{"id":5607,"date":"2010-03-16T20:22:26","date_gmt":"2010-03-16T19:22:26","guid":{"rendered":"http:\/\/buecher.ueber-alles.net\/?p=5607"},"modified":"2012-01-21T20:41:32","modified_gmt":"2012-01-21T19:41:32","slug":"michael-rosentritt-sebastian-deisler-zuruck-ins-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/buecher.ueber-alles.net\/?p=5607","title":{"rendered":"[Rezension] Michael Rosentritt: Sebastian Deisler. Zur\u00fcck ins Leben"},"content":{"rendered":"<p> <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3941378287\/ueberalles-21\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" src=\"http:\/\/www.ueber-alles.net\/Cover\/2010\/3941378287.jpg\" alt=\"\" width=\"181\" height=\"239\" \/><\/a><strong>Inhalt:<\/strong><br \/>\nDie Geschichte Sebastian Deislers ist die eines jungen Mannes, der als fu\u00dfballerisches Jahrhundert-Talent gilt, mit 21 Jahren Spielmacher der deutschen Nationalmannschaft wird und dessen Ja-Wort dem FC Bayern M\u00fcnchen ein Handgeld von 20 Millionen D-Mark wert ist. Es ist auch die Geschichte eines unfertigen jungen Mannes, der zum Heilsbringer des deutschen Fu\u00dfballs stilisiert wird, von dem die \u00d6ffentlichkeit Besitz ergreift, der zahlreiche k\u00f6rperliche und seelische Verletzungen bis hin zu einer Depressionserkrankung erleidet und der sich immer weiter in sich selbst zur\u00fcckzieht.  Wenige Tage nach seinem 27. Geburtstag gibt er in einem beispiellosen Schritt seinen Ausstieg aus dem Profigesch\u00e4ft bekannt \u2013 entkr\u00e4ftet, entnervt, gebrochen. <\/p>\n<p>Michael Rosentritt, den eine langj\u00e4hrige Freundschaft mit Sebastian Deisler verbindet, hat sich zwei Jahre intensiv mit dem \u00bbFall Deisler\u00ab besch\u00e4ftigt. In langen Gespr\u00e4chen erz\u00e4hlt ihm Deisler seine Geschichte. Entstanden ist daraus ein Buch \u00fcber Begeisterung und Liebe zum Fu\u00dfball, aber auch \u00fcber \u00c4ngste, Qualen, Selbstzweifel, Depressionen und den m\u00fchsamen Weg zur\u00fcck in ein normales Leben.<\/p>\n<p><strong><br \/>\nKommentar:<\/strong><\/p>\n<blockquote><p>Der Fu\u00dfball, der mir fehlt, ist ein anderer als der, den ich verlassen habe. Ich bin zu der Erkenntnis gelangt, dass ich so, wie alles gelaufen ist, nicht geschaffen war f\u00fcr dieses Gesch\u00e4ft. Am Ende war ich leer, ich war alt, ich war m\u00fcde. Ich bin so weit gelaufen, wie mich meine Beine getragen haben, mehr ging nicht.\u00ab<\/strong> <\/p>\n<p>Sebastian Deisler im <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/zeitung\/Sonntag-Sebastian-Deisler;art2566,2389712\">Tagesspiegel<\/a> vom 30.9.2007<\/p><\/blockquote>\n<p>Nach seinem R\u00fcckzug aus dem Fu\u00dfballgesch\u00e4ft im Januar 2007 verschwand der erst 27-j\u00e4hrige Sebastian Deisler f\u00fcr knapp drei Jahre fast vollkommen aus der \u00d6ffentlichkeit und lie\u00df festhalten, keine Person des \u00f6ffentlichen Rechts mehr zu sein (Quelle: <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/sport\/fussball\/article4075891\/Sebastian-Deisler-mit-einem-Buch-zurueck-ins-Leben.html\">Welt<\/a>). Ebenso \u00fcberraschend wie er zur\u00fccktrat, tauchte er im Herbst 2009 f\u00fcr einige handverlesene Interviews wieder auf der Bildfl\u00e4che auf \u2013 mit seiner Biografie im Gep\u00e4ck. Sie basiert auf Gespr\u00e4chen mit dem Berliner Journalisten Michael Rosentritt und zeigt Deisler abwechselnd auf zwei Ebenen: w\u00e4hrend und nach seiner Fu\u00dfballkarriere. <\/p>\n<p>Die R\u00fcckschau beschr\u00e4nkt sich im Wesentlichen auf die Ereignisse in Deislers Vergangenheit als Profifu\u00dfballer, von denen anzunehmen ist, dass sie letztendlich zu seinem fr\u00fchen Karriereende gef\u00fchrt haben. \u00dcber ungetr\u00fcbte Gl\u00fccksmomente im sportlichen oder gar privaten Bereich erf\u00e4hrt man so gut wie nichts; die wenigen positive Erlebnisse, die erw\u00e4hnt werden, sind durchgehend mit negativen Aspekten, Auswirkungen und Wertungen verbunden. Nicht zuletzt deshalb vermittelt das Buch den Eindruck, dass sich Deisler bis heute irgendwo zwischen Schuldabschiebung f\u00fcr sein Scheitern und Selbstzweifeln bewegt; von Lebensfreude und der Liebe zum Fu\u00dfball, die doch so lange seine Antriebsfeder gewesen sein sollen, ist zu keiner Zeit etwas zu sp\u00fcren, daf\u00fcr von Frustration und \u00dcberforderung in jeder Hinsicht. Dass Deislers hohe Verletzungsanf\u00e4lligkeit ebenso eine Reaktion auf den st\u00e4ndig steigenden Druck waren wie die Depression selbst, wird wohl kaum jemand ernsthaft bestreiten wollen. <\/p>\n<p>Wer auf Skandale, Kabinengefl\u00fcster oder sonstige Interna aus der bunten Welt des Profifu\u00dfballs hofft, ist mit diesem Buch schlecht bedient, und obwohl Deisler an einigen Stellen mangelndes Verst\u00e4ndnis f\u00fcr seine Situation beklagt und in einigen F\u00e4llen auch deutliche Kritik an den Verantwortlichen \u00fcbt \u2013 insbesondere an Dieter Hoene\u00df, aber auch an Felix Magath \u2013, kann man das Buch nicht wirklich als Abrechnung bezeichnen. Es zeigt vielmehr, wie \u00fcberfordert alle Beteiligten mit dem \u00bbFall Deisler\u00ab waren, insbesondere nach seiner Depressionserkrankung. Dass Edmund Stoiber, wie \u00fcblich kein Fettn\u00e4pfchen auslassend, sich zu der \u00c4u\u00dferung hinrei\u00dfen l\u00e4sst, Deisler sei Bayerns \u00bbgr\u00f6\u00dftes Verlustgesch\u00e4ft\u00ab, ist da nur die Spitze des Eisbergs. Deislers Biografie wirft eigentlich ein schlechtes Bild auf (fast) alle: Fans, Vereine, Medien \u2013 und auch auf ihn selbst. N\u00fcchtern betrachtet kommt der Presse, vor allem der Boulevardpresse, die in sein Privatleben eingedrungen ist und \u00fcberzogene sportliche Erwartungen an ihn gestellt bzw. gesch\u00fcrt hat, dennoch eine Sonderstellung zu. Denn auch wenn es nat\u00fcrlich blau\u00e4ugig ist anzunehmen, als \u00bbStar\u00ab k\u00f6nne man der Presse entgehen, muss man doch wertneutral festhalten, dass Deisler, der vermeintliche Heilsbringer der deutschen Nation, von den Medien gehypt und ausgeschlachtet wurde wie kein Fu\u00dfballer vor ihm. <\/p>\n<p>Wie bedenklich Deislers Zustand gewesen sein muss, versucht Rosentritt anhand der Schilderung der Gespr\u00e4che mit Deisler w\u00e4hrend der Entstehung des Buches zwischen 2007 und 2009 zu verdeutlichen. Er beschreibt dabei das Bild eines restlos ausgebrannten Menschen, der \u2013 wie so viele Male zuvor \u2013 darum k\u00e4mpft, sich wieder hochzuziehen und sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Doch obwohl es zweifellos tragisch ist zu sehen, was der Fu\u00dfball aus Deisler gemacht hat, mutet die Darstellung melodramatisch an. Ob wahrheitsgem\u00e4\u00df oder nicht, es ist zu viel \u2013 und vor allem komplett unn\u00f6tig, denn auch ohne diese Inszenierung hat Deislers Geschichte alles, was eine Trag\u00f6die ausmacht. <\/p>\n<p>\u00dcberhaupt gibt die Aufbereitung von Deislers Geschichte  Anlass zu Kritik. W\u00fcrde Deisler seine Geschichte aus der Ich-Perspektive erz\u00e4hlen (mit Rosentritt oder wem auch immer als Ghostwriter), w\u00e4re es in Ordnung, ihn einfach bruchst\u00fcckhaft und subjektiv seine Sicht der Dinge erz\u00e4hlen zu lassen, die er erz\u00e4hlen will. Der Erz\u00e4hler von Deislers Geschichte ist aber ein anderer, der Journalist Michael Rosentritt n\u00e4mlich, der eigentlich in der Rolle des Beobachters auftritt. Als solcher erwartet man von ihm aber auch, dass er die Dinge kritisch hinterfragt und differenziert(er) darstellt, vielleicht an manchen Stellen neutralisiert und an anderen bewertet und ein umfassenderes Bild liefert, als das der Fall ist. Ihm fehlt offensichtlich jede gebotene Distanz zu Deisler und seiner Geschichte; dar\u00fcber kann auch nicht hinwegt\u00e4uschen, dass er in den wiedergegebenen Gespr\u00e4chen eine handvoll kritische Fragen stellt bzw. einige wenige Einw\u00e4nde gegen Deislers Sichtweise vorbringt. <\/p>\n<p>Hinzu kommt: Das Buch ist phasenweise \u00fcberladen mit Emotionen, was sich nicht zuletzt sprachlich in der Verwendung unz\u00e4hliger \u00fcberfl\u00fcssiger Adjektive widerspiegelt. So schreibt Rosentritt nicht einfach neutral \u00fcber \u00bbdie Erkrankung\u00ab, sondern \u00fcber \u00bbdie schlimme Erkrankung\u00ab, und die letzten \u00bbJahre\u00ab m\u00fcssen nat\u00fcrlich \u00bbbewegende Jahre\u00ab (S. 15) sein. \u00dcberzogen dramatisch und plakativ sind auch eingestreute Formulierungen wie \u00bbDas Knie wird sp\u00e4ter die Nation in Atem halten, an ihm werden zwei Weltmeisterschaftsteilnahmen zerschellen\u00ab (S. 43). Einen solchen Stil kennt man sonst eher aus der meinungsbildenden Boulevardpresse, weshalb er dem Buch erst recht unangemessen erscheint und deshalb zum Teil ziemlich nervt. <\/p>\n<p>Einige wenige Schwarz-Wei\u00df-Fotos im Text sowie vierfarbige Bildtafeln, zu denen man Datum und \u2013 in den meisten F\u00e4llen recht d\u00fcrftige \u2013 Bildunterschriften im Anhang findet, runden die Biografie ab. Was dem Buch definitiv fehlt, ist eine Timeline mit den wichtigsten Fakten zu Deislers Karriere und Verletzungen; eine solche w\u00e4re an manchen Stellen durchaus hilfreich zur Einordnung von Ereignissen gewesen, zumal diesbez\u00fcgliche Informationen im Internet rar ges\u00e4t sind bzw. in aufgeblasenen Artikeln verloren gehen.<\/p>\n<p><strong><br \/>\nFazit: <\/strong><br \/>\n7\/15 \u2013 Obwohl die Aufbereitung letztlich nicht \u00fcberzeugen kann, ist das Buch f\u00fcr Leute, die sich f\u00fcr Deislers Geschichte interessieren und sich nicht an der einseitigen Sicht der Dinge st\u00f6ren, dennoch lesenswert. Zumindest mich hat diese Biografie trotz aller Kritikpunkte sehr nachdenklich gemacht und tagelang besch\u00e4ftigt; geblieben ist Respekt vor Deislers Kampfgeist und seinem \u00dcberlebenswillen, der manch anderem abgeht. <\/p>\n<p><strong><br \/>\nAnmerkung: Zur\u00fcck im Leben?<\/strong><br \/>\nAngesichts seiner Kritik an den Massenmedien, die ihn vereinnahmt und verschlungen haben, kann man als Leser nicht umhin sich zu fragen, warum der introvertierte Deisler nun mit diesem Buch den Schritt zur\u00fcck an die \u00d6ffentlichkeit macht. Eine zufriedenstellende Antwort darauf gibt es nicht. Deisler selbst sagt in einem Interview, die Leute sollen die Wahrheit erfahren; es ist dar\u00fcber hinaus anzunehmen, dass die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit Teil seiner Auf- bzw. Verarbeitungsstrategie ist. Ob es der richtige Weg ist f\u00fcr jemanden, der die Publicity so verabscheut, kann er nur selbst entscheiden \u2013 meine pers\u00f6nliche Meinung ist, dass f\u00fcr jemanden in seiner Situation alles erlaubt ist, was ihm hilft. <\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich vermittelt das Buch am Ende den Eindruck, Deisler habe inzwischen zur\u00fcck ins Leben gefunden; sein Auftritt bei Stern-TV spricht allerdings eine andere Sprache. Dort wirkt Deisler n\u00e4mlich alles andere als gefestigt, sondern fahrig, nerv\u00f6s, verkrampft und extrem emotional, und es ist nicht zu \u00fcbersehen, dass ihm das Verhalten von Dieter Hoene\u00df im Zusammenhang mit der \u00bbHandgeld-Aff\u00e4re\u00ab nach wie vor immens auf der Seele brennt. Man kann Deisler wirklich nur w\u00fcnschen, dass er irgendwann zur\u00fcck in ein \u00bbnormales\u00ab Leben findet. <\/p>\n<p><strong><br \/>\nWeiterf\u00fchrende Links: <\/strong><br \/>\n&#8211; Interview in <a href=\"http:\/\/www.stern.de\/tv\/aktuell\/sebastian-deisler-bei-stern-tv-so-besiegte-ich-meine-depression-1513275.html\">Stern-TV<\/a> am 11.11.2009<br \/>\n&#8211; Bewertung des TV-Auftritts in der <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/sport\/fussball\/2009-10\/deisler-buch-jauch-stern-hoeness?page=all\">Zeit<\/a> vom 17.11.2009<br \/>\n&#8211; Interview im <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/zeitung\/Sonntag-Sebastian-Deisler;art2566,2389712\">Tagesspiegel<\/a> vom 30.9.2007<br \/>\n&#8211; Interview in der <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2009\/41\/DOS-Deisler?page=all\">Zeit<\/a> vom 5.10.2009<br \/>\n&#8211; Interview im <a href=\"http:\/\/www.11freunde.de\/bundesligen\/17454\">\u00bb11 Freunde\u00ab-Magazin<\/a> vom 8.3.2006<br \/>\n&#8211; Rummel gef\u00e4hrdet die Entwicklung des Talents. Artikel in der \u00bb<a href=\"http:\/\/www.welt.de\/print-welt\/article580774\/Deisler_ist_der_Popstar_den_Hertha_BSC_vermisst_hat.html\">Welt<\/a>\u00ab vom 17.8.1999<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p> Inhalt: Die Geschichte Sebastian Deislers ist die eines jungen Mannes, der als fu\u00dfballerisches Jahrhundert-Talent gilt, mit 21 Jahren Spielmacher der deutschen Nationalmannschaft wird und dessen Ja-Wort dem FC Bayern M\u00fcnchen ein Handgeld von 20 Millionen D-Mark wert ist. 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