{"id":5400,"date":"2010-02-09T14:21:45","date_gmt":"2010-02-09T13:21:45","guid":{"rendered":"http:\/\/buecher.ueber-alles.net\/?p=5400"},"modified":"2010-02-11T18:10:43","modified_gmt":"2010-02-11T17:10:43","slug":"von-einer-die-auszog-ein-literaturwunderkind-zu-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/buecher.ueber-alles.net\/?p=5400","title":{"rendered":"Von einer, die auszog, ein Literaturwunderkind zu werden"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3550087926\/ueberalles-21\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" src=\"http:\/\/www.ueber-alles.net\/Cover\/2010\/3550087926.jpg\" alt=\"\" width=\"159\" height=\"241\" \/><\/a> <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3941592068\/ueberalles-21\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" src=\"http:\/\/www.ueber-alles.net\/Cover\/2010\/3941592068.jpg\" alt=\"\" width=\"159\" height=\"217\" \/><\/a> Wie das Leben doch spielt! Da taucht quasi aus dem Nichts ein 17-j\u00e4hriges M\u00e4del aus dem Schwarzwald auf, dem das Talent offenbar vom Vater, seines Zeichens Autor und renommierter Dramaturg, in die Wiege gelegt wurde. Mit \u00bbAxolotl Roadkill\u00ab liefert Helene Hegemann n\u00e4mlich einen Deb\u00fctroman, der die gestandene Kritikerzunft mehr oder weniger unisono zu \u00fcberschw\u00e4nglichen Lobpreisungen veranlasst. Ein neues Literaturwunderkind ist geboren, es lebe hoch!<\/p>\n<p>Bl\u00f6derweise ziehen noch vor der gro\u00dfen Premiere des Buchs auf einmal dunkle Wolken am strahlend blauen Himmel auf, tritt doch so ein dahergelaufener Popkulturblogger namens Deef Pirmasens auf den Plan und deckt auf, dass das Wunderkind aus Airens Buch \u00bbStrobo\u00ab abgekupfert hat. Mit derartigen Plagiatsvorw\u00fcrfen m\u00fcssen sich allerdings viele erfolgreiche Schriftsteller herumschlagen, und die Kl\u00e4ger stehen nicht selten im Verdacht, nur vom Erfolg anderer partizipieren zu wollen. Das Rad kann nun mal nicht neu erfunden werden, denn (fast) alles war in irgendeiner Form schon mal da; im Prinzip bedient sich jeder irgendwie beim anderen und l\u00e4sst sich inspirieren von Ideen, Szenen, Dialogen, einer besonders gelungenen Formulierung oder Metapher. Die eigentliche Kunst besteht darin, diese Inspiration umzuwandeln und mit eigenen Ideen zu bereichern, sodass etwas Neues entsteht.<\/p>\n<p>Das Vorgehen von Hegemann geht weit \u00fcber eine inhaltliche Inspiration hinaus, wie Deef Pirmasens an diversen Beispielen auf seinem <a href=\"http:\/\/www.gefuehlskonserve.de\/axolotl-roadkill-alles-nur-geklaut-05022010.html\">Blog<\/a> zeigt: Sie hat ganze Abs\u00e4tze fast w\u00f6rtlich \u00fcbernommen sowie einen Liedtext schlicht vom Englischen ins Deutsche \u00fcbersetzt (f\u00fcr diese Passage wurde sie von den Kritikern besonders gehuldigt \u2013 vielleicht kann sie sich notfalls als \u00dcbersetzerin durchschlagen, falls es mit der Karriere als Autorin nicht klappen sollte). Offen ist noch, ob Airens \u00bbStrobo\u00ab das einzige Buch ist, das ihr als \u00bbWegweiser\u00ab diente. Selbst der Ullstein Verlag scheint Zweifel zu haben, denn er weist in seiner <a href=\"http:\/\/www.boersenblatt.net\/sixcms\/detail.php?id=356651\">Pressemitteilung<\/a> auf die inzwischen g\u00e4ngige \u00bbSharing Praxis\u00ab der heutigen Zeit hin und fordert vorsichtshalber schon mal weitere nicht genannte Rechteinhaber auf, sich zu melden, um nachtr\u00e4glich die Rechte zu kl\u00e4ren \u2013 und zu verg\u00fcten.<\/p>\n<p>Wie \u00fcberall im Leben gilt auch im Fall Helene Hegemann das Motto \u00bbMan darf alles \u2013\u00a0au\u00dfer sich dabei erwischen lassen\u00ab; dummerweise wurde der gefeierte Jungstar aber erwischt. Inzwischen wird \u00fcberall von den Plagiatsvorw\u00fcrfen berichtet, mit offener Kritik h\u00e4lt man sich in vielen F\u00e4llen erstaunlich bedeckt. Der <a href=\"http:\/\/www.stern.de\/kultur\/buecher\/helene-hegemann-originalitaet-gibt-es-nicht-nur-echtheit-1541910.html\">Stern<\/a> befindet, dass die Abgrenzung  \u00bbzwischen Ideenklau und gegenseitiger geistiger Befruchtung\u00ab schwierig geworden sei, und Andreas Kilb konstatiert in der <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/s\/RubD3A1C56FC2F14794AA21336F72054101\/Doc~E511E6E582D674E1EB42CB5A6C72A1ED3~ATpl~Ecommon~Scontent.html\">FAZ<\/a>, dass Airen die Gattung ja nun auch nicht neu erfunden habe und Hegemanns abgekupfertes Buch weit besser sei als Airens Original \u2013 als w\u00fcrde das ein solches Vorgehen rechtfertigen! Daf\u00fcr wird immer wieder darauf hingewiesen, dass der Verlag seine Sorgfaltspflicht verletzt habe: Das M\u00e4del sei ja noch so jung und unbedarft, man h\u00e4tte sie verlagsseitig einfach besser und eindringlicher auf die Urheberrechtsproblematik hinweisen m\u00fcssen. Und \u00fcberhaupt h\u00e4tte irgendjemand <em>vor<\/em> Deef Pirmasens merken m\u00fcssen, dass Fr\u00e4ulein Hegemann abkupfert. Offenbar ist man der Ansicht, dass Autoren heutzutage in den meisten F\u00e4llen nachweislich bei irgendjemandem abschreiben und dass Verleger und Lektoren sich neben ihrer eigentlichen Arbeit auch noch als Detektive, Aufkl\u00e4rer und Vermittler von moralischen Grunds\u00e4tzen verdingen sollen?! H\u00e4tte Hegemann aus einem Werk von Weltrang abgeschrieben, ohne dass es bemerkt wurde, w\u00e4re der Vorwurf gerechtfertigt, aber als solches kann man \u00bbStrobo\u00ab wohl kaum bezeichnen \u2013 Airen m\u00f6ge mir verzeihen.<\/p>\n<p>Der eigentliche Skandal an der ganzen Plagiatsgeschichte ist f\u00fcr meine Begriffe die Reaktion der Autorin selbst und damit verbunden die Tatsache, dass der Verlag diesen Unsinn auch noch verbreitet. Hegemann entschuldigt sich n\u00e4mlich zwar notgedrungen daf\u00fcr, den \u00bblegitimen Anspruch der Leute nicht ber\u00fccksichtigt\u00ab zu haben, deren Texte ihr \u00bbgeholfen\u00ab haben, erweist sich aber bez\u00fcglich ihrer Arbeitsweise als erstaunlich kritikresistent und einigerma\u00dfen bockig. Sie bezeichnet ihr Verhalten und Vorgehen als \u00bbtotal legitim\u00ab und rechtfertigt ihre Copy-and-Paste-Arbeitsweise damit, aus einem Bereich zu kommen, \u00bbin dem man auch an das Schreiben von einem Roman eher regiem\u00e4\u00dfig drangeht, sich also \u00fcberall bedient, wo man Inspiration findet. Originalit\u00e4t gibt\u2019s sowieso nicht, nur Echtheit.\u00ab Sie sei selbst \u00bbnur Untermieter in meinem eigenen Kopf\u00ab und fordert eine \u00bbAbl\u00f6sung von diesem ganzen Urheberrechtsexzess durch das Recht zum Kopieren und zur Transformation.\u00ab<\/p>\n<p>Manch einer mag diese Aussagen f\u00fcr ehrlich und zeitgem\u00e4\u00df halten und als Ansto\u00df f\u00fcr eine neue Urheberrechtsdebatte nehmen. Ich pers\u00f6nlich finde, dass allein f\u00fcr Hegemanns Statement das Buch eingestampft und das Wunderkind in den Tiefen des Schwarzwalds ausgesetzt geh\u00f6rt, denn sie versteht offenbar \u00fcberhaupt nicht, worum es bei der Debatte eigentlich geht. Vielleicht sollte sie ihren Kopf besser an jemand anderen untervermieten; mit den Einnahmen lie\u00dfe sich vielleicht Airens Schadensersatz finanzieren!<\/p>\n<p><strong><br \/>\nWeiterf\u00fchrende Links:<\/strong><br \/>\n&#8211; Stellungnahme von Verlag und Autorin, abgedruckt im <a href=\"http:\/\/www.boersenblatt.net\/sixcms\/detail.php?id=356651\">B\u00f6rsenblatt<\/a><br \/>\n&#8211; Interview mit Airen in der <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/s\/RubD3A1C56FC2F14794AA21336F72054101\/Doc~E88A9CA72ADE445F390437D064F10C598~ATpl~Ecommon~Scontent.html\">FAZ<\/a><br \/>\n&#8211; Blogartikel \u00bbAlles nur geklaut?\u00ab von Deef Pirmasens auf <a href=\"http:\/\/www.gefuehlskonserve.de\/axolotl-roadkill-alles-nur-geklaut-05022010.html\">www.gefuehlskonserve.de<\/a><br \/>\n&#8211; Interview mit Deef Pirmasens in der <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/muenchen\/327\/502559\/text\/\">S\u00fcddeutschen<\/a><br \/>\n&#8211; Blog von <a href=\"http:\/\/airen.wordpress.com\/\">Airen<\/a><br \/>\n&#8211; Presseerkl\u00e4rung der <a href=\"http:\/\/www.satt.org\/sukultur\/strobo-presseerklaerung.html\">SuKuLTur Verlags<\/a><br \/>\n&#8211; Interview mit Frank Maleu (Verleger von Airens \u00bbStrobo\u00ab) im <a href=\"http:\/\/www.stern.de\/kultur\/buecher\/plagiatsdiskussion-um-axolotl-roadkill-das-original-wurde-unter-schmerzen-geschrieben-1541957.html\">Stern<\/a><br \/>\n&#8211; Kommentar zum Plagiatsvorwurf von Wolfgang Schneider im <a href=\"http:\/\/www.boersenblatt.net\/sixcms\/detail.php?id=356659\">B\u00f6rsenblatt<\/a><br \/>\n&#8211; Artikel \u00fcber die Lobpreisungen des Buchs bei <a href=\"http:\/\/www.br-online.de\/bayerisches-fernsehen\/suedwild\/tagesthema-axolotl-roadkill-helene-hegemann-ID1265653884641.xml\">BR alpha<\/a><br \/>\n&#8211; Rezension in der <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/s\/Rub79A33397BE834406A5D2BFA87FD13913\/Doc~E18D3D24CAA994C88A24BD58E0C386A8F~ATpl~Ecommon~Sspezial.html\">FAZ<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p> Wie das Leben doch spielt! Da taucht quasi aus dem Nichts ein 17-j\u00e4hriges M\u00e4del aus dem Schwarzwald auf, dem das Talent offenbar vom Vater, seines Zeichens Autor und renommierter Dramaturg, in die Wiege gelegt wurde. Mit \u00bbAxolotl Roadkill\u00ab liefert Helene Hegemann n\u00e4mlich einen Deb\u00fctroman, der die gestandene Kritikerzunft mehr oder weniger unisono zu \u00fcberschw\u00e4nglichen [&#8230;]<\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[233],"tags":[183],"class_list":["post-5400","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-angemerkt","tag-verlagskosmos","odd"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/buecher.ueber-alles.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5400"}],"collection":[{"href":"https:\/\/buecher.ueber-alles.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/buecher.ueber-alles.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/buecher.ueber-alles.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/buecher.ueber-alles.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5400"}],"version-history":[{"count":42,"href":"https:\/\/buecher.ueber-alles.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5400\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5442,"href":"https:\/\/buecher.ueber-alles.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5400\/revisions\/5442"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/buecher.ueber-alles.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5400"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/buecher.ueber-alles.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5400"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/buecher.ueber-alles.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5400"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}