sam nimmt sie auf seine Weise auf: lustvoll, unkonventionell und unverschämt raffiniert.

Kommentar:
Ich will es einigermaßen kurz machen, denn viel gibt das Buch auch gar nicht her. Obwohl die Grundidee, der Weindiebstahl, eigentlich ganz nett und mal was anderes ist, bietet der Kriminalfall bestenfalls Stoff für eine Kurzgeschichte. Deshalb ist er großzügig angereichert mit zahlreichen Nebenthemen rund um die französische Lebensart jeder Couleur: In aller Ausführlichkeit erfährt der Leser jede Menge Details über Gebäude und Straßenzüge sowie Mode und französische Lässigkeit, über Weingüter, Weingeschmack, Weingeschichte und Grundsatzfragen rund um den Wein, etwa: »Aus welchem Land kommt der beste Wein?« (ratet!), »Sind Schraubverschlüsse Korken vorzuziehen?« oder »Gibt es den perfekten Gaumen?« Und weil Detektiv Sam und seine bordelaise Assistentin Sophie während ihrer Ermittlung außer Weintrinken im wesentlichen Essen, bleiben ausführliche Beschreibungen von Nobelrestaurants und unverfälschten, charmanten, touristenfreien Klitschen, von Menüfolgen, Speisen, kulturellen Geschmacksunterschieden (Innereien sind toll, auch wenn Amerikaner sie nicht zu schätzen wissen) und Esstechniken (etwa der des Austernessens) nicht aus. Üblicherweise tragen solche Dinge zum Flair eines Buches bei und ich mag Einblicke in eine Kultur durchaus gerne, doch hier ist das Verhältnis zwischen Kriminalfall und kulturellen Aspekten vollkommen unausgewogen und macht deshalb keinen Spaß mehr – zumindest nicht, wenn man einen Krimi und keine Glorifizierung Frankreichs lesen will.

Wie Hauptfigur Sam, verbrecherischer Ex-Jurist, es zum Versicherungsdetektiv gebracht hat, ist unklar; er dürfte nämlich zu den unfähigsten Ermittlern gehören, die mir je begegnet sind: Selbst die naheliegendsten Dinge kommen ihm nicht in den Sinn und müssen ihm von Dritten – meist in Gestalt einer schönen Frau – eingeflüstert werden. Das verwundert allerdings nicht weiter, wenn man sich seine Grundregel bei kriminaltechnischen Ermittlungen betrachtet: »Um den Tathergang zu verstehen, muss man zum Ausgangspunkt zurückkehren. Und der befindet sich in diesem Fall im Herkunftsland des gestohlenen Weines.« (S. 61) Nun ja … zumindest ist es ein guter Grund für eine Reise ins gelobte französische Land, wie sogar Auftraggeberin Elena erkennt, die übrigens praktisch keine Rolle spielt, obwohl sie im Klappentext so prominent erwähnt wird.

Zur mangelhaften Ausarbeitung des Kriminalfalls und den wenig überzeugenden Ermittlern passt dann das Ende, das zumindest mal ungewöhnlich ist. Obwohl ich persönlich einen vielleicht langweiligen, aber »vernünftigen« Ausgang einer Geschichte bevorzuge, kann ich normalerweise auch mit unorthodoxen Auflösungen leben – vorausgesetzt, sie sind gut begründet und nachvollziehbar. In diesem Fall ist das aber leider nicht so, insofern ist auch der Ausgang der Geschichte eher unfassbar denn überzeugend.

Hinzu kommen dann noch Erzähltechniken, die mir so gar nicht liegen. Zahllose Figurenperspektiven, die komplett unnötig sind, sind das erste Ärgernis: Das Buch startet aus der Sicht des Weinsammlers, der später bestohlen wird, und geht über in die Perspektive des Diebes. Anschließend ist erneut der Weinsammler am Zug; seine Perspektive geht mitten im Gespräch auf Versicherungsfrau Elena über, bevor irgendwann endlich Ermittler Sam ins Spiel kommt, dessen Assistentin Sophie natürlich ebenfalls Teile der Geschichte schildern darf. Zu allem Überfluss wird die Erzählung aus der Sicht einer Person durch vereinzelte Gedanken einer anderen Figur unterbrochen, und zwischenzeitlich meldet sich auch noch immer wieder ein allwissende Erzähler zu Wort. Das geht einfach gar nicht.

Fazit:
5/15 – Eine Geschichte, die sich leicht und locker nebenbei weglesen lässt, die aber eigentlich kein Krimi, sondern eine Liebeserklärung an Frankreich und die französische Kultur ist. Angesichts des Hintergrunds von Peter Mayle, einem nach Frankreich ausgewanderten Briten, der seine Erlebnisse in der neuen Heimat schon in mehreren Büchern (u.a. »Mein Jahr in der Provence«) sehr erfolgreich verarbeitet hat, ist das wohl keine echte Überraschung; vielleicht hätte er dabei bleiben sollen, statt sich aufs Krimigenre zu verlagern.

2 Kommentare zu [Rezension] Peter Mayle: Ein diebisches Vergnügen

  • Irgendwie gibt es gerade viel zu viele „Krimis“, die alles andere sind als Kriminalgeschichten. Das verleidet mir gerade schon etwas die Lust an diesen Genre …

  • Ja, das geht mir auch so, dass mir das die Lust aufs Genre (wieder) verleidet. Ich hab ja früher lange Zeit fast ausschließlich Krimis gelesen und bin davon abgekommen, weil ich immer seltener Krimis gefunden habe, die mir wirklich zugesagt hätten – entweder ich hab Thriller erwischt oder irgendnen ganz fürchterlich drögen Kram. Und irgendwie hat sich das nicht wirklich geändert, wie ich bei meinen letzten Versuchen feststellen musste – oder vielleicht hab ich auch einfach nur nicht die richtigen Krimis erwischt, keine Ahnung. Ich hab aber auch keine Lust, ewig rumzutesten und jede Menge Flops zu riskieren …

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